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Entscheidend is’ auf der Straße

Prenzlauer Ecke Danziger: Das Erste, was einem entgegenspringt, wenn man auf die Straße tritt, ist der unheimliche Lärm, der an diesem Knotenpunkt von zwei Tramlinien sowie den beiden mehrspurigen Hauptstraßen verursacht wird. Von hier aus geht’s zu den hot spots des Ostens: Friedrichshain, Eberswalder Straße und Alex-Mitte; nach Norden hin verliert sich der Verkehr ins Nirgendwo nach Weißensee, das seinem eigenen Tempo folgt. Von dieser Kreuzung aus streben alle irgendwoanders hin, als Andenken hinterlassen sie Krach, schlechte Luft und gestresste Anwohner.

Als nächstes trifft man auf einen Schwarm uniformierter Mitarbeiter des Ordnungsamts, das einen Block weiter seinen Sitz hat. Seit man hier für das Parken bezahlen muss, patroulieren die Herren und Damen der Behörde Tag und Nacht durch das Viertel. Sie helfen bei der Durchsetzung der neuen „Parkraumbewirtschaftung“, wie es so schön auf Beamtendeutsch heißt.
Ein Nebeneffekt: Hundebesitzer dürfen endlich aufatmen. Ihre Vierbeiner können nun ungestört ohne Leine durch die Grünanlagen laufen, ohne dass ein Ordnungshüter aus dem Gebüsch springt, um ein Bußgeld zu verhängen. „Jack-Russell“ ist nun mal keine Automarke.

Wenn man die Prenzlauer Allee hochläuft in Richtung S-Bahnhof, fällt einem sofort das hässliche Lächeln dieser Straße auf. Wie Zahnlücken stechen die leerstehenden, dunklen Ladenflächen hervor, in deren Fenster orange-farbene „Zu vermieten“-Schilder mit Telefonnummer hängen. Unverständliche, Grafitti-ähnliche Zeichen sind auf die Scheiben geschmiert. Hier kann sich ein Tagger verewigen, wenn er mag. Die Scheiben werden erst wieder geputzt, wenn der Laden einen neuen Besitzer gefunden hat. Und das kann dauern.

Es gibt zweifelsohne hübschere Ecken in Berlins schickem Prenzlauer Berg, das Winsviertel und der Käthe-Kollwitz-Kiez sind nur fünf Minuten zu Fuß entfernt. Aber was ist schon schön?
Wer als Zugezogener in Berlin lebt, der hat sein Verständnis von Schönheit nicht nur einmal überdacht und revidiert. Denn die Hauptstadt hat – abseits der Vorzeigestraßen und Puppenhaus-Alleen – ihre eigene Attraktivität. Das gilt auch für dieses Stück der Prenzlauer Allee.

An einem Automatencasino flimmert unablässig das Leuchtschild „open 23 Stunden“. Eine Frauenkleider-Boutique bietet deutsche Größen von 36 bis 50 an. Ein Krimskrams-Geschäft ist vollgestopft wie eine Messie-Wohnung. Den Namen habe ich vergessen. Wenn ich ehrlich bin, hat es mich bisher auch nicht interessiert, obwohl ich bereits unzählige Male daran vorbeigelaufen bin – und einmal sogar was gekauft habe. Nein, nicht ganz. Letzten Sommer wollte ich während der Affenhitze einen Standventilator kaufen. Natürlich waren alle aufgrund der tropischen Temperaturen in nullkommanichts verkauft, ich kam viel zu spät. Ich solle nächste Woche noch einmal wiederkommen, sagte man mir damals. Mittlerweile ist fast ein Jahr vergangen, bald kehrt der Sommer wieder und ich habe immer noch keinen Ventilator.

Vor einem Spieleladen, in dem man auch direkt zocken kann, stehen regelmäßig Teenager herum, rauchen und spucken auf den Boden. Oft auch solche, die vollkommen schwarz gekleidet sind – früher hätte man sie als „Gruftis“ oder „Schwarze“ bezeichnet. Eine dicke, modrige Patchouli-Wolke umgibt sie. Nach Schaufenster und Publikum zu urteilen werden hier vornehmlich Fantasy-Rollenspiele veranstaltet.

Neben dem Jugendtreff befindet sich eine klassische Berliner Eckkneipe, die in der Namensgebung durchaus Fantasie beweist. Das „Warsteiner-Café“ macht den Eindruck, als ob es hier hauptsächlich um das erste der beiden deutschen Volksgetränke gehe.
Draußen wird an Cafétischen und –stühlen der leckere Gerstensaft geleert, drinnen tut man am dunklen Tresen nichts Anderes. Die Bewegungen in der Bar wirken im Vergleich zum vorbeirauschenden Verkehr draußen wie um das 100fache verlangsamt: Zigarettenqualm steigt zur Decke, jemand führt sein Glas zum Mund, die Thekenkraft zapft ein weiteres Pils. Es scheint, als ob die Zeitlupe-Taste gedrückt wäre – nur das Blinken des Spielautomaten an der Wand widersetzt sich dem verlangsamten Modus.

Am Fenster hängt ein vergilbtes Schild: „Raucherkneipe. Eintritt ab 18 Jahren.“ Und noch ein Aushang ist an die Scheibe gepinnt: „Wir suchen eine nette, zuverlässige Mitarbeiterin“, „zuverlässige“ ist doppelt unterstrichen.

Auch 200 Meter weiter Richtung S-Bahnhof werden verlässliche Leute gesucht. Ein Blumenladen braucht Aushilfen und bietet dafür Minijobs. Kurze Lebensläufe sind an der Kasse abzugeben, steht auf einem handgeschriebenen Poster. An Arbeit und ein bisschen Geld für sogenannte Gering-Qualifizierte scheint es in dieser Ecke nicht zu mangeln.

Auch der Weg des HSV ist unsicher und der Verein blickt in eine ungewisse Zukunft. Zu Saisonende gibt es einige Vakanzen. Gestandene Profis wie Frank Rost, Ruud van Nistelrooy, Piotr Trochowski und nun auch Zé Roberto haben sich entschieden, den Verein zu verlassen. Diese Kräfte werden wohl kaum von Großverdienern ersetzt, weil das Geld an der Alster nach zwei verpatzten Europa League Teilnahmen mittlerweile knapp ist und ein moderater Sparkurs eingeleitet werden muss.

Der neue Sportchef Frank Arnesen wird zwar nicht unbedingt Minijobs ausschreiben, noch wird er sich auf die Suche nach Gering-Qualifizierten machen. Aber die Zeit großer Transfers ist für die nächste Zeit vorbei. Der Däne wird sich am Vorbild Dortmunds und noch eher dem von Hannover orientieren müssen. Der „kleine HSV“ aus Niedersachsen demonstrierte in der aktuellen Saison eindrucksvoll, wie man mit einer disziplinierten taktischen Ordnung auch ohne Stars erfrischend auftreten kann.

Wie auf der Prenzlauer Allee ist auch bei den Hanseaten noch nicht ganz klar, wohin die Reise geht. Entweder gerät der Verein kommende Saison wie Werder Bremen in ernsthafte Schwierigkeiten. Oder er entwickelt sich wie der 1.FC Nürnberg oder Hannover 96 und avanciert zur Überraschung der Liga. Dafür braucht der Rautenklub Verstärkung, die mit großem Herz aufspielt und vor allem eins ist: zuverlässig.

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Oh Veh!

Armin Veh tritt an den Spielfeldrand und dirigiert von dort seine Spieler nach vorne. Wieder einmal hat sein HSV einen dummen Gegentreffer hinnehmen müssen und ist in Rückstand geraten. Kurz vor Schluss der regulären 90 Minuten drängt plötzlich die Zeit, die man vorher leichtsinnig vertändelt hat.

Eigentlich hatten sich die favorisierten Hamburger schon mit dem Unentschieden gegen den 1.FC Köln abgefunden. Momentan bäckt man ja an der Alster kleinere Brötchen. Man hat die Europa League verpasst und auch in dieser Saison den Kontakt zur Spitze schon verloren. Aber an eine Niederlage beim Tabellenletzten haben selbst die größten Pessimisten keinen Gedanken verschwendet. Nun heißt es, noch einmal die letzten Kräfte zu mobilisieren, auch wenn im Grunde der Glaube im Team fehlt, das Ruder noch einmal herumreißen zu können. Das spürt auch Armin Veh, weshalb seine nach vorne rudernden Armbewegungen nicht richtig motivierend wirken. Es beschleicht einen eher das Gefühl, als wolle sich hier jemand vor dem Ertrinken retten.

Der HSV-Coach sieht in dieser Situation ziemlich grimmig aus. Wie so oft, wenn seine Elf einen späten Gegentreffer hinnehmen muss, weil einer der hochbezahlten Elitekicker sich wieder einmal einen Schnitzer geleistet hat, den man günstigenfalls als Schuljungenstreich verbuchen kann. Im schwarzen Mantel mit grau meliertem Haar und dem blassen Gesicht erinnert der 49 jährige Augsburger an eine graue Eminenz, an Horst Frank in der Rolle als Baron, bevor er Timm Thaler das Lachen abgekauft hat. Niemand möchte mit Veh in diesem Moment tauschen.

In der vergangenen Pokalwoche hatte selbst der Stress resistente Trainer wohl ein paar graue Haare mehr bekommen. Erst wurde er von einem heimtückischen Grippevirus außer Gefecht gesetzt, dann servierte ihm sein Assistent Michael Oenning zusammen mit einer Kanne Kamillentee die Hiobsbotschaft von der Pokal-Schlappe gegen Frankfurt: Die gesamte Mannschaft hatte an taktischer Inkontinenz gelitten und sich in einem wirklich besorgniserregenden Zustand präsentiert.

Wen mag es da wundern, dass es den Patienten in dieser akuten Krise keine Sekunde länger in seinem Krankenbett hielt und er am 10. Spieltag gegen den 1. FC Köln wieder auf der Trainerbank saß? Dem Übungsleiter war deutlich anzusehen, dass immer noch feindliche Virenverbände an seinen Kräften zehrten. Die Krankheitserreger mussten auf ihn aber wie Heilmittel gewirkt haben im Vergleich zu der bitteren Pille, die ihm seine Mannschaft in Kölner Rhein-Energie-Stadion verabreichte.

Die Hamburger agierten so unaufgeräumt, als wollten sie Armin Veh noch an Ort und Stelle unter die Erde bringen. Im Spiel nach vorne herrschte Verstopfung infolge zuwenig Bewegung und nach hinten pfiff der Ball durch die Abwehrreihen wie bei einer klassischen Diarrhoe. Zu diesen Symptomen gesellte sich eine rätselhafte Vergesslichkeit, denn ein ums andere Mal ließ man den Kölner Stürmer Milivoje Novakovic aus den Augen, der sich höflich mit drei Treffern für den Freiraum bedankte.

Verschnupft nahm der Patient auf der Trainerbank der Hanseaten die Nachlässigkeiten zur Kenntnis und verwies auf die individuellen Qualitäten in seinem Team, die aber momentan nicht abgerufen würden. Es ist das alte Leiden bei den Rothosen: Anspruch und Wirklichkeit wollen sich einfach nicht decken. Das Argument der traditionell langen Verletztenliste als Grund für den ausbleibenden Erfolg greift zu kurz, da erstens auch andere Bundesligamannschaften ersatzgeschwächt sind und trotzdem ihre Punkte einfahren. Zweitens ist noch völlig offen, wie denn Armin Vehs Bestbesetzung aussehen würde. Die Rotation in seiner Amtszeit war bislang – freilich auch verletzungsbedingt – zu hoch, als dass sich eine Stammelf herauskristallisiert hätte.

Zwei Wochen zuvor gab es noch große Hoffnung bei den Nordlichtern. Nach dem Sieg gegen Mainz war Veh zu Gast in der Fußballrunde Doppelpass. Am darauffolgenden Samstag schoss er beim Aktuellen Sportstudio auf die Torwand. Jenseits des Spielfelds zeigt der Schwabe eine andere Facette seiner Persönlichkeit. Analysiert Situationen sachlich und ruhig, streut trockene, humorvolle Pointen in seine Rede. Das Karohemd steckt in der Bluejeans, auf ein Sakko verzichtet er. Wenn er nicht den Rautenklub coachen muss, wirkt der frühere VfB-Trainer viel jünger und ziemlich schelmisch: Aus dem finsteren Baron wird der Lausbub Timm Thaler.

Recht amüsiert nahm er beim Doppelpass einen ganz besonders gut gemeinten Tipp eines Journalisten entgegen. Angesichts des fortgeschrittenen Alters einiger Leistungsträger wie Zé Roberto, Ruud van Nistelrooy oder Frank Rost, solle Veh in dieser Saison den HSV auspressen wie eine Zitrone. Er solle noch einmal das Beste aus den betagten Akteuren herausholen und gleichzeitig an einem Umbau beziehungsweise einer Verjüngung des Teams arbeiten.

Der Trainerfuchs konnte sich ein zustimmendes, spitzbübisches Lächeln nicht verkneifen und mir wurde klar. Der Mann versteht mehr von Fußball als alle selbst ernannten Ratgeber zusammen, an denen ja beim HSV noch nie Mangel geherrscht hat. Er braucht nur Zeit, um eine Mannschaft zu formen, die seine Handschrift trägt. Und in der sich ein Abwehrspieler findet, der sich nicht zu fein ist, Novakovic zu decken. Dann wird der Fußballlehrer hoffentlich bald auch am Spielfeldrand der Imtech-Arena einigen Grund zum Lachen haben und sich wieder bester Gesundheit erfreuen.

Play English Or Die

„Scheps isch Englisch und Englisch isch modern.“, pflegte meine Mutter zu sagen, wenn ich mich als Kind mal wieder etwas unordentlich oder wie sie es nannte „scheps“ (schief) anzog oder ein Poster schräg an die Wand hängte.

Mindestens so schief wie manch schwäbische Weisheit waren die Ergebnisse des 2. Spieltags der Fußball-Bundesliga: 6:3, 4:3, 4:2. Es scheint, als wären die Torhüter letztes Wochenende zusammen mit ihren Abwehr-Viererketten auf einem Betriebsausflug gewesen, so sperrangelweit standen die Tore in Deutschlands höchster Spielklasse offen. „Torfabrik“, der Ball mit dem seit dieser Saison alle Erstliga-Vereine spielen, machte seinem Namen also alle Ehre und die Zuschauer konnten sich über englische Verhältnisse in den Stadien freuen. Auf der Insel greifen die Torhüter ja auch ohne den deutschen Wunderball traditionell öfter hinter sich, was sowohl dem englischen Tempofußball als auch der Slapstick-Begabung der dortigen Goalies geschuldet ist.

Doch auch auf der Insel fallen in der gegenwärtigen Spielzeit mehr Tore als gewohnt. Gleich drei Teams gewannen am 2. Spieltag mit 6:0; der FC Chelsea strafte gleich zwei Gegner mit diesem Ergebnis ab und führt nach drei Spielen und drei Siegen mit 14:0 Toren die Premier League an. Das macht im Durchschnitt rund 4,7 Tore pro Spiel. Das ist phänomenal, spricht aber auch nicht unbedingt für die Erstligatauglichkeit der Gegner.

Raphael Honigstein spürt in seinem Buch Harder, better, faster, stronger der „geheimen Geschichte des englischen Fußballs“ nach und versucht zu erklären, warum gerade auf der Insel so viele Tore fallen. In der Mentalität des Einsteckenkönnens sieht er den Schlüssel dafür. Wer das eigene Tor zu sehr beschützt, gilt im Königreich nicht als clever, sondern als Angsthase. Ein echter Engländer sehnt Rückschläge sogar herbei, um aus ihnen dann wie Phönix aus der Asche wieder aufzuerstehen. Ein leidenschaftlich errungenes 5:4 gilt mehr als ein klares, humorloses 5:0. Das konträre Modell dazu bildet der Italienische Catenaccio-Fußball. Oberste Priorität bei dem berüchtigten Abwehrriegel ist, keinen reinzukriegen. Die Machos von den Appeninen wollen vom Gegner nicht zur Frau gemacht werden und stellen deswegen den Wunsch, selbst ein Tor zu erzielen, hinten an.

Übertragen bedeutet das, dass am vergangenen Bundesliga-Spieltag die gestandenen Torhüter von Leverkusen und Wolfsburg zu Frau René Adler (6! reingekriegt) und Frau Diego Benaglio (nur 4 Gegentore) mutierten und große Leidensfähigkeit unter Beweis stellen mussten.

Dagegen fährt der HSV momentan eher gemäßigte, aber dennoch erfolgreiche Ergebnisse ein. 3:1 gewann man am Wochenende in Frankfurt. Traditionell erwischten die Hamburger einen guten Start, was in der Vergangenheit bedeutete, dass der Einbruch nicht lange auf sich warten ließ.

Anders als in der letzten Saison, als die Rothosen für ihre Frühstarts in der ersten Viertelstunde gefürchtet waren und dann ab der 60. Minute stetig abbauten, beweisen sie nun einen langen Atem. Alle fünf Tore in den beiden Partien wurden in der zweiten Halbzeit erzielt, drei davon nach der 80. Minute. So viel Puste hätte man den Hanseaten gar nicht zugetraut. Skeptiker meinten, Ruud van Nistelrooy, Zé Roberto und David Jarolim könnten höchstens noch bei einer Ü30-Party für Wirbel sorgen, nicht aber in der jugendlichen Bundesliga. Sie haben sich getäuscht. Die Hamburger Oldies können sich ganz auf Meisterschaft und Pokal konzentrieren und dort zeigen, dass sie Goldies sind. Die nervige Europa League haben sie sich diesmal erspart – und verzichten somit auf anstrengende Englische Wochen.

Raphael Honigstein, Harder, better, faster, stronger. Die geheime Geschichte des englischen Fußballs. KiWi Köln 2006.

Farbenspiele

Zehn Paar schwarzgelbe Ringelsocken und die Südtribüne, eine 25.000 Mann starke „Wand“, ebenfalls im grellen Gelbton: Beim Auswärtsspiel in Dortmund ging es farbenfroh zu. Selbst der neue Derbystar-Ball strahlte nicht nur weiß, sondern – passend zum BVB-Hauptsponsor – purpur.

Dem HSV wurde dieses Spiel am Ende doch zu bunt. Der Verein ist bekanntlich ein Vertreter zurückhaltender Töne, vor allem das Blau präsentiert er mit kühler Eleganz. Angesichts der drängenden schwarzgelben Dortmunder aber wirkten die Hamburger wie festgeklebt. Vielleicht hatte das etwas mit dem ehemaligen Sponsor der Westfalen zu tun. Deutschlands bekanntester Klebstoffhersteller weist bekanntermaßen dieselbe Farbkombination auf.

So lässt sich zumindest die zeitweilige Hirnverkleisterung von Dennis Aogo erklären, die zu einer verunglückten Vorlage zu Gegenspieler Nelson Valdez führte. Diesmal dachte der Chancentod aus Paraguay nicht lange nach und erzielte entgegen seiner sonstigen Gewohnheit ein Tor, das Tor des Tages. Hätte man vorher auf einen Erfolg des Stürmers gesetzt, man hätte sicherlich einen ordentlichen Wettbonus (Anzeige) einstreichen können. Mit diesem Sieg zieht Dortmund jedenfalls am HSV vorbei, dem wieder einmal nur der ungeliebte fünfte Platz bleibt.

Aus dem Europa League Abonnement kommen die Rothosen anscheinend nicht so leicht heraus. Für die Vorstellung von Bruno Labbadias Team findet Frau Pleitegeiger deftige Worte und hat dabei einen völlig anderen Farbton im Sinn: „Das war, Entschuldigung, aber das muss auch mal gesagt werden, schlichtweg Scheiße!“

Ein Oranje soll nun einen frischen Akzent im Hamburger Sturm setzen. Zum Entsetzen meiner Freundin, die diese Farbe abgrundtief hasst. Ruud van Nistelrooy wurde am Wochenende aus Madrid geholt, um die Tradition der Niederländer an der Alster fortzusetzen. Die Kollegen im Angriff Tunay Torun und Marcus Berg dürfen es sich schon einmal auf der Auswechselbank bequem machen. Ich bin mir sicher, „Van the man“ wird für die Hanseaten genauso wichtig wie Landsmann Arjen Robben für die Münchener Bayern. Die funkeln in der Offensive mittlerweile wieder ganz respektabel. Allein Trainer Louis van Gaal war in der Begegnung gegen die Weserlinge etwas ungeschickt. Nach Robbens Latte-Unterkante-Freistoßtor ließ er sich vor Freude auf das Grün fallen und schürfte sich dabei die Hand auf. Auch eine Form, sich zum Bayern-Rot zu bekennen.

Mann oder Maus

Egal, ob man zuerst mit dem linken Fuß aufgestanden ist, einen rabenschwarzen Tag erwischt oder aufgrund einer endlos langen Invalidenliste nur noch mit einer kümmerlichen B-Elf auflaufen kann: Es gibt Spiele, die muss man als Topmannschaft einfach gewinnen – egal, wie. Das galt letzten Sonntag für den Hamburger SV, da noch Tabellendritter, gegen den Vorletzten, den VFL Bochum. Zur Erinnerung: Auch in schlechten Zeiten prangt auf dem HSV-Trikot ja ein Stern über der Raute – für drei gewonnene Meisterschaften seit Gründung der Bundesliga. Und der müsste doch jedem Hamburger die Brust so breit anschwellen lassen, dass da keine Rennmaus wie Stanislav Sestak vorbei kommt, sollte man meinen. War aber trotzdem so, da Joris Mathijsen den Zweikampf verstolperte. Auch für den Torschützen Dennis Grote hatte sich im Strafraum keiner verantwortlich gefühlt. So verlor der Favorit nullzueins im eigenen Stadion gegen die ewig-graue Maus Bochum. Mit Verlaub: Wie armselig ist das denn?

Die Hanseaten warten nun schon fünf Liga-Spiele lang auf einen Sieg. Die beiden Unentschieden gegen Leverkusen und Schalke waren ja noch akzeptabel, obwohl man auf Schalke wirklich hätte gewinnen müssen. Aber seit dem Halloween-Desaster gegen Gladbach scheinen endgültig alle Dämme in der HSH-Nordbank-Arena zu brechen. Gerade in den Partien mit unterklassigen Gegnern wie Gladbach, Hannover und Bochum, lässt der Sportverein die Punkte liegen, wobei der Spielverlauf dieser Begegnungen ein gemeinsames Muster aufweist: Starker Beginn mit gefühlten 90% Ballbesitz. Und dann fehlt vor dem Tor die Durchschlagskraft, die Cleverness, das Glück. Der HSV versäumt es einfach, die Falle zuschnappen zu lassen und das Spiel in der ersten Hälfte zu entscheiden, was sich dann bitter rächt. Denn in der zweiten Halbzeit bringt er gar nichts mehr zustande und gerät meist ab der 60./65. Minute ordentlich unter Druck. Wie in der vorangegangenen Spielzeit können die Hamburger gegen Ende keine Kraftreserven mehr mobilisieren – der Akku ist mausetot. Da fangen selbst Bochumer Mäuse an auf den Tischen zu tanzen und am Ende ist das Weh-Geschrei an der Alster groß.

Nach der zweiten Heim-Pleite in Folge ist der ambitionierte Rautenclub zum ersten Mal wieder aus der Championsleague gerutscht. Fünfter: das heißt schon wieder nur Europa-League. Kleiner Trost: das kann sich beim derzeitigen Tabellenstand noch ändern, oben liegen die Mannschaften ja dicht beieinander. Zumal die Rothosen in den nächsten Wochen wieder gegen attraktive Gegner spielen dürfen: gegen die drängelnden Mainzer und gegen Hoffenheim. Und vielleicht schaffen sie es dann, endlich wieder gut zu spielen. Zeit wär’s: Am letzten Spieltag vor der Winterpause gibt es nämlich noch eine Rechnung zu begleichen – gegen die grünen, nach Fisch stinkenden Lieblingsfeinde. Und die sind keine grauen Mäuse.

Erfolg ist Kopfsache

Es hätte für den HSV ein wirklich schönes Berg-Fest werden können. Erst am Donnerstag hatte Marcus Berg in der Europa League getroffen – gegen Celtic Glasgow schoss er das entscheidende Einszunull, nach feinem Zusammenspiel mit Zé Roberto. Und am vergangenen Sonntag bewies der junge Schwede endlich auch einmal wieder in der Bundesliga, dass er weiß, wo das Tor steht und war im Spitzenspiel gegen Schalke gleich zweimal erfolgreich. Beide Treffer wurden von den Tempomachern Eljero Elia und Zé Roberto unnachahmlich herausgespielt und sind Indiz für die hohe Spielkultur, die bei den Hanseaten in dieser Saison herrscht. Jeder, der die Raute im Herzen trägt, hofft, dass der Torschützenkönig der U21-EM nun den Durchbruch geschafft hat. Gleich in seiner ersten Saison bildet er den Einmann-Sturm des Titelkandidaten und soll den HSV in Liga und Europa League mit möglichst vielen Toren auf Kurs halten. Es gibt wirklich leichtere Aufgaben für einen 23-Jährigen.

Trotz ihrer stark dezimierten Angriffsreihe hätten die Hamburger fast drei Punkte aus Schalke mitgenommen und wären beinahe wieder Spitzenreiter geworden – mit zwei Punkten Abstand auf Leverkusen. Der Spieler des Tages vereitelte jedoch die Träume des HSV in allerletzter Minute: Kevin Kuranyi. Den Stürmer, der bei den Knappen umstritten ist, bekamen die Rothosen einfach nicht in den Griff. Er erzielte zwei Tore und holte ausgerechnet den Freistoß heraus, der die rote Karte für David Rozehnal bedeutete und das Zweizuzwei einbrachte. Viele betrachten den ehemaligen Nationalspieler schon seit seiner Zeit beim VFB Stuttgart als spielerisch stark limitiert – sein Kopfballspiel ist aber immer noch eines der besten in der Liga. Das zumindest bekam der HSV schmerzlich zu spüren.
Die drei Kopfballtore der Königsblauen verdeutlichten die Schwächen der Hamburger Innenverteidiger Joris Mathijsen und David Rozehnal in der Luft. Später kam zwar der kopfballstarke, aber verletzte Jerome Boateng ins Spiel. Doch auch er konnte den Ausgleichstreffer nicht verhindern. Nach einer Zweizunull- und einer Dreizuzwei-Führung zehn Minuten vor Schluss fühlte sich dieses Unentschieden für Hamburg im Grunde wie eine Niederlage an.

Glücklicherweise hat der HSV diese Woche während der DFB-Pokal-Spiele ein bisschen Pause. Böse Zungen behaupten, die abgezockten Hamburger seien in diesem Wettbewerb mit Absicht ausgeschieden, damit sie die Zeit sinnvoll nutzen können: Mit Extra-Einheiten Kopfballtraining für die Innenverteidigung. Vielleicht assistiert ja Horst Hrubesch als Experte.

Das Schaf im Wolfspelz

Niemand kann der Hertha den Vorwurf machen, sie hätte es gestern in ihrem Europa League-Spiel nicht zumindest versucht. Wirklich, sie wollte ein ebenbürtiger Gegner sein und Sporting Lissabon das Feld nicht kampflos überlassen. Der FC Bayern München hatte in der vergangenen Saison ja bereits gezeigt, dass die Portugiesen verwundbar sind, und ihnen zwei Mal richtig das Fell über die Ohren gezogen. Aber an der Spree glaubte man nicht mehr an einen derartigen Jagderfolg und setzte demgegenüber auf listige, psychologische Finten, die den Gegner verwirren und verunsichern sollten.

Zum Beispiel ließ der Club einen gewissen Kaka auflaufen, der jedoch, wie man schnell feststellen konnte, mit dem Mittelfeld-Ass von Real Madrid weder verwandt noch verschwägert ist. Dem Hertha-Kaka fehlt nämlich leider genau das, womit sein Namensvetter aus der Primera Division die Welt verzaubert: das Fußball-Gen.
Doch wenigstens auf die quer gestreiften Sporting-Trikots gaben die Berliner eine freche Antwort: Ihr längs gestreiftes, schwarz-rotes Auswärtsdress, das ganz zufällig an das Heimtrikot von AC Mailand erinnert. Auch wenn die Farben von Milan momentan genauso wenig furchteinflößend wirken wie die der Hertha: die Verwirrung war grandios.
Und zum Schluss musste man sogar vermuten, die Herthaner haben einen Hund ins Stadion eingeschleust. Ununterbrochen hallte aufgeregtes Gekläffe durch die Arena. Sollte das etwa eine Weddinger-Hinterhof-Atmosphäre ins Stadion zaubern? Wo noch ehrlich im Käfig gebolzt wird und Hunde ihr Maul mindestens so weit aufreißen dürfen wie ihre Herrchen.

Die Zielsetzung dieser großen Illusion liegt auf der Hand: Sporting Lissabon sollte eingeschüchtert werden und das Gefühl bekommen, der Gegner sei kein unterdurchschnittliches Bundesligateam, sondern der AC Mailand. Und in dessen Reihen hat bekanntlich der Topstar Kaka vor gar nicht allzu langer Zeit gewirbelt. Hertha spielte also das Schaf im Wolfspelz. Schade nur, dass der Wolf Milan momentan große Zahnprobleme hat und auch nicht mehr kräftig zubeißt. Deshalb ging das raffinierte Verwirrspiel nicht auf: Hertha verlor erneut, wenn auch nur knapp mit Einszunull.


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