Posts Tagged 'Piotr Trochowski'

Entscheidend is’ auf der Straße

Prenzlauer Ecke Danziger: Das Erste, was einem entgegenspringt, wenn man auf die Straße tritt, ist der unheimliche Lärm, der an diesem Knotenpunkt von zwei Tramlinien sowie den beiden mehrspurigen Hauptstraßen verursacht wird. Von hier aus geht’s zu den hot spots des Ostens: Friedrichshain, Eberswalder Straße und Alex-Mitte; nach Norden hin verliert sich der Verkehr ins Nirgendwo nach Weißensee, das seinem eigenen Tempo folgt. Von dieser Kreuzung aus streben alle irgendwoanders hin, als Andenken hinterlassen sie Krach, schlechte Luft und gestresste Anwohner.

Als nächstes trifft man auf einen Schwarm uniformierter Mitarbeiter des Ordnungsamts, das einen Block weiter seinen Sitz hat. Seit man hier für das Parken bezahlen muss, patroulieren die Herren und Damen der Behörde Tag und Nacht durch das Viertel. Sie helfen bei der Durchsetzung der neuen „Parkraumbewirtschaftung“, wie es so schön auf Beamtendeutsch heißt.
Ein Nebeneffekt: Hundebesitzer dürfen endlich aufatmen. Ihre Vierbeiner können nun ungestört ohne Leine durch die Grünanlagen laufen, ohne dass ein Ordnungshüter aus dem Gebüsch springt, um ein Bußgeld zu verhängen. „Jack-Russell“ ist nun mal keine Automarke.

Wenn man die Prenzlauer Allee hochläuft in Richtung S-Bahnhof, fällt einem sofort das hässliche Lächeln dieser Straße auf. Wie Zahnlücken stechen die leerstehenden, dunklen Ladenflächen hervor, in deren Fenster orange-farbene „Zu vermieten“-Schilder mit Telefonnummer hängen. Unverständliche, Grafitti-ähnliche Zeichen sind auf die Scheiben geschmiert. Hier kann sich ein Tagger verewigen, wenn er mag. Die Scheiben werden erst wieder geputzt, wenn der Laden einen neuen Besitzer gefunden hat. Und das kann dauern.

Es gibt zweifelsohne hübschere Ecken in Berlins schickem Prenzlauer Berg, das Winsviertel und der Käthe-Kollwitz-Kiez sind nur fünf Minuten zu Fuß entfernt. Aber was ist schon schön?
Wer als Zugezogener in Berlin lebt, der hat sein Verständnis von Schönheit nicht nur einmal überdacht und revidiert. Denn die Hauptstadt hat – abseits der Vorzeigestraßen und Puppenhaus-Alleen – ihre eigene Attraktivität. Das gilt auch für dieses Stück der Prenzlauer Allee.

An einem Automatencasino flimmert unablässig das Leuchtschild „open 23 Stunden“. Eine Frauenkleider-Boutique bietet deutsche Größen von 36 bis 50 an. Ein Krimskrams-Geschäft ist vollgestopft wie eine Messie-Wohnung. Den Namen habe ich vergessen. Wenn ich ehrlich bin, hat es mich bisher auch nicht interessiert, obwohl ich bereits unzählige Male daran vorbeigelaufen bin – und einmal sogar was gekauft habe. Nein, nicht ganz. Letzten Sommer wollte ich während der Affenhitze einen Standventilator kaufen. Natürlich waren alle aufgrund der tropischen Temperaturen in nullkommanichts verkauft, ich kam viel zu spät. Ich solle nächste Woche noch einmal wiederkommen, sagte man mir damals. Mittlerweile ist fast ein Jahr vergangen, bald kehrt der Sommer wieder und ich habe immer noch keinen Ventilator.

Vor einem Spieleladen, in dem man auch direkt zocken kann, stehen regelmäßig Teenager herum, rauchen und spucken auf den Boden. Oft auch solche, die vollkommen schwarz gekleidet sind – früher hätte man sie als „Gruftis“ oder „Schwarze“ bezeichnet. Eine dicke, modrige Patchouli-Wolke umgibt sie. Nach Schaufenster und Publikum zu urteilen werden hier vornehmlich Fantasy-Rollenspiele veranstaltet.

Neben dem Jugendtreff befindet sich eine klassische Berliner Eckkneipe, die in der Namensgebung durchaus Fantasie beweist. Das „Warsteiner-Café“ macht den Eindruck, als ob es hier hauptsächlich um das erste der beiden deutschen Volksgetränke gehe.
Draußen wird an Cafétischen und –stühlen der leckere Gerstensaft geleert, drinnen tut man am dunklen Tresen nichts Anderes. Die Bewegungen in der Bar wirken im Vergleich zum vorbeirauschenden Verkehr draußen wie um das 100fache verlangsamt: Zigarettenqualm steigt zur Decke, jemand führt sein Glas zum Mund, die Thekenkraft zapft ein weiteres Pils. Es scheint, als ob die Zeitlupe-Taste gedrückt wäre – nur das Blinken des Spielautomaten an der Wand widersetzt sich dem verlangsamten Modus.

Am Fenster hängt ein vergilbtes Schild: „Raucherkneipe. Eintritt ab 18 Jahren.“ Und noch ein Aushang ist an die Scheibe gepinnt: „Wir suchen eine nette, zuverlässige Mitarbeiterin“, „zuverlässige“ ist doppelt unterstrichen.

Auch 200 Meter weiter Richtung S-Bahnhof werden verlässliche Leute gesucht. Ein Blumenladen braucht Aushilfen und bietet dafür Minijobs. Kurze Lebensläufe sind an der Kasse abzugeben, steht auf einem handgeschriebenen Poster. An Arbeit und ein bisschen Geld für sogenannte Gering-Qualifizierte scheint es in dieser Ecke nicht zu mangeln.

Auch der Weg des HSV ist unsicher und der Verein blickt in eine ungewisse Zukunft. Zu Saisonende gibt es einige Vakanzen. Gestandene Profis wie Frank Rost, Ruud van Nistelrooy, Piotr Trochowski und nun auch Zé Roberto haben sich entschieden, den Verein zu verlassen. Diese Kräfte werden wohl kaum von Großverdienern ersetzt, weil das Geld an der Alster nach zwei verpatzten Europa League Teilnahmen mittlerweile knapp ist und ein moderater Sparkurs eingeleitet werden muss.

Der neue Sportchef Frank Arnesen wird zwar nicht unbedingt Minijobs ausschreiben, noch wird er sich auf die Suche nach Gering-Qualifizierten machen. Aber die Zeit großer Transfers ist für die nächste Zeit vorbei. Der Däne wird sich am Vorbild Dortmunds und noch eher dem von Hannover orientieren müssen. Der „kleine HSV“ aus Niedersachsen demonstrierte in der aktuellen Saison eindrucksvoll, wie man mit einer disziplinierten taktischen Ordnung auch ohne Stars erfrischend auftreten kann.

Wie auf der Prenzlauer Allee ist auch bei den Hanseaten noch nicht ganz klar, wohin die Reise geht. Entweder gerät der Verein kommende Saison wie Werder Bremen in ernsthafte Schwierigkeiten. Oder er entwickelt sich wie der 1.FC Nürnberg oder Hannover 96 und avanciert zur Überraschung der Liga. Dafür braucht der Rautenklub Verstärkung, die mit großem Herz aufspielt und vor allem eins ist: zuverlässig.

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Ein Tor fürs Nirwana

Lakshmi, Göttin des Glücks und der Schönheit

Meines Wissens besitzt meine Freundin weder die indische Staatsbürgerschaft, noch hat sie familiäre Wurzeln dort. Sie hängt auch nicht dem hinduistischen Glauben an. Und wenn, dann hat sie den Gebetsaltar für Shiva, Vishnu oder Kali bisher ganz gut vor mir versteckt. Das Indischste an unserer Wohnung ist das Currypulver, das unbenutzt im Gewürzregal vor sich hingammelt und mich daran erinnert, dass die handelsübliche Curry-Mischung auf die britische Kolonialzeit im 18. Jahrhundert zurückgeht. Diese Periode war übrigens mindestens so unnütz wie mein Wissen darum.

Da ist meine Freundin praktischer veranlagt, denn ihre Vorliebe für Yoga dient der Entspannung. Die Übungen, die mittlerweile in der ganzen westlichen Welt praktiziert werden, sind aber so in Mode gekommen, dass sie mit der ursprünglichen Form auf dem asiatischen Subkontinent nicht mehr viel zu tun haben. Man kann es also drehen und wenden, wie man will: Meine Freundin ist kein Kind der indischen Kultur. Trotzdem glaubt sie an Karma, felsenfest.

Nach hinduistischer Lehre hat man unter Karma ein selbst erworbenes Schicksal zu verstehen. Tut der Mensch Gutes, wird ihm auf lange Sicht Positives widerfahren – in diesem oder einem nächsten, höheren Leben. Schlechtes Handeln wird hingegen irgendwann ganz bitter zurückgezahlt, auch wenn der Bösewicht kurzfristig auf die Außenwelt den Eindruck machen sollte, das Glück auf Erden gepachtet zu haben. Diese Gedanken sind auch dem christlichen Abendland nicht ganz fremd und können mit den Sprüchen „Man erntet, was man sät“ und „So wie man in den Wald schreit, hallt es zurück“ zusammengefasst werden.

Meine Freundin beschreibt den zentralen Gedanken der indischen Philosophie als Karma-Konto. Sie ist davon überzeugt, dass der Mensch im Leben wie bei einem Girokonto einen Überschuss an guten Taten auf der Habenseite ansammelt, oder mit seinen Untaten in den Miesen sein kann. Das Soll lässt sich durch Gutes ausgleichen, das Guthaben dagegen ist schneller aufgebraucht, als einem lieb ist, denn das Böse lauert immer und überall. Ob bei diesem Konto auch eine Erhöhung des Dispositionskredits inbegriffen ist, zum Beispiel bei guter Führung, habe ich noch nicht in Erfahrung gebracht.

Lange Zeit habe ich diese Karma-Vorstellung zwar originell gefunden, aber auch etwas irritiert und belustigt zur Kenntnis genommen. Ich sah in ihr eine fixe Idee, richtig verstanden oder gar daran geglaubt habe ich nicht. Der 8. Spieltag der Fußball-Bundesliga, in dem der HSV die scheinbar unendliche Siegesserie der Mainzer stoppte, hat meine Haltung geändert.

Alle Kommentare sprachen von einem glücklichen Sieg für die Hamburger. In der zweiten Halbzeit hatten sie sich gegen das temporeiche Powerplay der Rheinhessen nur mit äußerster Anstrengung und viel Fortune wehren können. Mit Lewis Holtby, André Schürrle und Marco Caligiuri hatten für den Tabellenführer gleich drei Akteure den Siegtreffer auf dem Fuß. Die furiose Drangperiode ließ das zu Unrecht verweigerte Tor von Ruud van Nistelrooy fast vergessen.

Und dann, als sich beide Seiten schon mit einem Remis abgefunden hatten, fiel dem HSV das lang ersehnte Tor in den Schoß. In der 89. Minute war der ewig junge Zé Roberto im gegnerischen Strafraum nicht aufzuhalten und servierte einen Pass auf dem silbernen Tablett für den Peruanischen Panther Paolo Guerrero. Flaschenwurf und Flugangst, zwei Leiden des jungen Paolo in der jüngeren Vergangenheit, schoss er sich aus dem Leib und vertrieb die quälenden Dämonen.

Endlich hatten sich die Hanseaten rehabilitieren können. Gerechtigkeit war geschehen für die unglücklichen Niederlagen gegen Wolfsburg und Bremen in den vorangegangenen Wochen. Grafite, der immer ausgerechnet gegen den HSV große Kreise zieht, ansonsten jedoch im Sturm stumpf wie eine abgebrochene Bleistiftspitze agiert, war ebenso verblasst wie Piotr Trochowskis Fehlpass gegen die Weserlinge. Der hatte den Verein das Unentschieden und den jungen Mittelfeldspieler fast den Hals gekostet.

Der Rautenklub, der etliche Fleißpunkte angesammelt hatte, ist durch den späten, unerwarteten Sieg endlich ausbezahlt worden. Wieder einmal wurde offensichtlich: Gott pokert nicht. Er spielt nicht Texas Holdem. Hoffen wir, dass die Rothosen noch ein ausreichendes Guthaben auf ihrem Karma-Konto übrig haben im nächsten Spiel gegen den FC Bayern München. Namaste.

Halslose Argumente

Armin Veh, derzeitiger Übungsleiter beim HSV, bringt das Hamburger Umfeld durch einen eindeutig zweideutigen Spruch durcheinander. Er hat einen Hals, sagte er nach dem unglücklich verlorenen Spiel gegen die Weserlinge. Diese Aussage sollte man ebenso wörtlich nehmen wie dereinst Bruno Labbadias legendäres Zitat, er wolle eine Serie starten. Ein Wunsch, der ebenso verpufft ist wie Labbadias Kariere an der Alster. Bisher hat man weder in Potsdam-Babelsberg noch in Hollywood je etwas von dem smarten Darmstädter gehört. Vielleicht ist das besser so.

Mit dem Bekenntnis zu seinem Hals schärft der knurrige Veh hingegen das eigene Profil. Denn im Fußballgeschäft scheinen gerade die Spieler in Mode zu sein, die auch ohne dieses Körperteil eine gute Figur abgeben. Mühelos hätte man bei der WM in Südafrika ein Team der Halslosen zusammenstellen können. Der argentinische Abwehrspieler Jason  Gutierrez, er ähnelt Averell, dem längsten und dümmsten der Dalton-Brüder aus den Lucky Luke Comics,  trägt seinen Kopf ebenso übergangslos auf der Schulter wie Mexikos Stürmer Cuauhtémoc Blanco, der schon allein durch seinen Vornamen für große Verwirrung in den gegnerischen Abwehrreihen sorgt. Gleich daneben Im Angriffszentrum wäre noch Platz für Wayne Rooney, den unerzogenen Bullterrier, dem man schnell ein Fußballtrikot übergestreift hat, damit er auf dem Platz nicht nackt herumrennen muss.  Betreut und nach vorne dirigiert würde das ungewöhnliche Team von einem weiteren Kampfbullen, Diego Armando Maradona. Ihn hat man allerdings in feines Zwirn gekleidet, das knitterfrei ist und genug Bewegungsfreiheit lässt für wütende Derwisch-Tänze.

Die Forderung nach einem Team der Halslosen ist natürlich haltlos. Denn dieses Körperteil bringt Armin Veh ungeahnte Wettbewerbsvorteile. In schwierigen Zeiten kann er daran abmessen, bis wohin ihm das Wasser steht. Oder er nimmt sein Schicksal selbst in die Hand und zieht den Hals gerade noch mal so aus der Schlinge.

Nach der unnötigen Niederlage gegen den Erzrivalen von der Weser interessierte sich Herr Veh noch auf dem Platz ganz besonders für den schmalen Hals von Piotr Trochowski. Den hätte der schlecht gelaunte Augsburger nämlich dem sensiblen Mittelfeldspieler am liebsten umgedreht.

Meine Mutter hätte für dieses Durcheinander beim HSV nur ein Lächeln übrig und den Spruch: „Kopf hoch, auch wenn der Hals dreckig isch.“

Vielleicht fehlen den Hamburgern einfach ein paar schwäbische Weisheiten und das dazugehörige Augenzwinkern.

Troche und der Riesen-Golf

Klassiker-Zitat zum Spiel:
„Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß.“
(Andreas Brehme)

Das Spiel des HSV gegen Wolfsburg erinnerte mich an eine Werbeanzeige von VW, die vor einigen Jahren in Zeitschriften erschienen war. Dort ist eine Reihe von amerikanisch aussehenden Polizisten zu sehen, die sich wie bei einer Belagerung von Geiselgangstern verschanzt haben. Den Cops bietet aber keine Mauer, kein Panzerwagen oder eine sonstige Barrikade Schutz, sondern ein stinknormaler VW-Golf. Die Headline „Extrem gut gebaut“ passt zur Bildaussage und ironisiert sie. Sie könnte aber auch für den neuen Abwehr-Verband der Wölfe stehen, den Interimstrainer Lorenz-Günther Köstner eigens für sein erstes Spiel konstruiert hat. Disziplin und Geschlossenheit in allen Mannschaftsteilen hatte er gefordert und die wackelige Defensive gestärkt.

Zeitweilig schien es, als ob der amtierende Meister tatsächlich einen Riesen-Golf vor das eigene Tor postiert hatte, an dem das Dauerfeuer des HSV abprallte. Sage und schreibe 21 Schüsse brachten die Hamburger aufs gegnerische Tor, dokumentiert der Teletext, doch nur ein einziges Mal trafen sie. Diesmal war es kein früher, sondern ein sehr später Treffer. Ausgerechnet der formschwache Piotr Trochowski bewahrte die Hanseaten vor einer Niederlage mit einem Flatter-Freistoßtor, das teils Trochowskis toller Schusstechnik, teils den unberechenbaren Flugeigenschaften von WM-Ball Jabolani geschuldet war.

Wie in der letzten Begegnung der vergangenen Saison, als der Mittelfeldspieler ebenfalls in allerletzter Minute den Siegtreffer gegen Frankfurt erzielte und damit den Einzug in die Europa-League sicherte, ist das Zustandekommen des Tors umstritten. In Frankfurt stand „Troche“ klar im Abseits, der damalige Manager Dietmar Beiersdorfer wollte davon aber nichts wissen und behauptete, dass die Abseitsregel im letzten Saisonspiel in der letzten Minute außer Kraft gesetzt sei. Im Spiel gegen den VW-Verein war dem Freistoß ein Foul vorausgegangen, das man nach Ansicht von vflwolfsburgblog nicht hätte pfeifen müssen. Ich denke aber, dass man die Entscheidung des Schiedsrichters vertreten kann, Makoto Hasebe ist doch ein wenig zu ungestüm gegen Eljero Elia in den Zweikampf gegangen. Und wer immer noch an der Rechtmäßigkeit des Freistoßes zweifelt, dem sei frei nach Beiersdorfer gesagt.
„In der 92. Minute gibt es keinen Körpereinsatz.“

Mit dem Unentschieden haben die Hanseaten den fünften Platz gefestigt, aber den Kontakt zu den Top Drei verloren. Es sieht also auch diese Saison für den HSV eher nach Europa League als nach Champions League aus. Es sei denn der Sturm entwickelt bald eine Durchschlagskraft, die selbst durch Panzerglas geht. Sehnsüchtig wartet man in Hamburg auf die Rückkehr des verletzten Zé Roberto. Und noch mehr auf den ersten Auftritt von Ruud van Nistelrooy.

Ein verlorener Tag

Man munkelt, dass Erdbebenforscher gestern Erschütterungen im Raum Wien gemessen haben. Ernst Happel, der Übertrainer des HSV, hat sich wohl in seinem Grab herumgedreht. Denn das Nullzudrei seines ehemaligen Meistervereins gegen Rapid war ihm wohl doch zuviel des Guten. Andererseits hatte der kettenrauchende Coach als Aktiver bei Rapid gespielt und wurde auch dort zur Legende, weshalb das Stadion seinen Namen trägt. Vielleicht kamen also die Erschütterungen von den unterirdischen Freudensprüngen des früheren Verteidigers, aber das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Dafür war der Österreicher für den Rautenverein zu prägend und stilbildend. Man erinnere sich nur an die Einführung des Pressings an der Alster, das den Gegner schon früh unter Druck setzte und den Sieg des Landesmeisterpokals sowie zweier deutscher Meisterschaften begründete.

Ausgerechnet im Ernst-Happel-Stadion musste Hamburg also eine herbe Niederlage erleiden und gerät nun in der Europa League in Zugzwang. Aus HSV-Perspektive bleibt festzuhalten, dass viel falsch gelaufen ist – seit 1683. Es wäre besser gewesen, wenn Wien in diesem Jahr türkisch geworden wäre – denn in Istanbul haben die Rothosen letzte Saison im UEFA-Cup famos gewonnen. Dass die Donaustadt doch noch vor den Osmanen gerettet wurde, lag am Hauptbefehlshaber des christlichen Heeres: Johann III. Sobieski, König von Polen. Mich würde nun brennend interessieren, wie der werte Herr Trochowski zu der tollen Tat seines quasi Landsmanns steht – heute, einen Tag nach der Pleite gegen die Ösis.

Bruno Labbadia ist ebenfalls an der Festung Wien gescheitert und die Österreicher freuen sich wieder einmal wie ein Schnitzel darüber, dass sie einen deutschen Verein besiegt haben. So schnell werden die den kleinen-Bruder-Komplex nicht los, befürchte ich. Labbadia dürfte derweil andere Sorgen haben. Er steht im Schatten des Übervaters Happel und wird beweisen müssen, dass der berühmteste Spruch des Grantlers auch für den HSV der Saison 2009/10 zutrifft: „Ein Tag ohne Fußball ist ein verlorener Tag.“

Die Neuen

Letzte Woche stockte mir kurz der Atem. Auf kicker online las ich „Mega Deal des HSV.“ Ich dachte schon, Rafael van der Vaart kommt endlich wieder vom Bankdrücken aus Madrid zurück. Oder Khalid Boulahrouz boxt sich vom Neckar bis zur Alster durch. Nein, die Hamburger verpflichteten den wichtigsten Spieler der WM 2009: Igor Vori. – Igor Vori? WM 2009? Ich begriff langsam, dass es hier nicht um Fußball sondern um Handball ging. Denn nur die überaus erfolgreichen Handballer sind beim HSV derzeit in der Lage, Mega Deals zu stemmen.

Solche Coups gibt’s bei den Fußballern schon lange nicht mehr. Die letzte wirklich Aufsehen erregende Verpflichtung war die von Franz Beckenbauer 1980, damals zweifellos ein Schlag ins Gesicht für den FC Bayern. Aber wer – außer einer mittelgroßen Elefantenherde – kann sich daran noch zurückerinnern?

Diese Saison gibt es drei Neuzugänge: Zé Roberto von Bayern, der Bielefelder Robert Tesche und Eljero Elia von Twente Enschede, dem Verein, der in der letzten Uefa-Cup-Saison zwei gratis Lehrstunden von den Rothosen erhielt. Die Neuen sind ordentliche Verstärkungen, eine gute Mischung aus Jung und Alt, Dynamik und Technik, aber sie hauen den erwartungsfrohen Fan nicht gerade vom Hocker.

Auf einen zentralen Spielgestalter im Stile van der Vaarts verzichtet man beim HSV auch in der neuen Spielzeit. Denn bei Trainer Labbadia ist das einzigartige 4-1-3-2 System der Star. Wenn das aber nicht richtig klappt, wird an dem kreativen Loch in der Mitte wahrscheinlich am meisten herumgemeckert – und an den Leistungsschwankungen von Piotr Trochowski. Vielleicht zwitscherte es darum von den Dächern, dass Michael Ballack nach Hamburg käme – eine vollkommen abstruse Meldung. Denn der HSV will ja nächste Saison einen Titel holen; Zweiter werden kann Ballack auch mit Chelsea.

Hoffentlich reicht der Kader diese Saison aus, um dieses Ziel zu verwirklichen. Ansonsten muss Igor Vori den Handball beiseite legen und die Fußballschuhe schnüren.


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