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HSV Guck-in-die-Luft

Es ist das Schicksal des Hans Guck-in-die-Luft, das der HSV seit Ende der Ära Ernst Happel erleidet. Wie bei der Figur aus Dr. Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter ging der Blick des Vereins immer nach oben. Meisterschaft, Champions League, Europa League waren die Kategorien, in denen der Klub dachte. Präsident Bernd Hoffmann, Namensvetter des Brachialpädagogen aus dem 19. Jahrhundert, feuerte die hohen Ambitionen an, indem er das Ziel formulierte, die Hamburger unter die Top Ten Europas zu bringen.

Aber Pustekuchen, der Herr Chef-Kaufmann hatte sich verrechnet. Die überaus erfolgreiche Saison 08/09, in der die Hanseaten um drei Titel mitspielten, wurde im Nachhinein als Misserfolg gewertet, weil schlussendlich doch Werder Bremen in vier Spielen die besseren Nerven, den stärkeren Willen und zudem auch ein kleinbisschen mehr Glück hatte. Hier hätte man den Weg weiter gehen  können, aber es kam zum Bruch mit Trainer Martin Jol und Manager Dietmar Beiersdorfer.

Im Struwwelpeter ist der Hans ins Wasser gefallen und muss die Schadenfreude von drei Fischen über sich ergehen lassen. Auch für den abgestürzten Bundesliga-Dino hat ein Großteil der Presse momentan nur bittere Häme übrig. Die Kritik an Frank Arnesens Chelsea-Einkaufs-Tour und der vermeintlichen Trainerfindungsodyssee ist legitim. Die Sport-Bild übertraf sich aber einmal mehr mit windigen Spekulationen, wer denn nun Übungsleiter bei dem angeschlagenen Traditionsverein werden könnte. Selbst die seriöse Journaille gebärdet sich dem strauchelnden Nordklub gegenüber als famose Kanaille. Sie ist sich nicht zu schade, mit dem Kürzel HSV Kalauer zu betreiben, die selbst für das Repertoire von Mario Barth zu flach wären.

In der Moralgeschichte retten zwei Männer den unglücklichen Hans vor dem Ertrinken und auch an der Alster soll ein dynamisches Duo den Absturz auffangen. Sportdirektor Frank Arnesen holte den smarten Shootingstar vom FCB auf die Hamburger Trainerbank. Thorsten Fink gibt für den Letzten der Bundesliga den FC Basel auf. Und damit die Aussicht auf Spiele gegen Manchester United und Benfica Lissabon in der Champions League, woraufhin der Schweizer Meister prompt zuhause gegen die Portugiesen verlor. Die unmittelbaren Gegner für den Trainer, der sich selbst als „Typ Klopp“ sieht, sind nun Provinzklubs aus dem Süden: Augsburg, Freiburg, Mainz, Kaiserslautern.

Der ehemalige Bayern-Spieler tut gut daran, erst einmal keine mittel- oder langfristigen Ziele auszugeben. Denn er kennt das Mentalitäts-Problem, das der Hans Guck-in-die-Luft mit dem HSV gemein hat:

„Vor die eignen Füße dicht, / Ja, da sah der Bursche nicht.“

Hoffen wir, dass der HSV langsam in Gang kommt. Ein Aufwärtstrend seit dem Sieg in Stuttgart nährt die Hoffnung.

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Troche und der Riesen-Golf

Klassiker-Zitat zum Spiel:
„Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß.“
(Andreas Brehme)

Das Spiel des HSV gegen Wolfsburg erinnerte mich an eine Werbeanzeige von VW, die vor einigen Jahren in Zeitschriften erschienen war. Dort ist eine Reihe von amerikanisch aussehenden Polizisten zu sehen, die sich wie bei einer Belagerung von Geiselgangstern verschanzt haben. Den Cops bietet aber keine Mauer, kein Panzerwagen oder eine sonstige Barrikade Schutz, sondern ein stinknormaler VW-Golf. Die Headline „Extrem gut gebaut“ passt zur Bildaussage und ironisiert sie. Sie könnte aber auch für den neuen Abwehr-Verband der Wölfe stehen, den Interimstrainer Lorenz-Günther Köstner eigens für sein erstes Spiel konstruiert hat. Disziplin und Geschlossenheit in allen Mannschaftsteilen hatte er gefordert und die wackelige Defensive gestärkt.

Zeitweilig schien es, als ob der amtierende Meister tatsächlich einen Riesen-Golf vor das eigene Tor postiert hatte, an dem das Dauerfeuer des HSV abprallte. Sage und schreibe 21 Schüsse brachten die Hamburger aufs gegnerische Tor, dokumentiert der Teletext, doch nur ein einziges Mal trafen sie. Diesmal war es kein früher, sondern ein sehr später Treffer. Ausgerechnet der formschwache Piotr Trochowski bewahrte die Hanseaten vor einer Niederlage mit einem Flatter-Freistoßtor, das teils Trochowskis toller Schusstechnik, teils den unberechenbaren Flugeigenschaften von WM-Ball Jabolani geschuldet war.

Wie in der letzten Begegnung der vergangenen Saison, als der Mittelfeldspieler ebenfalls in allerletzter Minute den Siegtreffer gegen Frankfurt erzielte und damit den Einzug in die Europa-League sicherte, ist das Zustandekommen des Tors umstritten. In Frankfurt stand „Troche“ klar im Abseits, der damalige Manager Dietmar Beiersdorfer wollte davon aber nichts wissen und behauptete, dass die Abseitsregel im letzten Saisonspiel in der letzten Minute außer Kraft gesetzt sei. Im Spiel gegen den VW-Verein war dem Freistoß ein Foul vorausgegangen, das man nach Ansicht von vflwolfsburgblog nicht hätte pfeifen müssen. Ich denke aber, dass man die Entscheidung des Schiedsrichters vertreten kann, Makoto Hasebe ist doch ein wenig zu ungestüm gegen Eljero Elia in den Zweikampf gegangen. Und wer immer noch an der Rechtmäßigkeit des Freistoßes zweifelt, dem sei frei nach Beiersdorfer gesagt.
„In der 92. Minute gibt es keinen Körpereinsatz.“

Mit dem Unentschieden haben die Hanseaten den fünften Platz gefestigt, aber den Kontakt zu den Top Drei verloren. Es sieht also auch diese Saison für den HSV eher nach Europa League als nach Champions League aus. Es sei denn der Sturm entwickelt bald eine Durchschlagskraft, die selbst durch Panzerglas geht. Sehnsüchtig wartet man in Hamburg auf die Rückkehr des verletzten Zé Roberto. Und noch mehr auf den ersten Auftritt von Ruud van Nistelrooy.

Ganz großes Theater

Beim HSV wird gerade ganz großes Theater gespielt. Man weiß zwar nicht genau, ob es sich dabei um eine Komödie oder eine Tragödie handelt, doch für Unterhaltung ist bestens gesorgt. Es gibt Intrigen und Ränke, ein Hauen und Stechen – nicht gegen Gegner, sondern gegen die eigenen Mannen. Der Verein nennt das „Vorbereitung auf die nächste Bundesligasaison.“ Die Konkurrenz darf sich entspannt zurücklehnen – von diesem HSV droht keine Gefahr.

Im Mittelpunkt stehen zwei ungleiche Helden: der impulsive Präsident Bernd Hoffmann und der introvertierte Sportchef Dietmar Beiersdorfer, der letzte Woche aus dem Amt gehievt wurde. Nachdem der ganz große Wurf auch dieses Mal nicht gelang, wollte der Präsident auch in sportlichen Dingen ein Wörtchen mitreden. Ist doch klar, was dem HSV fehlt! Ein ordentlicher Sechser. Mit dem Sechser hat Hoffmann schließlich schon zig Deutsche Meisterschaften gewonnen – beim Bundesliga Manager-Spiel auf der Playstation. Beiersdorfer gingen Hoffmanns Playstation Tipps zu weit, doch er verlor den Machtkampf gegen den Gegner im eigenen Lager. Damit ist die Aufarbeitung der letzten Saison für die Hamburger wohl abgeschlossen.

„Das ist nicht mehr mein HSV. Der HSV hat seine Seele verkauft!“, trauert der ausgebotete Sportchef in der Presse und man spürt, dass ihm die Raute im Herzen blutet. Er richtet sich mit diesen Worten auch an eine große Fraktion im Verein, die er stets hinter sich wusste: die HSV Supporters. Ich bin gespannt, wie sie sich in Zukunft gegenüber dem Präsidenten, dem Trainer und dem neuen Sportchef verhalten.

In diese Schlangengrube steigt nun der neue Trainer Bruno Labbadia herab, selbst bekannt als harter Hund. Er wollte mit Leverkusen heraus aus der Komfortzone. Solch eine Zone wird er in Hamburg vergeblich suchen. Denn da wird ja momentan zuerst großes Theater und dann vielleicht auch ein bisschen Fußball gespielt. Hoffentlich wünscht sich Labbadia nicht bald das Leverkusener Phlegma und die Komfortzone zurück.

Neves Ultra Dry

Ihn werden wir erst mal full-time pampern.

Dietmar Beiersdorfer am 04.09.08 über Thiago Neves, der beim HSV nicht mal half-time gespielt hat und dessen Verpflichtung sich am Ende als großer Scheiß herausstellte.

Regeländerung

In der 90. Minute im letzten Bundesligaspiel gibt es kein Abseits.

Dietmar Beiersdorfer über das leicht Abseits verdächtige 3:2 von Piotr Trochowski gegen Eintracht Frankfurt (23.05.09).

Finale im Taunus

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Zum Bundesliga-Finale war ich auf einem Grillplatz im Taunus, eine halbe Stunde mit der Regionalbahn von Frankfurt entfernt, wo der HSV seinen Einzug in die Europa League perfekt machen wollte. Eine Freundin meiner Freundin veranstaltete dort ihre Hochzeitsfeier – Grillen, mitten in der Natur, schön idyllisch an einer Hütte. Mit Bierbänken, Biertischen, einer Liegewiese aus Stroh und einem Camping-Platz – fehlte nur noch eine Großbildleinwand und ein Sanitäterzelt mit Herzspezialisten. Denn auch das letzte Spiel des HSV verlief wie die Kurve eines Patienten mit Herz-Rhythmus-Störungen. Eigentlich müsste nach dem Schock-Finale jeder HSV-Fan eine kardiologische Behandlung von der Krankenkasse bezahlt bekommen.

Nervenschonend war die Meisterschaftsfrage – der Drops war schon nach dem Einchecken in unsere, übrigens unterirdisch verratzte, Pension gelutscht, also nach einer halben Stunde. Kurz nach Beginn der zweiten Halbzeit kamen wir am Grillplatz an, aber es war noch fast niemand von den Hochzeitsgästen da. Deshalb seilte ich mich ab in Wald und Flur zu Kühen, die sicher mal ein gutes Steak geben, Pferden, Schafen und der Bundesliga-Konferenz auf meinem Handy-Radio. Ich hörte das Zweinull durch Olic, das Einsnull für Gladbach und mein Jubel hallte durch die Wiesen: der Tag war so schön friedlich und warm. Die Luft roch sogar schon ein bisschen nach Europa League. Doch im Verlauf von nur zwei Minuten drehte der Wind. In Frankfurt fiel zuerst das Zweieins, dann das Zweizwei und auch Dortmund erzielte den Ausgleich. Der HSV hatte wieder die Arschlochkarte fest in der Hand, die Pferde auf der Koppel wurden langsam unruhig und ich nahm erst einmal einen kräftigen Schluck aus meiner Pulle Bier.

Die nervige „Tor-in-Dortmund“-Sabine Töpperwien trompetete, dass in Gladbach beide Mannschaften mit dem Ergebnis zufrieden seien und nichts mehr riskierten. In Frankfurt kämpften plötzlich alle Frankfurter, als ob es um ihr Leben oder die Rente von Trainer Friedhelm Funkel ging. Es war die Schlussviertelstunde, gerade da ging beim HSV in dieser Saison gar nichts – abgesehen von Gegentreffern. Doch plötzlich kam er, der heiß ersehnte „Tor in Frankfurt!“-Ruf. Trochowski trifft in der Nachspielzeit! Diesmal hatte kein Spieler die Hand Gottes, sondern der Linienrichter, der die Fahne korrekterweise unten hielt. Kein Abseits! Denn das gibt es in der 90. Minute im letzten Bundesligaspiel nicht mehr, weiß Dietmar Beiersdorfer. Der HSV brauchte also eine Regeländerung, damit er in dieser Saison noch ins internationale Geschäft stolperte – großartig!

Diese Bundesliga-Final-Hektik kümmerte die Schafe und Kühe auf der Weide wenig. Sie rupften zufrieden das Gras und machten einen harmonischen und entspannten Eindruck. Von solch einem inneren Gleichgewicht kann ein HSV-Fan momentan nur träumen.


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