Archive for the 'Bücher' Category

Ein echter Picasso

Das Talent für die Bildenden Künste ist mir wahrlich nicht in die Wiege gelegt worden. Im Kunstunterricht in der Schule waren Pinsel, Tuschefeder oder Speckstein für mich immer so etwas wie natürliche Feinde. Egal, ob ich ein Pferd, einen Hund oder einen Elefanten malen musste – der Rumpf der Tiere sah immer aus wie der Kühlschrank bei uns zuhause, nur mit Ohren, einem Rüssel oder einer Schnauze dran.

Heute würden verständnisvolle Lehrer in den kastenförmigen Wesen wohl meinen Hang zum Kubismus und Konstruktivismus erkennen und mich in meinem eigenwilligen Stil bestärken. Damals jedoch versicherten die Pädagogen meinen Eltern, dass ich sehr wohl Fantasie besäße. Die Ideen in meinem Kopf – oder wo immer sie sich in meinem Körper versteckten – würden aber nicht den Weg zu meiner Hand finden.

Meine Mutter nannte das Kind beim Namen: „Der Micha kann halt nicht zeichnen.“ Dieser Satz steht, glaube ich, bis heute für sie als unerschütterliches Credo fest und ersparte meinen Erziehungsberechtigten eine künstlerische Frühförderung ihres Sohnes. Eine Lese- und Rechtschreibschwäche, auch ein Defizit in Mathematik und räumlichem Denken sind in großen Bevölkerungsteilen bekannt. Erzieher und Psychologen werden eigens auf diese Handicaps hin geschult und stimmen ihre Methoden individuell darauf ab. Doch wenn ein Jugendlicher auf dem künstlerischen Stand eines Fünfjährigen verharrt, wird das allgemein als verzeihliches Manko akzeptiert. Denn Kunst ist ja „eh nicht so wichtig“.

Manchmal versteige ich mich noch heute dazu, eine Skizze zur grafischen Visualisierung an die Tafel zu bringen. Nur bin ich mittlerweile kein Schüler mehr sondern Lehrer. Davon  haben meine Zeichenfähigkeiten leider noch nichts mitbekommen. Meist merke ich schon nach den ersten schiefen Strichen, dass das Ergebnis wohl nicht ganz meinen Vorstellungen entsprechen wird. Ich lese ungläubige Blicke in den Gesichtern meiner Schüler und auch mir wird bald schleierhaft, was das an der Tafel eigentlich soll. Es sieht immer verdächtig aus wie … richtig: ein Kühlschrank.

Wenn ich mein Krikelkrakel dann mit dem Wort „Picasso!“  und einem unbeholfenen Lächeln schließe, ist ein Lacher der Klasse garantiert.

artnet.de

Ich weiß nicht, wie es um die Malkünste von Franz Beckenbauer bestellt ist. Als Motiv machte er jedenfalls eine ausgesprochen gute Figur. Das beweist nicht zuletzt das Pop-Art-Porträt von Andy Warhol aus der Zeit bei Cosmos New York. Unweigerlich fühlt man sich an die bunten, seriellen Drucke von Marilyn Monroe oder Liz Taylor erinnert – und an den Mördertitel des Aufsatzes von Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit.

Die deutsche Fußball-Lichtgestalt bemüht aber nicht den Chef der Factory, wenn es darum geht, Unerklärlichem einen Namen zu geben. Nein, für den Kaiser ist der wohl wichtigste Maler der Moderne als Referenz gerade gut genug. „Das ist ein Picasso.“, kommentierte Beckenbauer lakonisch eine Grafik der Passwege des FC Barcelona aus dem Champions League Halbfinale gegen Real Madrid. Besonders markant war die Verdichtung der sich kreuzenden Geraden in der gegnerischen Hälfte, gut zwanzig Meter hinter der Mittellinie. Das Passnetz erschien dort so engmaschig, dass es zu einem großen Punkt verschmolzen war.

Das Schaubild deckt sich mit den Beobachtungen von Klaus Theweleit in seinem Buch „Tor zur Welt“. In Anlehnung an Christoph Biermann schreibt er, dass beim modernen Kurzpassspiel auf dem Feld Linien entstehen, die ein dichtes Netz oder Geflecht ergeben. Die geometrischen Formen der langen Flugbälle der 70er Jahre aus der Ära von Wolfgang Overath und Johan Cruyff – Rechtecke, Tangenten (oder in meinem Fall: Kühlschränke) – seien passé. Auf den Verzweigungen des Netzes würde heute der Ball wie eine Perle an einer Schnur „nach vorne geschummelt“ oder „gerastert“.

Im Knotenpunkt, also der extremsten Verdichtung des Netzes, liegt das Herzstück der katalanischen Ballstafetten. An diesem Ort pulsiert das Dreieck Xavi – Iniesta – Messi besonders lebhaft und spinnt die verhängnisvollen Fäden, die den Ball schlussendlich ins Tor tragen. Wer diesen Knoten zu zerschlagen vermag, wird nicht nur die Blaugrana beherrschen, sondern auch die Furia Roja, die spanische Nationalmannschaft.

Das gelang weder Manchester United im Champions League Endspiel noch der DFB-Elf im Halbfinale der WM in Südafrika. Beide Teams wurden in die Abwehr eingeschnürt, sodass sie kaum noch Entlastung schaffen konnten.

„Ich konnte schon früh zeichnen wie Raffael, aber ich habe ein Leben lang dazu gebraucht, wieder zeichnen zu lernen wie ein Kind.“, hat das Genie Pablo Picasso einmal gesagt.

Vielleicht erfordert es neben all der Taktik, Technik und Rationalisierung des Spiels einen kleinen, aber feinen Schuss an Intuition als Gegenmittel gegen das allmächtige One-Touch-Spiel der Spanier. Das Beckenbauersche „Geht raus und spielt Fußball“ kann in diesem Sinne zum deutschen Mantra werden gegen eine Verwissenschaftlichung des beliebten Sports. Einfache Bälle und die Form eines Kühlschranks müssen nicht zwangsläufig auf ein Handicap hinweisen.

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Play English Or Die

„Scheps isch Englisch und Englisch isch modern.“, pflegte meine Mutter zu sagen, wenn ich mich als Kind mal wieder etwas unordentlich oder wie sie es nannte „scheps“ (schief) anzog oder ein Poster schräg an die Wand hängte.

Mindestens so schief wie manch schwäbische Weisheit waren die Ergebnisse des 2. Spieltags der Fußball-Bundesliga: 6:3, 4:3, 4:2. Es scheint, als wären die Torhüter letztes Wochenende zusammen mit ihren Abwehr-Viererketten auf einem Betriebsausflug gewesen, so sperrangelweit standen die Tore in Deutschlands höchster Spielklasse offen. „Torfabrik“, der Ball mit dem seit dieser Saison alle Erstliga-Vereine spielen, machte seinem Namen also alle Ehre und die Zuschauer konnten sich über englische Verhältnisse in den Stadien freuen. Auf der Insel greifen die Torhüter ja auch ohne den deutschen Wunderball traditionell öfter hinter sich, was sowohl dem englischen Tempofußball als auch der Slapstick-Begabung der dortigen Goalies geschuldet ist.

Doch auch auf der Insel fallen in der gegenwärtigen Spielzeit mehr Tore als gewohnt. Gleich drei Teams gewannen am 2. Spieltag mit 6:0; der FC Chelsea strafte gleich zwei Gegner mit diesem Ergebnis ab und führt nach drei Spielen und drei Siegen mit 14:0 Toren die Premier League an. Das macht im Durchschnitt rund 4,7 Tore pro Spiel. Das ist phänomenal, spricht aber auch nicht unbedingt für die Erstligatauglichkeit der Gegner.

Raphael Honigstein spürt in seinem Buch Harder, better, faster, stronger der „geheimen Geschichte des englischen Fußballs“ nach und versucht zu erklären, warum gerade auf der Insel so viele Tore fallen. In der Mentalität des Einsteckenkönnens sieht er den Schlüssel dafür. Wer das eigene Tor zu sehr beschützt, gilt im Königreich nicht als clever, sondern als Angsthase. Ein echter Engländer sehnt Rückschläge sogar herbei, um aus ihnen dann wie Phönix aus der Asche wieder aufzuerstehen. Ein leidenschaftlich errungenes 5:4 gilt mehr als ein klares, humorloses 5:0. Das konträre Modell dazu bildet der Italienische Catenaccio-Fußball. Oberste Priorität bei dem berüchtigten Abwehrriegel ist, keinen reinzukriegen. Die Machos von den Appeninen wollen vom Gegner nicht zur Frau gemacht werden und stellen deswegen den Wunsch, selbst ein Tor zu erzielen, hinten an.

Übertragen bedeutet das, dass am vergangenen Bundesliga-Spieltag die gestandenen Torhüter von Leverkusen und Wolfsburg zu Frau René Adler (6! reingekriegt) und Frau Diego Benaglio (nur 4 Gegentore) mutierten und große Leidensfähigkeit unter Beweis stellen mussten.

Dagegen fährt der HSV momentan eher gemäßigte, aber dennoch erfolgreiche Ergebnisse ein. 3:1 gewann man am Wochenende in Frankfurt. Traditionell erwischten die Hamburger einen guten Start, was in der Vergangenheit bedeutete, dass der Einbruch nicht lange auf sich warten ließ.

Anders als in der letzten Saison, als die Rothosen für ihre Frühstarts in der ersten Viertelstunde gefürchtet waren und dann ab der 60. Minute stetig abbauten, beweisen sie nun einen langen Atem. Alle fünf Tore in den beiden Partien wurden in der zweiten Halbzeit erzielt, drei davon nach der 80. Minute. So viel Puste hätte man den Hanseaten gar nicht zugetraut. Skeptiker meinten, Ruud van Nistelrooy, Zé Roberto und David Jarolim könnten höchstens noch bei einer Ü30-Party für Wirbel sorgen, nicht aber in der jugendlichen Bundesliga. Sie haben sich getäuscht. Die Hamburger Oldies können sich ganz auf Meisterschaft und Pokal konzentrieren und dort zeigen, dass sie Goldies sind. Die nervige Europa League haben sie sich diesmal erspart – und verzichten somit auf anstrengende Englische Wochen.

Raphael Honigstein, Harder, better, faster, stronger. Die geheime Geschichte des englischen Fußballs. KiWi Köln 2006.

Zehn gewinnt – Das Lesebuch „Vorne fallen die Tore“ von Rainer Moritz

Das Spiel elf gegen zehn nach einem Platzverweis hat seine eigenen, bisweilen paradoxen Gesetze. Eines davon besagt, dass ein Team in Unterzahl unberechenbar und keineswegs besiegt ist; manchmal agiert die dezimierte Mannschaft sogar wie in einem Rausch. Jeder Spieler läuft noch ein paar Schritte mehr als vorher, ist deshalb den entscheidenden Tick schneller am Ball und passt diesen postwendend zum nächsten freien Mitspieler. Die Kombinationen laufen plötzlich wie am Schnürchen, man führt den Gegner vor, der zu elft gehemmt wirkt und ein ums andere Mal ins Leere rutscht. Nicht selten bedeutet der vermeintliche Vorteil für die vollzählige Mannschaft eine Last. Diese wird sogar größer, wenn der Kontrahent zu zehnt ein Tor erzielt – wie im letzten Hinrundenspiel des HSV gegen die Weserlinge geschehen. Gut 60 Minuten lang wehrten sich die Hamburger erfolgreich gegen zahlenmäßig überlegene Bremer. Und am Ende fragte man sich an der Weser konsterniert, warum man um alles in der Welt verloren hat.

Rainer Moritz gibt in seinem Lesebuch Vorne fallen die Tore darauf eine Antwort. Die Zahl „elf“ ist nach Aussage von Brauchtumsforschern im christlichen Verständnis ein Sinnbild für die Sünde des Menschen, denn sie übersteigt die Zehn, die seit dem Dekalog als heilig gilt. Die Fußballelf sei also nichts anderes als die Personifikation der Übertretung göttlicher Gebote, eine karnevaleske „verkehrte Welt“. Wird ein Team um einen Spieler dezimiert, ist die heilige Ordnung wieder hergestellt und man kann mit Unterstützung der Fußballgötter endlich befreit aufspielen. Nachträglich müsste der HSV also Marko Marin danken, dass er sich wie ein verschwitztes Handtuch hat auf den Boden fallen lassen, und so die rote Karte für Jerome Boateng provozierte. Damit hatten die Rothosen den Sieg in der Tasche.

Außer Zahlenmystik finden sich in dem unterhaltsamen Buch Porträts von Spielerlegenden: Gewürdigt werden unter anderem der Österreicher Mathias Sindelar, den man wegen seines feingliedrigen Körperbaus „den Papierenen“ nannte, und der Brasilianer Garrincha – er war als Kind sehr schmächtig, litt an Kinderlähmung und wurde dennoch ein begnadeter Rechtsaußen. Auch allerlei Kurioses hat der Autor zusammengetragen: Zum Beispiel die Anekdote von einem Schiedsrichter, dem in einem Spiel gleich drei Uhren kaputt gegangen sind, nichtsdestotrotz hat er die Partie rechtzeitig abpfeifen können. Oder das eigentümliche Essverhalten des Blonden Engels Bernd Schuster: Er verdrückte vor und nach dem Spiel immer seine Lieblingsmahlzeit: Gurkensalat nach Art von Mutti.

Rainer Moritz (Hg), „Vorne fallen die Tore.“ Fischer Verlag Frankfurt/Main 2006.

Ene meene muh, und raus bist du!

Nürnberg, wir kommen. Eure Bratwürste, Lebkuchen und Albrecht-Dürer-Bilder sind bereits mit Nadeln durchstochen. Auch ein Altar ist aufgebaut: Auf ihm befinden sich zahlreiche Utensilien, die die Fußballgötter gnädig stimmen und die bösen Geister vertreiben sollen: das Ticket des letzten HSV-Sieges in der Liga, ein Hühnerfuß mit schwarz-blau-weiß bemalten Krallen, die Richtung Hamburg zeigen und zu guter letzt die Asche der ominösen Papierkugel in einem Aschenbecher mit Vereinslogo.
Dieser Voodoo-Zauber mag für den aufgeklärten Europäer zwar verschroben wirken; mir kann er aber momentan nicht stark genug sein, um die Unglücksserie der Hanseaten zu beenden. Vertrauter mit diesen Praktiken ist man ja in Schwarzafrika, wie Thilo Thielke in einem Kapitel seines Buchs Traumfußball – Geschichten aus Afrika anschaulich beschreibt. Da wird das Spielfeld mancherorts durch Pinkelrituale oder mit Tinkturen von Eidotter und Kokosnussschalen präpariert. Besonderes Interesse gilt dabei natürlich dem Torraum. Einige Torhüter verlassen sich weniger auf die eigenen Fähigkeiten oder die ihrer Abwehrspieler. Deshalb „vernageln“ sie ihren Kasten durch verwunschene Torwarthandschuhe, die im Netz baumeln und zu „magic hands“ werden. Oder sie bestreichen Pfosten und Torlinie mit geheimen Pulvern, damit sich das Gehäuse zusammenzieht und verkleinert, wenn der Ball angeflattert kommt.

Auch in Deutschland gehört der Aberglaube zum Fußball. Hier erleichtern sich die Fans zwar nicht auf den Rasen, versuchen aber ebenfalls durch Pinkelrituale das Spiel zu beeinflussen, indem sie zum mannschaftsdienlichen Urinieren gehen. Denn bekanntlich fallen die Tore gerade dann, wenn man mal austreten ist.

Und die Fußballer? Manche betreten das Spielfeld immer nur mit dem rechten Fuß zuerst. Andere werden vor dem Spiel zum Mönch und verzichten auf Sex oder schicken kurz vor Anpfiff noch schnell ein Stoßgebet gen Himmel. Wieder andere rasieren sich während einer Siegesserie nicht, auch wenn sie dann wie der schrullige Zauberer Catweazle aus der gleichnamigen britischen Fernsehserie aussehen.

Mein persönlicher Aberglaube verbietet mir mittlerweile, zum Fußballgucken in meine HSV-Stammkneipe zu gehen. Denn immer wenn ich dort war, spielten die Hamburger so schlecht, dass ich kaum hinschauen konnte: das letzte Mal gegen Hannover. Auch die Bundesliga-Konferenz im Radio brachte mir kein Glück und bleibt deswegen in Zukunft stumm. Vom Debakel gegen Gladbach und den „Dante!“-Rufen des Kommentators habe ich immer noch ein schreckliches Ohrensausen. Gleiches gilt für den Live-Ticker im Internet, der sich für mich nach dem Bochum Spiel ausgetickert hat. Selbst der Videotext textet seit den Kuranyi-Festspielen und dem Dreizudrei gegen Schalke kein verdammtes Unentschieden mehr. Kneipen-TV, Radio, Internet und Videotext – das alles boykottiere ich, da sie schon sieben Spiele lang im Grunde nur eins aussenden: Unglücksbotschaften für den HSV.

Gut, wenn es den Hamburgern hilft, opfere ich mich und verfolge die Spiele nicht mehr live. Stattdessen widme ich mich in dieser Zeit irgendwelchen Ersatzhandlungen, die bloß nichts mit Fußball zu tun haben, wie Handtücher bügeln, Sellerieschnitzel braten oder mit dem Hund Gassi gehen. Ich achte dann auch pedantisch darauf, dass der Hund mit der rechten Vorderpfote zuerst den Hof betritt.

Und der HSV sollte vielleicht die abergläubische Atmosphäre im Fußball zukünftig mitberücksichtigen und naturreligiöse Riten in seine Spielphilosophie integrieren. Dann könnte schon in der nächsten Saison auf dem Mannschaftsfoto neben dem Leistungsdiagnostiker und dem Osteopathen auch ein Voodoo-Priester stehen.

Der feine Unterschied – Gunter Gebauers Buch „Poetik des Fußballs“

DSC00188Die einen nennen sie „Spiele auf hohem taktischen Niveau“, für die anderen sind es einfach nur „Schweinespiele“. Gemeint sind Begegnungen, in denen beide Mannschaften gleichstark sind. Hier wird erbittert um jeden Zentimeter Rasenfläche gekämpft, der Ball wandert wie beim Tennis von der einen auf die andere Seite, ohne dass etwas Nennenswertes passiert, denn die Kontrahenten heben sich in ihren Wirkungen gegenseitig auf, sie neutralisieren sich. Oft gehen diese zähen Begegnungen unentschieden aus, manchmal rumpelt sich aber doch ein Team zum Sieg. Nach dem Spiel wird dann die Frage heftig diskutiert: Woran lag’s? Was hat am Ende den Unterschied ausgemacht?

Gunter Gebauer, Professor für Philosophie und Sportsoziologie an der FU Berlin, hat in seinem Buch „Poetik des Fußballs“ auf diese Frage eine kluge Antwort. Wenn sich zwei gleich starke Mannschaften gegenüberstehen, komme die „metis“ zum Tragen, eine antike Vorstellung. Diese besagt, dass es nicht nur auf die Qualität des Spiels ankomme, sondern auch auf die List, mit der die Regeln „umgebogen, unterlaufen, umdefiniert und zu den eigenen Gunsten genutzt wird.“ Am Ende siegt nicht der Bessere sondern der Cleverere, Schweinespiele werden von Schweinen gewonnen. In dieselbe Richtung geht auch Lukas Podolskis von der Deutschen Akademie für Fußballkultur gekürter Spruch: „So ist Fußball. Manchmal gewinnt der Bessere.“

Die „metis“ geht auf den zehnjährigen Krieg von Troja gegen Griechenland zurück, auch ein zähes „Schweinespiel“, das Odysseus durch seinen listigen Geniestreich des überdimensionalen Pferdes für Griechenland entschied. Allerdings musste er später für diesen Regelverstoß büßen und zehn Jahre über die Meere irren, bis er wieder zurück nach Hause durfte. Der listigste Regelverstoß der Fußballgeschichte ist Diego Maradonas Tor im Viertelfinale der WM 1986 gegen England, das durch „die Hand Gottes“ erzielt wurde. Am Ende gewann Argentinien die Weltmeisterschaft. Doch von da an glich Maradonas Leben einer unruhigen Odyssee. Bis heute ist er nicht in ruhige Gewässer heimgekehrt, auch als Trainer bei der argentinischen Nationalmannschaft bekommt er ordentlich Gegenwind, da die Ergebnisse durchwachsen sind.

Neben dem ständigen Ausbeulen und Aushöhlen der Regeln macht meiner Ansicht nach auch die „hybris“ der genialen Spieler den feinen Unterschied. „hybris“ ist ein Herausfordern des Schicksals und der Götter, eine Provokation. Zinedine Zidane zum Beispiel erzielte im Finale der WM 2006 gegen Italien das Einszunull nicht durch einen konventionellen Strafstoß. Er schoss nicht halbhoch in die Ecke oder in die Mitte, nachdem er den Torwart verladen hatte. Nein, er setzte den Ball an die Unterkante der Latte, wovon er hinter die Linie und zurück ins Spielfeld sprang. Günther Netzer zeigte seine Dominanz und die der deutschen Mannschaft im sagenhaften Spiel im Viertelfinale der EM 1972 gegen England in Wembley auf andere Weise. Immer wieder startete er Sololäufe durch die Mitte an zwei, drei englischen Spielern vorbei, so aufreizend, dass es auch dem biederen TV-Kommentator zu viel wurde: „Jetzt müsste Netzer doch mal abspielen…“. Gipfel der Provokationen war der sehr glücklich verwandelte Elfmeter zum Zweizueins: ein Billard-Tor, das Torhüter Gordon Banks an den Innenpfosten lenkte, wovon der Ball an den Kopf des Keepers und dann über die Linie sprang. Das letzte provokative Tor war Grafites Hackentrick aus der letzten Saison zum Fünfeins für Wolfsburg gegen den FC Bayern. Der spätere Torschützenkönig ließ dabei die gesamte Hintermannschaft des Rekordmeisters wie ein Schülerteam aussehen.

Gunter Gebauer, „Poetik des Fußballs“. Campus Verlag Frankfurt/Main, New York 2006.

Italienspiele – Birgit Schönaus Buch „Calcio“

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In meiner Kinder- und Jugendzeit waren die „Italienspiele“, also die Begegnungen der italienischen Liga mit deutscher Beteiligung, die Höhepunkte der ansonsten öden Sportschau am Sonntag. In den gut fünfminütigen Beiträgen erlebte ich eine ganz andere Fußballwelt und staunte. Die Serie A war damals die beste Fußball-Liga Europas und dort spielten auch die besten deutschen Fußballer. Heute trauen sich deutsche Stars nicht mehr über die Alpen und wechseln lieber zum FC Bayern, zum Beispiel Mario Gomez. Damals trugen Karl-Heinz Rummenigge, Hansi Müller, Lothar Matthäus und Jürgen Klinsmann jedoch stolz das fremde, schwarz-blau gestreifte Dress von Inter Mailand. In Italien hatten alle Spitzenclubs Längsstreifen (Inter, Milan, Juve), was edel, vor allem aber aggressiv und verwegen wirkte. Auf den Zuschauerrängen, die ständig in dichten Rauch und Qualm gehüllt waren, herrschte ein beeindruckendes Chaos. Die Fans hüpften und jubelten inmitten bengalischer Feuer und Leuchtraketen. Disziplinierter waren die Akteure auf dem Spielfeld – meist hielt die Abwehr, jeder wusste, es würde nullnull ausgehen, vielleicht auch einsnull, wenn einer unserer Jungs traf. Bemerkenswerterweise gewann ausgerechnet Hans-Peter Briegel, die „Walz von der Pfalz“, als einziger Deutscher die italienische Meisterschaft und wurde dafür sogar in Deutschland zum Fußballer des Jahres gewählt. Bei Hellas Verona machte er einfach das gleiche, was ihn schon auf dem Betzenberg ausgezeichnet hatte: 90 Minuten die Linie rauf und runter rennen.

Schon sehr früh begriff ich: Der italienische Fußball ist ein Spektakel. Diese Meinung teilt auch Birgit Schönau in ihrem Buch „Calcio – Die Italiener und ihr Fußball“. Die Journalistin und Italien-Expertin erzählt von Erfolgen und Niederlagen der Squadra Azzurra und stellt die wichtigsten Vereine der Serie A vor – aus den Metropolen und der Provinz. Die Tifosi, die fanatischen Fans, spielen ebenso eine Rolle wie der Einfluss der Medien. Birgit Schönau schafft es auch, alte Legenden und Anekdoten aufleben zu lassen; zum Beispiel porträtiert sie große Spielerpersönlichkeiten wie Gigi Riva, Roberto Baggio, Diego Maradona oder Francesco Totti.

Kompakt und auf relativ geringem Raum (223 Seiten) arbeitet sie ein ziemlich weites Feld ab. Insgesamt ist „Calcio“ ein gut geschriebenes und vor allem unterhaltsames Buch. Trotzdem hätte ich mir auch Statistiken der Nationalmannschaft oder Fotos aus alten Zeiten gewünscht. Da es 2004 veröffentlicht wurde, fehlen die neuesten Tendenzen im italienischen Fußball. Eine neue, erweiterte Auflage müsste den größten Fußballskandal in der italienischen Geschichte um den ehemaligen Juventus-Manager Luciano Moggi und seine mafiösen Kontakte berücksichtigen. Moggi flog 2006 auf, kurz vor der WM, die Italien dann aus Trotz gewann. Außerdem hat sich die Serie A von der besten Liga der Welt zum Abstellgleis für alternde, ausgebrannte Stars entwickelt. Ronaldinho, David Beckham und Fabio Cannavaro verbringen hier ihre Altersteilzeit. Andererseits verlassen junge, aufstrebende Stars das Land, um in Spanien oder England Karriere zu machen, das zeigt der Transfer von Kaká von AC Mailand nach Real Madrid. Eine Ausnahme macht Zlatan Ibrahimovic, der zwar mit dem FC Barcelona flirtet, wohl aber bei Inter bleiben wird. Präsident Massimo Moratti, der als letzter Mäzen des Calcio unvermindert sein Geld in den Verein steckt, wird dem exzentrischen Stürmer wohl ein Angebot machen, das er nicht ablehnen kann. Trotzdem wird nicht nur die Liga immer mehr zu einem Altherrenclub. Auch der Nationalmannschaft fehlen junge Talente und ein Trainer, der dem italienischen Fußball neue Impulse gibt. Von dem derzeitigen Coach, dem Weltmeister Marcello Lippi, ist dieser Wandel nicht zu erwarten.

Birgit Schönau, „Calcio. Die Italiener und ihr Fußball.“ KiWi Köln 2004.


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