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Play English Or Die

„Scheps isch Englisch und Englisch isch modern.“, pflegte meine Mutter zu sagen, wenn ich mich als Kind mal wieder etwas unordentlich oder wie sie es nannte „scheps“ (schief) anzog oder ein Poster schräg an die Wand hängte.

Mindestens so schief wie manch schwäbische Weisheit waren die Ergebnisse des 2. Spieltags der Fußball-Bundesliga: 6:3, 4:3, 4:2. Es scheint, als wären die Torhüter letztes Wochenende zusammen mit ihren Abwehr-Viererketten auf einem Betriebsausflug gewesen, so sperrangelweit standen die Tore in Deutschlands höchster Spielklasse offen. „Torfabrik“, der Ball mit dem seit dieser Saison alle Erstliga-Vereine spielen, machte seinem Namen also alle Ehre und die Zuschauer konnten sich über englische Verhältnisse in den Stadien freuen. Auf der Insel greifen die Torhüter ja auch ohne den deutschen Wunderball traditionell öfter hinter sich, was sowohl dem englischen Tempofußball als auch der Slapstick-Begabung der dortigen Goalies geschuldet ist.

Doch auch auf der Insel fallen in der gegenwärtigen Spielzeit mehr Tore als gewohnt. Gleich drei Teams gewannen am 2. Spieltag mit 6:0; der FC Chelsea strafte gleich zwei Gegner mit diesem Ergebnis ab und führt nach drei Spielen und drei Siegen mit 14:0 Toren die Premier League an. Das macht im Durchschnitt rund 4,7 Tore pro Spiel. Das ist phänomenal, spricht aber auch nicht unbedingt für die Erstligatauglichkeit der Gegner.

Raphael Honigstein spürt in seinem Buch Harder, better, faster, stronger der „geheimen Geschichte des englischen Fußballs“ nach und versucht zu erklären, warum gerade auf der Insel so viele Tore fallen. In der Mentalität des Einsteckenkönnens sieht er den Schlüssel dafür. Wer das eigene Tor zu sehr beschützt, gilt im Königreich nicht als clever, sondern als Angsthase. Ein echter Engländer sehnt Rückschläge sogar herbei, um aus ihnen dann wie Phönix aus der Asche wieder aufzuerstehen. Ein leidenschaftlich errungenes 5:4 gilt mehr als ein klares, humorloses 5:0. Das konträre Modell dazu bildet der Italienische Catenaccio-Fußball. Oberste Priorität bei dem berüchtigten Abwehrriegel ist, keinen reinzukriegen. Die Machos von den Appeninen wollen vom Gegner nicht zur Frau gemacht werden und stellen deswegen den Wunsch, selbst ein Tor zu erzielen, hinten an.

Übertragen bedeutet das, dass am vergangenen Bundesliga-Spieltag die gestandenen Torhüter von Leverkusen und Wolfsburg zu Frau René Adler (6! reingekriegt) und Frau Diego Benaglio (nur 4 Gegentore) mutierten und große Leidensfähigkeit unter Beweis stellen mussten.

Dagegen fährt der HSV momentan eher gemäßigte, aber dennoch erfolgreiche Ergebnisse ein. 3:1 gewann man am Wochenende in Frankfurt. Traditionell erwischten die Hamburger einen guten Start, was in der Vergangenheit bedeutete, dass der Einbruch nicht lange auf sich warten ließ.

Anders als in der letzten Saison, als die Rothosen für ihre Frühstarts in der ersten Viertelstunde gefürchtet waren und dann ab der 60. Minute stetig abbauten, beweisen sie nun einen langen Atem. Alle fünf Tore in den beiden Partien wurden in der zweiten Halbzeit erzielt, drei davon nach der 80. Minute. So viel Puste hätte man den Hanseaten gar nicht zugetraut. Skeptiker meinten, Ruud van Nistelrooy, Zé Roberto und David Jarolim könnten höchstens noch bei einer Ü30-Party für Wirbel sorgen, nicht aber in der jugendlichen Bundesliga. Sie haben sich getäuscht. Die Hamburger Oldies können sich ganz auf Meisterschaft und Pokal konzentrieren und dort zeigen, dass sie Goldies sind. Die nervige Europa League haben sie sich diesmal erspart – und verzichten somit auf anstrengende Englische Wochen.

Raphael Honigstein, Harder, better, faster, stronger. Die geheime Geschichte des englischen Fußballs. KiWi Köln 2006.

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