Posts Tagged 'FC Bayern München'

Mensch, Jonathan!

focus.de

Im Alten Testament ist Jonatan – in der Lutherbibel ohne „h“ geschrieben – zugleich Sohn des israelitischen Königs Saul und bester Freund von David, dem Nachfolger auf dem Thron. Er übernimmt die wahrlich nicht beneidenswerte Aufgabe des Vermittlers zwischen den beiden Parteien.

Es ist ein einseitiger Konflikt, der zu Lasten des Königs geht. Gott hat sich bereits von Saul abgewendet, weil dieser ungehorsam war. Er hatte einen unterworfenen Stammesführer sowie dessen beste Schafe und Rinder geschont, sich also selbst an der Beute bereichert und nicht – wie von Gott befohlen – alle Feinde und deren Tiere getötet. Er hatte es sich mit dem alttestamentarischen Jahwe verscherzt und mit dem war in manchen Situation nicht gut Kirschen essen.

Zusätzlich heißt es, der böse Geist sei über Saul gekommen, möglicherweise handelt es sich hier um eine manisch-depressive Erkrankung. Dieses Leiden ist der Grund, weshalb der junge David an Sauls Hof geschickt wird, er soll durch das Harfespiel dem Kranken Linderung verschaffen. Wir haben es also mit einer frühen Form der Musiktherapie zu tun, die jedoch im Falle des mitunter sehr cholerischen Herrschers nicht anschlägt, da der vermeintliche Therapeut aus Bethlehem die Krankheit noch verstärkt.

Der junge Mann erweist sich nämlich nicht nur als feingeistiger Musiker sondern auch als erfolgreicher Kämpfer im legendären Duell gegen den Philister-Riesen Goliat. Das steigert sein Ansehen am Hof dermaßen, dass die Frauen skandieren:
„Saul hat tausend erschlagen, aber David zehntausend.“ (Sam.18, 7).

Mit Argwohn beobachtet der König den kometenhaften Aufstieg des Jünglings. Er fürchtet, David wolle ihm den Thron streitig machen. Deshalb will der Herrscher den Konkurrenten beseitigen und trachtet ihm nach dem Leben. Zweimal kann David im letzten Moment den Spießen ausweichen, die der wütende Herrscher gegen ihn wirft. Dann spitzt sich der Streit so zu, dass David vom Hof fliehen muss.

Während dessen Abwesenheit legt Jonatan bei seinem Vater ein gutes Wort für David ein, bittet ihn, von seinen Mordplänen gegen den Jüngling abzulassen. Seinem Freund hingegen verrät er die Tötungsabsichten des Vaters und teilt ihm mit, ob er bleiben oder die Gegend verlassen soll: Die drei abgeschossenen Pfeile geben Auskunft über die Stimmung des launischen Anführers.

Am Ende hat die Mission des Königssohns Erfolg: Zwischen dem Vater und dem Freund kommt es zu keinem Blutvergießen. Saul und Jonatan hingegen werden in einer Schlacht von den feindlichen Philistern getötet, was David zwar ernsthaft betrauert, ihm aber auch den Weg zum Thron der Israeliten ebnet. Das Wirken Jonatans bleibt zwar im Schatten der glanzvollen Taten, die von der Lichtgestalt David berichtet werden. Interessanterweise illustriert diese Geschichte aber auch den Gedanken, dass ein kompetenter Schlichter kein Greis sein muss, der seine Alterszeit in Talkshows verbringt. Er muss nur das Wissen und Gefühl für das Gute einer Sache haben.

Jonathan ist auch der Protagonist der gleichnamigen Erzählung des expressionistischen Dichters Georg Heym. Sie erzählt die Geschichte eines Jungen, der sich als Maschinist auf einem Dampfer bei einem Arbeitsunfall beide Beine gebrochen hat und nun im Krankenhaus liegt. Die Sterilität und Anonymität dieser Institution lasten auf dem kindlichen Helden ebenso wie sein sich zunehmend verschlechternder körperlicher Zustand.

In Erinnerungen, Fieberfantasien an die exotische Welt Asiens und Afrikas kann er zwar zeitweilig der Klinik-Tristesse entkommen; auch der kurze Kontakt zu seiner Bettnachbarin, einem jungen Mädchen, erfüllt ihn mit einem Funken Hoffnung. Am Ende kann den jungen Mann aber nicht einmal die Amputation beider Beine retten, im Gegenteil: Der medizinische Eingriff beraubt Jonathan der Eigenschaft, Mensch zu sein – seine Wahrnehmung wird hier eindrucksvoll nachgezeichnet:

„Wo vorher seine Beine gewesen waren, war jetzt ein dickes blutiges Bündel von weißen Tüchern, aus denen sein Leib aufragte wie der Körper eines exotischen Gottes aus einem Blumenkelch.“

Das offene Ende der Geschichte legt nahe, dass der Held am Ende stirbt. Er schleppt sich in seiner Vorstellung „über die Felder, über Wüsten, während das Gespenst ihm voranflog, immer weiter durch Dunkel, durch schreckliches Dunkel.“

So wüst und öde mag wohl auch der Weg über 20, 30 Meter auf Jonathan Pitroipa gewirkt haben im Spiel des HSV gegen den FC Bayern. Mutterseelenallein schoss der Hamburger auf den Kasten des FC Bayern zu, wo bereits der ehemalige HSV-Torhüter Hansjörg Butt wartete.

Pitroipas schmächtige Figur erlaubt ihm wieselflinke Bewegungen, mit denen er den meisten Verteidigern der Liga davonsprinten kann. Die schmale Statur lässt den Stürmer aus Burkina Faso aber auch mit 24 Jahren noch wie einen Jugendlichen, „eine halbe Portion“, wirken, dem in Zweikämpfen bisweilen die Standfestigkeit fehlt.

Nach dem Spiel wird Trainer Armin Veh mit bewundernswerter Gelassenheit sagen, Jonathan habe die falsche Entscheidung getroffen. Er hätte besser sein hohes Tempo ausnützen und wie ein Hochgeschwindigkeitszug rechts am Torhüter vorbei Richtung kurzes Eck preschen sollen. Jonathan Pitroipa entschied sich aber für einen Schuss ins lange Eck und traf den Pfosten.

Acht Zentimeter, so breit ist nach dem FIFA-Reglement der vertikale Torbalken, trennten die Hanseaten vom verdienten Sieg. Den Bayern blieb damit eine erneute Niederlage erspart. Der burkinische Wirbelwind ließ hingegen wieder einmal eine Gelegenheit aus, Star des Abends zu werden und den HSV weiter nach vorne zu bringen.

Der biblische Jonatan hat seinen festen Platz in den Geschichtsbüchern und auch Georg Heyms Protagonist ist noch heute Literaturliebhabern ein Begriff.
Ob Jonathan Pitroipa den HSV-Fans einmal in guter Erinnerung bleibt, hängt nicht zuletzt von einem Umstand ab: seiner zukünftigen Treffsicherheit.

Quellen:
Lutherbibel Standardausgabe. Stuttgart 1985.
Georg Heym: Dichtungen und Schriften. Band 2, Hamburg, München 1960 ff., S. 38-52.

Advertisements

Ein Tor fürs Nirwana

Lakshmi, Göttin des Glücks und der Schönheit

Meines Wissens besitzt meine Freundin weder die indische Staatsbürgerschaft, noch hat sie familiäre Wurzeln dort. Sie hängt auch nicht dem hinduistischen Glauben an. Und wenn, dann hat sie den Gebetsaltar für Shiva, Vishnu oder Kali bisher ganz gut vor mir versteckt. Das Indischste an unserer Wohnung ist das Currypulver, das unbenutzt im Gewürzregal vor sich hingammelt und mich daran erinnert, dass die handelsübliche Curry-Mischung auf die britische Kolonialzeit im 18. Jahrhundert zurückgeht. Diese Periode war übrigens mindestens so unnütz wie mein Wissen darum.

Da ist meine Freundin praktischer veranlagt, denn ihre Vorliebe für Yoga dient der Entspannung. Die Übungen, die mittlerweile in der ganzen westlichen Welt praktiziert werden, sind aber so in Mode gekommen, dass sie mit der ursprünglichen Form auf dem asiatischen Subkontinent nicht mehr viel zu tun haben. Man kann es also drehen und wenden, wie man will: Meine Freundin ist kein Kind der indischen Kultur. Trotzdem glaubt sie an Karma, felsenfest.

Nach hinduistischer Lehre hat man unter Karma ein selbst erworbenes Schicksal zu verstehen. Tut der Mensch Gutes, wird ihm auf lange Sicht Positives widerfahren – in diesem oder einem nächsten, höheren Leben. Schlechtes Handeln wird hingegen irgendwann ganz bitter zurückgezahlt, auch wenn der Bösewicht kurzfristig auf die Außenwelt den Eindruck machen sollte, das Glück auf Erden gepachtet zu haben. Diese Gedanken sind auch dem christlichen Abendland nicht ganz fremd und können mit den Sprüchen „Man erntet, was man sät“ und „So wie man in den Wald schreit, hallt es zurück“ zusammengefasst werden.

Meine Freundin beschreibt den zentralen Gedanken der indischen Philosophie als Karma-Konto. Sie ist davon überzeugt, dass der Mensch im Leben wie bei einem Girokonto einen Überschuss an guten Taten auf der Habenseite ansammelt, oder mit seinen Untaten in den Miesen sein kann. Das Soll lässt sich durch Gutes ausgleichen, das Guthaben dagegen ist schneller aufgebraucht, als einem lieb ist, denn das Böse lauert immer und überall. Ob bei diesem Konto auch eine Erhöhung des Dispositionskredits inbegriffen ist, zum Beispiel bei guter Führung, habe ich noch nicht in Erfahrung gebracht.

Lange Zeit habe ich diese Karma-Vorstellung zwar originell gefunden, aber auch etwas irritiert und belustigt zur Kenntnis genommen. Ich sah in ihr eine fixe Idee, richtig verstanden oder gar daran geglaubt habe ich nicht. Der 8. Spieltag der Fußball-Bundesliga, in dem der HSV die scheinbar unendliche Siegesserie der Mainzer stoppte, hat meine Haltung geändert.

Alle Kommentare sprachen von einem glücklichen Sieg für die Hamburger. In der zweiten Halbzeit hatten sie sich gegen das temporeiche Powerplay der Rheinhessen nur mit äußerster Anstrengung und viel Fortune wehren können. Mit Lewis Holtby, André Schürrle und Marco Caligiuri hatten für den Tabellenführer gleich drei Akteure den Siegtreffer auf dem Fuß. Die furiose Drangperiode ließ das zu Unrecht verweigerte Tor von Ruud van Nistelrooy fast vergessen.

Und dann, als sich beide Seiten schon mit einem Remis abgefunden hatten, fiel dem HSV das lang ersehnte Tor in den Schoß. In der 89. Minute war der ewig junge Zé Roberto im gegnerischen Strafraum nicht aufzuhalten und servierte einen Pass auf dem silbernen Tablett für den Peruanischen Panther Paolo Guerrero. Flaschenwurf und Flugangst, zwei Leiden des jungen Paolo in der jüngeren Vergangenheit, schoss er sich aus dem Leib und vertrieb die quälenden Dämonen.

Endlich hatten sich die Hanseaten rehabilitieren können. Gerechtigkeit war geschehen für die unglücklichen Niederlagen gegen Wolfsburg und Bremen in den vorangegangenen Wochen. Grafite, der immer ausgerechnet gegen den HSV große Kreise zieht, ansonsten jedoch im Sturm stumpf wie eine abgebrochene Bleistiftspitze agiert, war ebenso verblasst wie Piotr Trochowskis Fehlpass gegen die Weserlinge. Der hatte den Verein das Unentschieden und den jungen Mittelfeldspieler fast den Hals gekostet.

Der Rautenklub, der etliche Fleißpunkte angesammelt hatte, ist durch den späten, unerwarteten Sieg endlich ausbezahlt worden. Wieder einmal wurde offensichtlich: Gott pokert nicht. Er spielt nicht Texas Holdem. Hoffen wir, dass die Rothosen noch ein ausreichendes Guthaben auf ihrem Karma-Konto übrig haben im nächsten Spiel gegen den FC Bayern München. Namaste.

Wenn Joghurt Quark ist

Irgendetwas stimmte nicht mit dem Joghurt, den ich letzte Woche zum Frühstück löffelte. Der Geschmack war ok, Naturjoghurt eben, schmeckt ja nach nicht viel. Und ich bin nicht gerade ein Milchprodukt-Spezialist: Mit verbundenen Augen könnte ich vielleicht gerade mal Erdbeere von Banane unterscheiden, aber wenn es darum ginge, die Marke zu bestimmen, würde ich kläglich versagen. Von mir aus könnte Naturjoghurt auch in guter Sozialismus-Manier von einem Staatsbetrieb hergestellt werden, mit Guido Westerwelle als Schichtleiter. Naturjoghurt ist Naturjoghurt – da mache ich keinen Unterschied. Mir ist auch gleich, ob sich die Milchsäurebakterien nach links oder rechts drehen – Hauptsache sie haben Lust an Bewegung, da will ich ihnen die Richtung gar nicht erst vorschreiben.

Trotzdem: An diesem Erzeugnis war etwas anders. Ich weiß nicht mehr genau, was mich stutzen ließ. Aber plötzlich meldete sich ein Bauchgrummeln und eine innere Stimme sagte: „Iss das nicht!“ Ich fischte den abgerissenen Deckel aus dem Plastikmüll und vergewisserte mich, dass das Produkt noch genau eine Woche haltbar war. Glück gehabt. Als nächstes drehte ich den Papp-Becher in meiner Hand, um mich über die Inhaltstoffe zu informieren. Auf dem Etikett stand übrigens auch die Hotline Nummer des Herstellers. Vielleicht sollte ich mit einer netten Service-Mitarbeiterin telefonieren und dabei ein gratis Milchpaket der Firma herausschlagen mit dem Argument, „Also ihr Joghurt, der schmeckt heute irgendwie komisch.“

Da fiel mir der kleine, rot umrandete Kreis auf, der sich deutlich von dem blauen Becher abhob. Zuerst dachte ich, es sei ein Warnzeichen wie „giftig“ oder „gefährlich“. Und tatsächlich handelte es sich hier um ein ziemlich ätzendes Emblem: das Wappen des FC Bayern München, direkt neben dem Logo des Milchherstellers; der ist nämlich „offizieller Ernährungspartner“ des Vereins.

Ich stellte mir Louis van Gaal vor, der seine Holländernase in den Joghurt steckt und dabei grummelt: „Ich bin nicht zufrieden mit dem Spiel gegen den HSV.“ Darüber musste ich schmunzeln. Dennoch – mir war die Lust auf Joghurt erstmal vergangen. Beim nächsten Einkauf werde ich garantiert genauer hinschauen, damit ich nicht wieder so einen Quark kaufe.

Lauter Schwalbenkönige

Vielleicht lag es an dem dunklen Keller, den harten Holzstühlen und Bierbänken, die um das helle Licht der Leinwand platziert waren. An dem Gestank von Zigaretten, Bier und Schweiß, der in der stickigen Luft fest hing und aus uns Zuschauern eine verschworene, von Sauerstoff abgeschnittene Bruderschaft machte. Die Rheinischen Frohnaturen trugen sicherlich auch ihren Teil dazu bei. Sowie die fröhlichen Gemüter, die ebenfalls eine brennende Leidenschaft für den FC zeigten, obwohl sie nicht einmal aus dem Rheinland stammen. Einer von ihnen ist mein Kumpel Marcel, ein Schwabe, der die Geißböcke seit frühester Kindheit tief im seinem Herzen trägt. Gut möglich, dass auch die Schadenfreude eine Rolle spielte: Den so großen und arroganten FC Bayern endlich wieder verlieren zu sehen. Wahrscheinlich ist die Antwort aber viel einfacher: Ich hatte schlichtweg ein paar Kölsch zuviel, geht ja schneller als man denkt.

Ich muss gestehen, im Nachhinein kann ich gar nicht mehr recht erinnern, was mich so faszinierte, als ich Marcel zum ersten Mal in seine FC Köln-Kneipe „Schwalbe“ begleitet hatte. Gezeigt wurde das Spiel gegen den FC Bayern in der Saison 08/09. Etwas hatte mich damals gepackt und das lässt mich bis heute nicht mehr los. Dieses Kneipenspiel war für mich der Anstoß zum Schreiben über Fußball und für dieses Blog. Komischerweise ging der Impuls vom 1. FC Köln und nicht von meinem Verein, dem HSV, aus.

In Gunter Gebauers Buch Poetik des Fußballs bin ich auf eine Erklärung gestoßen, warum Fußballschauen in der Öffentlichkeit so attraktiv ist. Der Kulturwissenschaftler beschreibt zwar die Situation im Stadion, doch meiner Meinung nach gilt Gebauers These auch für die Fußballstammkneipe:
Beim Zuschauen verschmelzen Fan und Spieler zu einem Körper. Die Anhänger leiden mit dem eigenen Team mit, sie fühlen das Foul am eigenen Mann schmerzhaft nach und dürfen – im Gegensatz zu den Akteuren auf dem Platz – ihrer Empörung freien Lauf lassen. Der Kneipengucker ist mitten drin im Spiel, es zuckt in seinen Beinen und er schreit den Bildschirm an mit Anweisungen wie „Spiel ab!“ oder „Schieß!“, weil er glaubt dadurch seiner Mannschaft im entscheidenden Moment helfen und die eigene Nervosität kontrollieren zu können. Bei meinem Besuch in der „Schwalbe“ hat das hervorragend geklappt. Der FC hatte zweizueins gegen die Bayern gewonnen, auch weil die Kölner Fans zahlreiche rheinische Gesänge angestimmt hatten.

Am heutigen 21. Spieltag steige ich wieder einmal hinab in die Höhle des Geißbocks, das Auswärtsspiel des HSV gegen Köln ist auch für mich ein Gastspiel. Diesmal schreie ich verständlicherweise nicht für den FC und bin auch nicht dessen Glücksbringer. Mein Jubel wird allein den Hamburger Toren gelten. Danach bekomme ich vom Wirt sicher Kölsch-Verbot, und mir wird meine Fahrradklingel verstellt. Aber das ist es mir wert.

Vamos a la playa

Deutschland friert momentan fest. Am Wochenende ging es nicht nur darum, Schneesturm „Daisy“ zu überstehen, sondern auch Roland Emmerichs Katastrophenfilm „The day after tomorrow“. Ganz andere Sorgen plagten unsere Bundesligastars: Sonnenbrand und Sand in Badehosen und Adiletten. Denn mit Ausnahme von Leverkusen, Hoffenheim, Bochum und Hannover, die tapfer zuhause im ewigen Eis probten, verschlug es die Mannschaften zum Winter-Trainingslager in südliche Gefilde.

Bayern München und die Weserlinge jetteten nach Dubai, wo sie im Treppenhaus des Burj Tower erstmal Kondition bolzen konnten: Einmal die 11.300 Stufen hoch und runter stählt die Oberschenkel- und Gesäßmuskulatur. Ein hartes Ausdauertraining ließ sicherlich auch Felix „Quälix“ Magath seine Schalker Jungs absolvieren. Als Belohnung genossen die Königsblauen an der spanischen Costa de la Luz die obligatorische Paella mit pappsüßem Sangria – selbstverständlich all inclusive. Gleich um die Ecke feierte die Berliner Hertha ihre schwer erkämpften 6 Punkte der Hinrunde und den letzten Tabellenplatz in einem 5-Sterne-Ressort auf Malle.

Der HSV trainierte, wie auch andere Bundesligateams, in Belek an der türkischen Riviera – einer Trabantenstadt unweit der Touristenmagnete Antalya und Alanya. In dem Ort gibt es einen Freizeit- und Vergnügungspark. Er heißt Troy Aquapark; und das obwohl sich das legendäre Troja dem Archäologen Heinrich Schliemann zufolge im Nordwesten des Landes befindet. Diese Touristenattraktion ist wie das sagenhafte hölzerne Pferd ein riesiger, aber effektiver Schwindel. Vielleicht lässt sich Bruno Labbadia von den Alten Griechen inspirieren und wendet in der Rückrunde genauso gute Tricks an wie der listenreiche Odysseus oder wie die Marketingspezialisten aus Belek. Führen die Strategien dann zum lang ersehnten Titel, wird man Labbadia in Hamburg mindestens zum Halbgott machen.

Das Schaf im Wolfspelz

Niemand kann der Hertha den Vorwurf machen, sie hätte es gestern in ihrem Europa League-Spiel nicht zumindest versucht. Wirklich, sie wollte ein ebenbürtiger Gegner sein und Sporting Lissabon das Feld nicht kampflos überlassen. Der FC Bayern München hatte in der vergangenen Saison ja bereits gezeigt, dass die Portugiesen verwundbar sind, und ihnen zwei Mal richtig das Fell über die Ohren gezogen. Aber an der Spree glaubte man nicht mehr an einen derartigen Jagderfolg und setzte demgegenüber auf listige, psychologische Finten, die den Gegner verwirren und verunsichern sollten.

Zum Beispiel ließ der Club einen gewissen Kaka auflaufen, der jedoch, wie man schnell feststellen konnte, mit dem Mittelfeld-Ass von Real Madrid weder verwandt noch verschwägert ist. Dem Hertha-Kaka fehlt nämlich leider genau das, womit sein Namensvetter aus der Primera Division die Welt verzaubert: das Fußball-Gen.
Doch wenigstens auf die quer gestreiften Sporting-Trikots gaben die Berliner eine freche Antwort: Ihr längs gestreiftes, schwarz-rotes Auswärtsdress, das ganz zufällig an das Heimtrikot von AC Mailand erinnert. Auch wenn die Farben von Milan momentan genauso wenig furchteinflößend wirken wie die der Hertha: die Verwirrung war grandios.
Und zum Schluss musste man sogar vermuten, die Herthaner haben einen Hund ins Stadion eingeschleust. Ununterbrochen hallte aufgeregtes Gekläffe durch die Arena. Sollte das etwa eine Weddinger-Hinterhof-Atmosphäre ins Stadion zaubern? Wo noch ehrlich im Käfig gebolzt wird und Hunde ihr Maul mindestens so weit aufreißen dürfen wie ihre Herrchen.

Die Zielsetzung dieser großen Illusion liegt auf der Hand: Sporting Lissabon sollte eingeschüchtert werden und das Gefühl bekommen, der Gegner sei kein unterdurchschnittliches Bundesligateam, sondern der AC Mailand. Und in dessen Reihen hat bekanntlich der Topstar Kaka vor gar nicht allzu langer Zeit gewirbelt. Hertha spielte also das Schaf im Wolfspelz. Schade nur, dass der Wolf Milan momentan große Zahnprobleme hat und auch nicht mehr kräftig zubeißt. Deshalb ging das raffinierte Verwirrspiel nicht auf: Hertha verlor erneut, wenn auch nur knapp mit Einszunull.

Neues aus der Nordbank-Klinik

Der HSV kann es also doch noch: zu Null spielen. Seit fast 6 Monaten ist den Hamburgern dieses Kunststück in der Bundesliga nicht mehr gelungen – zuletzt bekamen sie Anfang April gegen Hoffenheim keinen einzigen Gegentreffer und gewannen. Letzten Samstag dann endlich wieder ein abgezocktes Einsnull. Und es war kein Zufall, dass dieses Ergebnis gerade gegen den FC Bayern München erzielt wurde. Denn wenn die Hamburger in letzter Zeit auf die Bayern trafen, sah das meist wie folgt aus: Wenig Tore und der HSV ging nicht als Verlierer vom Platz – die letzten sechs Begegnungen blieb man ungeschlagen. Das Spiel vom Wochenende war also ein fast normaler Nord-Süd-Gipfel, der ja eine lange, legendenreiche Tradition hat.

Das Interessante an dem aktuellen Aufeinandertreffen aber ist die Einsicht, dass Trainer Louis van Gaal kein Bayer, sondern Niederländer ist. Er opfert die bayerische „Mia san mia“-Mentalität der Philosophie eines flexiblen Spiel-Systems. Eljero Elia auszuschalten, ist nur eine Maxime in diesem Konzept. Da dieser in der ersten Hälfte ungewohnt als zweite Spitze neben Mladen Petric auftauchte, wurde Philipp Lahm ins rechte defensive Mittelfeld beordert. Nach Demels Verletzung ließ Labbadia den jungen Holländer wieder gewohnt auf der linken offensiven Außenbahn spielen – und Lahm fand sich plötzlich als rechter Verteidiger wieder. Auf dieser Seite brach in der 72. Minute nicht Elia sondern Zé „tut Bayern weh“ Roberto durch, der dann Aushilfs-Verteidiger Mario Gomez umkurvte und einmal an der gesamten Bayern-Abwehr vorbei zu Petric passte – Tor!

Beide Trainer geizen also nicht mit taktischen Finten. Am Wochenende wurde aber deutlich, dass es hierzulande wenig sogenannte polyvalente Spieler gibt. Lahm beispielsweise ist ein schlechter defensiver Mittelfeldspieler, ein durchschnittlicher rechter und ein guter linker Verteidiger. Und Elia – er kann keinen Stürmer ersetzen. Marcus Berg kriegt leider noch nicht so richtig die Kurve, besser wäre, dem Single-Angreifer Petric einen erfahrenen Partner zur Seite zu stellen. Einen, der weiß, wo das Tor steht: zum Beispiel Ebi Smolarek. Nur Jérome Boateng kann scheinbar in der Abwehr-Kette alles spielen und macht links wie rechts eine starke Figur. Aber häufige Positionswechsel sind meiner Meinung nach für die meisten Vereine mit Vorsicht zu genießen; eine starke Rotation dürfte für den HSV aufgrund seiner dünnen Personaldecke immer schwieriger werden.

Nach den Tiefschlägen in der Europa League gegen Rapid Wien und im DFB-Pokal gegen Osnabrück ist Hamburg wieder ganz oben und verteidigt die Tabellenspitze. Aber der Verein hat höchstwahrscheinlich einen weiteren Invaliden zu beklagen: Guy Demel schied am Samstag mit Verdacht auf Bänderriss aus und bald könnte an der Alster die Liste der Verletzten länger als die der Spielfähigen sein. Doch selbst daraus ließe sich Profit schlagen. Präsident Bernd Hoffmann könnte zum Beispiel eine Fernseh-Soap produzieren: „Verletzt in Hamburg“ oder die „Nordbank-Klinik“. Darin tauschen die Kreuzband-Gang Paolo Guerrero, Colin Benjamin und Alex Silva ihre bunten Krücken aus. Marcell Jansen sitzt auf gepackten Koffern und hofft jeden Tag auf seine Entlassung, die sich aber immer wieder hinauszögert. Bastian Reinhardt träumt des Nachts von seinem Comeback, das niemand mehr für möglich hält, am wenigsten sein gebrochener Mittelfuß. Deshalb hat er vorsichtshalber schon mal eine von Alex Silvas Krücken versteckt. Und Guy Demel schmiedet schreckliche Rachepläne gegen Franck Ribéry.
Wehe, wenn die Invaliden wieder aus dem Krankenhaus entlassen werden…


Sozial

Beliebteste Artikel

Archiv

Hartplatzhelden unterstützen