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Finale im Fohlenzimmer

Das konnte kein Zufall sein. Ausgerechnet am Wochenende des Bundesliga-Saisonfinales kamen meine Eltern aus dem Schwabenland nach Berlin zu Besuch. Es bedurfte nicht allzu großer Überredungskunst, meinen Vater am Entscheidungstag in eine Fankneipe zu bewegen. Meine Mutter hatte zum Zeichen des teilnahmslosen Einverständnisses den Daumen hochgereckt und auch von meiner Angebeteten kam kein Einwand gegen den vorgezogenen Herrentag.

Der Herr Papa zeigte sich an der obligatorischen Reichstag-Brandenburger-Tor-Unter-den-Linden-Tour ohnehin nicht sonderlich interessiert. Außerdem kann er schon auf eine stattliche Reihe von Kneipengängen mit seinem Sohn zurückblicken, die sich meist recht vergnüglich gestaltet hatten. Diese Serie sollte sich nun in Berlin fortsetzen – bei kühlem Bier und leidenschaftlichem Fußball.

Wir kehrten aber nicht, wie man vielleicht vermuten mag, in das HSV-Lokal nahe der Schönhauser Allee ein. Es verschlug uns an einen Ort, wo mehr Spannung zu erwarten war: das Hops & Barley im Friedrichshain, eine Gladbach-Kneipe. Hier ging es um den nackten Existenzkampf, den Verbleib in der 1. Liga, wohingegen Hamburg nur um einen Platz im trüben Mittelfeld der Tabelle spielte. Einmal mehr begab ich mich auf fremdes Terrain. Nach meinen Ausflügen in das FC Köln Klubheim war nun die Höhle der Fohlen an der Reihe.

Die Räumlichkeit schien wie für meinen Vater, einen ehemaligen Borussen-Fan, hergerichtet. An den Wänden waren liebevoll schwarz-weiß-grüne Fahnen und Tücher drapiert. Vor die Leinwand hatte man Mini-Bierbänke und ausgemusterte Sofas gruppiert. Das relativ kleine Vereinsheim machte – im Gegensatz zu der rauen, stickigen Geißbockhöhle – mehr den Eindruck eines gemütlichen Hinterzimmers, perfekt also für einen gesetzten Mann jenseits der 40.

Die deutsche Heimeligkeit wurde optisch zwar durch die Hohe Tatoo-Dichte gestört, mit Hautmalereien wird man wohl auch diesen Sommer in den hippen Bezirken Berlins bombadiert. Aber die Kneipe steht schließlich dafür, dass sie kein Bier für Nazis ausschenkt.

Das selbstgebraute, leckere Gerstengetränk floss also in politisch korrekter Atmosphäre wie Balsam die Kehlen hinunter. Mein Vater genoss das Dunkle, ich genehmigte mir das Helle und langsam verspürte ich ein Gefühl zunehmender Zufriedenheit. Die Welt war im Grunde ganz in Ordnung, obwohl sich die Saison für den HSV als eine einzige Katastrophe herausgestellt hatte. Auch am letzten Spieltag brachte mein Verein nichts Vernünftiges zustande, aber weshalb hätte es auch eine Wende geben sollen?

Die aktuellen Gladbach-Stars spielten in der ersten Hälfte die Hamburger schwindlig. Marco Reus dribbelte und Dante wuchtete die Bälle aus der Abwehr. Doch mein Vater schwelgte in der Erinnerung an die 70er Jahre. Die Bökelberg-Legenden Allan Simonsen und Horst Köppel, den sie in seiner Stuttgart Zeit nur „’s Horschtle“ nannten, hatten es ihm besonders angetan. Die Verkaufspolitik von Präsident Helmut Grashoff in den 80er Jahren habe den Verein jedoch kaputt gemacht und ihm den Spaß am VfL vergällt.

Da waren wir wieder beim Lieblingsthema meines Vaters angekommen: Baden-Württemberg. Es gab wohl niemanden im Hops & Barley, der baden-württembergischer war als er. Im Gespräch mit einem Borussen-Fan wurde er gefragt, für welchen Verein denn sein Herz schlage. Endlich hatte er die Gelegenheit, sich zu dem Land im Südwesten zu bekennen. In der ersten Liga unterstütze er Stuttgart, Hoffenheim und Freiburg – Hauptsache die Mannschaft komme aus dem Ländle. Aber eigentlich sei er Anhänger des Karlsruher SC. Diese Antwort brachte seinen Gesprächspartner zum Schmunzeln. Es sei praktisch, viele Klubs zu unterstützen, sagte er – denn einer gewinnt ja immer.

Mit seinem Faible für den KSC überwindet er sogar ideologische Grenzen in der Spätzle-Region. Eigentlich ist es nämlich undenkbar, dass ein Württemberger einen Badener – oder „Gelbfüßler“ – unterstützt, umgekehrt verhält es sich genauso. Man wünscht dem „Schwabenseckel“ nichts Gutes und pflegt lieber eine Rivalität, die mit Hohn und Spott für den Gegenüber gewürzt ist.

Solche Animositäten sind meinem Vater fremd. Neben der gezeigten Partie interessierte er sich ganz besonders für ein Spiel, in dem es nach dem Sieg von Leverkusen nur noch um die goldene Maultasche ging. Trotzdem wollte der Lokalpatriot in Person unbedingt, dass der VfB Stuttgart gegen die Bayern gewinnt – ein Wunsch, der sich nicht erfüllen sollte. Im Gegensatz dazu hatten die Gladbacher nur noch Ohren für die Zwischenstände der direkten Konkurrenten Frankfurt und Wolfsburg. Am Ende wurde alles Hoffen und Bangen zur Häfte erfüllt. Der Traditionsklub stieg zwar nicht ab, muss aber gegen den VfL Bochum in die Relegation. Auf Borussen-Seite zeigte man sich mit diesem Ausgang eher zufrieden.

Das Spiel bildete übrigens in Kurzversion die gesamte HSV-Saison ab. Die erste Halbzeit hatten die Hanseaten einfach verschlafen und wurden von aggressiv draufgehenden Gladbachern im eigenen Stadion in die Defensive gedrängt. Nach dem Seitenwechsel wachten die Hamburger langsam auf, verpassten es aber, den Gegner mit dem zweiten Tor zu besiegen. Unter dem Strich kam ein Unentschieden heraus, das unbefriedigend war. Es gab also kein versöhnliches Ende an der Elbe.

Zuhause zeigte ich stolz Handy-Fotos von der Fankneipe, auf denen meine bessere Hälfte eine überraschende Entdeckung machte: „Die Wand ist ja in derselben Farbe gestrichen wie unser Schlafzimmer.“
Da soll noch einer sagen, Fußball sei das Einzige, was zählt.

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Oh Veh!

Armin Veh tritt an den Spielfeldrand und dirigiert von dort seine Spieler nach vorne. Wieder einmal hat sein HSV einen dummen Gegentreffer hinnehmen müssen und ist in Rückstand geraten. Kurz vor Schluss der regulären 90 Minuten drängt plötzlich die Zeit, die man vorher leichtsinnig vertändelt hat.

Eigentlich hatten sich die favorisierten Hamburger schon mit dem Unentschieden gegen den 1.FC Köln abgefunden. Momentan bäckt man ja an der Alster kleinere Brötchen. Man hat die Europa League verpasst und auch in dieser Saison den Kontakt zur Spitze schon verloren. Aber an eine Niederlage beim Tabellenletzten haben selbst die größten Pessimisten keinen Gedanken verschwendet. Nun heißt es, noch einmal die letzten Kräfte zu mobilisieren, auch wenn im Grunde der Glaube im Team fehlt, das Ruder noch einmal herumreißen zu können. Das spürt auch Armin Veh, weshalb seine nach vorne rudernden Armbewegungen nicht richtig motivierend wirken. Es beschleicht einen eher das Gefühl, als wolle sich hier jemand vor dem Ertrinken retten.

Der HSV-Coach sieht in dieser Situation ziemlich grimmig aus. Wie so oft, wenn seine Elf einen späten Gegentreffer hinnehmen muss, weil einer der hochbezahlten Elitekicker sich wieder einmal einen Schnitzer geleistet hat, den man günstigenfalls als Schuljungenstreich verbuchen kann. Im schwarzen Mantel mit grau meliertem Haar und dem blassen Gesicht erinnert der 49 jährige Augsburger an eine graue Eminenz, an Horst Frank in der Rolle als Baron, bevor er Timm Thaler das Lachen abgekauft hat. Niemand möchte mit Veh in diesem Moment tauschen.

In der vergangenen Pokalwoche hatte selbst der Stress resistente Trainer wohl ein paar graue Haare mehr bekommen. Erst wurde er von einem heimtückischen Grippevirus außer Gefecht gesetzt, dann servierte ihm sein Assistent Michael Oenning zusammen mit einer Kanne Kamillentee die Hiobsbotschaft von der Pokal-Schlappe gegen Frankfurt: Die gesamte Mannschaft hatte an taktischer Inkontinenz gelitten und sich in einem wirklich besorgniserregenden Zustand präsentiert.

Wen mag es da wundern, dass es den Patienten in dieser akuten Krise keine Sekunde länger in seinem Krankenbett hielt und er am 10. Spieltag gegen den 1. FC Köln wieder auf der Trainerbank saß? Dem Übungsleiter war deutlich anzusehen, dass immer noch feindliche Virenverbände an seinen Kräften zehrten. Die Krankheitserreger mussten auf ihn aber wie Heilmittel gewirkt haben im Vergleich zu der bitteren Pille, die ihm seine Mannschaft in Kölner Rhein-Energie-Stadion verabreichte.

Die Hamburger agierten so unaufgeräumt, als wollten sie Armin Veh noch an Ort und Stelle unter die Erde bringen. Im Spiel nach vorne herrschte Verstopfung infolge zuwenig Bewegung und nach hinten pfiff der Ball durch die Abwehrreihen wie bei einer klassischen Diarrhoe. Zu diesen Symptomen gesellte sich eine rätselhafte Vergesslichkeit, denn ein ums andere Mal ließ man den Kölner Stürmer Milivoje Novakovic aus den Augen, der sich höflich mit drei Treffern für den Freiraum bedankte.

Verschnupft nahm der Patient auf der Trainerbank der Hanseaten die Nachlässigkeiten zur Kenntnis und verwies auf die individuellen Qualitäten in seinem Team, die aber momentan nicht abgerufen würden. Es ist das alte Leiden bei den Rothosen: Anspruch und Wirklichkeit wollen sich einfach nicht decken. Das Argument der traditionell langen Verletztenliste als Grund für den ausbleibenden Erfolg greift zu kurz, da erstens auch andere Bundesligamannschaften ersatzgeschwächt sind und trotzdem ihre Punkte einfahren. Zweitens ist noch völlig offen, wie denn Armin Vehs Bestbesetzung aussehen würde. Die Rotation in seiner Amtszeit war bislang – freilich auch verletzungsbedingt – zu hoch, als dass sich eine Stammelf herauskristallisiert hätte.

Zwei Wochen zuvor gab es noch große Hoffnung bei den Nordlichtern. Nach dem Sieg gegen Mainz war Veh zu Gast in der Fußballrunde Doppelpass. Am darauffolgenden Samstag schoss er beim Aktuellen Sportstudio auf die Torwand. Jenseits des Spielfelds zeigt der Schwabe eine andere Facette seiner Persönlichkeit. Analysiert Situationen sachlich und ruhig, streut trockene, humorvolle Pointen in seine Rede. Das Karohemd steckt in der Bluejeans, auf ein Sakko verzichtet er. Wenn er nicht den Rautenklub coachen muss, wirkt der frühere VfB-Trainer viel jünger und ziemlich schelmisch: Aus dem finsteren Baron wird der Lausbub Timm Thaler.

Recht amüsiert nahm er beim Doppelpass einen ganz besonders gut gemeinten Tipp eines Journalisten entgegen. Angesichts des fortgeschrittenen Alters einiger Leistungsträger wie Zé Roberto, Ruud van Nistelrooy oder Frank Rost, solle Veh in dieser Saison den HSV auspressen wie eine Zitrone. Er solle noch einmal das Beste aus den betagten Akteuren herausholen und gleichzeitig an einem Umbau beziehungsweise einer Verjüngung des Teams arbeiten.

Der Trainerfuchs konnte sich ein zustimmendes, spitzbübisches Lächeln nicht verkneifen und mir wurde klar. Der Mann versteht mehr von Fußball als alle selbst ernannten Ratgeber zusammen, an denen ja beim HSV noch nie Mangel geherrscht hat. Er braucht nur Zeit, um eine Mannschaft zu formen, die seine Handschrift trägt. Und in der sich ein Abwehrspieler findet, der sich nicht zu fein ist, Novakovic zu decken. Dann wird der Fußballlehrer hoffentlich bald auch am Spielfeldrand der Imtech-Arena einigen Grund zum Lachen haben und sich wieder bester Gesundheit erfreuen.

Lascher Beamer

Auch im letzten Spiel gegen den 1.FC Köln erwischte der HSV einen Blitzstart. Keine Bundesliga-Mannschaft trifft bekanntlich so oft in der ersten Viertelstunde wie die Hamburger. Doch noch bevor sich diese gewohnten Szenen abspielen konnten, gab es ein ungewohntes Problem im Keller der Köln-Stammkneipe „Schwalbe“, wohin mein Kumpel Marcel mich zum Fußballschauen eingeladen hatte. Die Spucke in der Pfeife von Schiedsrichter Michael Weiner war nach dem Anpfiff noch nicht getrocknet, da fiel das Bild plötzlich aus. Der Beamer sei überhitzt, entschuldigten sich die Tresenkräfte. Das sprach ja nicht unbedingt für die Belastbarkeit des Geräts, war doch gerade erst eine Minute absolviert.

Uns Fußballfans blieb in der spannenden Anfangsphase also nur der Ton der Sky-Berichterstattung, dem wir gebannt – vor der leeren, weißen Leinwand sitzend – lauschten: von wegen video killed the radiostar. Wir hörten, dass beim ersten Angriff der Hamburger auch Kölns Keeper Faryd Mondragon nicht ganz im Bilde war, was Marcell Jansen eiskalt ausnutzte: Tor für den HSV! Mein Jubel hallte durch den Keller und mischte sich mit dem „Jaaaa!!!“ eines weiteren Hamburg-Fans. Ansonsten herrschte Totenstille, die Domstädter waren erst mal bedient.

Kurz darauf war das Bild endlich zurück und mit ihm ein dramatisches Spiel, bei dem es gerechterweise keinen Sieger gab. Als die beiden Treffer von Pfeil-und-Bogenschütze Mladen Petric zum Zwei- und Dreizueins fielen, hatte der anfällige Beamer Gelegenheit, sich etwas abzukühlen. Dank der zeitweilig recht frostigen Stimmung bei den FC-Fans. Trotzdem muss man der Geißbock-Elf zugute halten, dass sie bis zum Schluss gekämpft hat und vor allem im Spiel nach vorne überzeugen konnte.
Nach dem Ausgleichstor von Adil Chihi zwei Minuten vor Schluss gab es in der „Schwalbe“ kein Halten mehr. Mitten im Jubel setzte der Projektor ein weiteres Mal aus. Doch diesmal war wohl Marcel der Übeltäter, wie er selbst mutmaßte. Anscheinend kann nicht nur Überhitzung einen Bildausfall verursachen, sondern auch rhythmisches Freudenklopfen gegen die Kellerdecke.
So bekam ich auch den ersehnten ersten Auftritt von Ruud van Nistelrooy für den HSV leider gar nicht mit. Viel konnte er sowieso nicht reißen, dafür kam seine Einwechslung zu spät. Nicht umsonst hat ein Spiel 90 Minuten; ich freue mich auf seinen ersten richtigen Einsatz.

Bis dahin sollten die Techniker beim HSV endlich ein Mittel gegen das Hauptproblem der Mannschaft gefunden haben: den obligatorischen Leistungsausfall ab der 65./70. Spielminute. Ansonsten ist die Labbadia-Elf zukünftig ebenso wenig ernst zu nehmen, wie ein Beamer, der nach einer Minute ausfällt. Diesen wird man ganz sicher nicht für die großen Spiele in der Champions League einsetzen.

Lauter Schwalbenkönige

Vielleicht lag es an dem dunklen Keller, den harten Holzstühlen und Bierbänken, die um das helle Licht der Leinwand platziert waren. An dem Gestank von Zigaretten, Bier und Schweiß, der in der stickigen Luft fest hing und aus uns Zuschauern eine verschworene, von Sauerstoff abgeschnittene Bruderschaft machte. Die Rheinischen Frohnaturen trugen sicherlich auch ihren Teil dazu bei. Sowie die fröhlichen Gemüter, die ebenfalls eine brennende Leidenschaft für den FC zeigten, obwohl sie nicht einmal aus dem Rheinland stammen. Einer von ihnen ist mein Kumpel Marcel, ein Schwabe, der die Geißböcke seit frühester Kindheit tief im seinem Herzen trägt. Gut möglich, dass auch die Schadenfreude eine Rolle spielte: Den so großen und arroganten FC Bayern endlich wieder verlieren zu sehen. Wahrscheinlich ist die Antwort aber viel einfacher: Ich hatte schlichtweg ein paar Kölsch zuviel, geht ja schneller als man denkt.

Ich muss gestehen, im Nachhinein kann ich gar nicht mehr recht erinnern, was mich so faszinierte, als ich Marcel zum ersten Mal in seine FC Köln-Kneipe „Schwalbe“ begleitet hatte. Gezeigt wurde das Spiel gegen den FC Bayern in der Saison 08/09. Etwas hatte mich damals gepackt und das lässt mich bis heute nicht mehr los. Dieses Kneipenspiel war für mich der Anstoß zum Schreiben über Fußball und für dieses Blog. Komischerweise ging der Impuls vom 1. FC Köln und nicht von meinem Verein, dem HSV, aus.

In Gunter Gebauers Buch Poetik des Fußballs bin ich auf eine Erklärung gestoßen, warum Fußballschauen in der Öffentlichkeit so attraktiv ist. Der Kulturwissenschaftler beschreibt zwar die Situation im Stadion, doch meiner Meinung nach gilt Gebauers These auch für die Fußballstammkneipe:
Beim Zuschauen verschmelzen Fan und Spieler zu einem Körper. Die Anhänger leiden mit dem eigenen Team mit, sie fühlen das Foul am eigenen Mann schmerzhaft nach und dürfen – im Gegensatz zu den Akteuren auf dem Platz – ihrer Empörung freien Lauf lassen. Der Kneipengucker ist mitten drin im Spiel, es zuckt in seinen Beinen und er schreit den Bildschirm an mit Anweisungen wie „Spiel ab!“ oder „Schieß!“, weil er glaubt dadurch seiner Mannschaft im entscheidenden Moment helfen und die eigene Nervosität kontrollieren zu können. Bei meinem Besuch in der „Schwalbe“ hat das hervorragend geklappt. Der FC hatte zweizueins gegen die Bayern gewonnen, auch weil die Kölner Fans zahlreiche rheinische Gesänge angestimmt hatten.

Am heutigen 21. Spieltag steige ich wieder einmal hinab in die Höhle des Geißbocks, das Auswärtsspiel des HSV gegen Köln ist auch für mich ein Gastspiel. Diesmal schreie ich verständlicherweise nicht für den FC und bin auch nicht dessen Glücksbringer. Mein Jubel wird allein den Hamburger Toren gelten. Danach bekomme ich vom Wirt sicher Kölsch-Verbot, und mir wird meine Fahrradklingel verstellt. Aber das ist es mir wert.

Stümperfußball!

„Das ist Stümperfußball!“
Zum Glück hat es der Kommentator bei info-Radio gesagt, sonst hätte es leicht zu Missverständnissen kommen können. Das, was der HSV am Samstag gegen den 1.FC Köln auf dem Rasen gezeigt hat, war gar kein richtiger Fußball, es war Stümperfußball. Bei dieser Variante müssen die Akteure ganz spezielle Dinge beherrschen: zum Beispiel den blinden Pass ins Leere, den auf keinen Fall ein Mitspieler erreichen darf, sowie das Hin- und Herschieben des Balles in den eigenen Reihen mit anschließendem Abspielfehler. Ideen, Mut und Kampf sind auszuschalten, nicht beim Gegner sondern im eigenen Team.
So gesehen hat der HSV vollkommen überzeugt und wahrte seine Chancen auf die Stümper-Europa-Liga.

Ich habe dieses merkwürdige Schauspiel in der Küche im Radio mitverfolgt – dort dauerte es nur gut zwei Minuten. Nachdem der Reporter das Wort „Stümperfußball“ ausgesprochen hatte, gab es keine Schaltung mehr nach Hamburg. Bei info-Radio interessieren sie sich nämlich für den herkömmlichen Fußball. Besonders für die Mannschaften vom rbb: die Hertha, die gegen die „ganz in orange gekleideten Königsblauen“ spielte. Und Cottbus – gegen den VFB „auf verlorenem Posten“. Irgendwann in der zweiten Hälfte bekam Sabine Töpperwien ihren „Tor in Dortmund“-Schluckauf, der gar nicht mehr aufhörte, was ziemlich nervte. Gebt doch der Sabine das nächste Mal ein Glas Wasser, dann macht Nelson Valdez auch wieder das, was er am besten kann – daneben schießen.

Im letzten Spiel gegen Eintracht Frankfurt wird wohl auch herkömmlicher Fußball für den HSV nicht reichen. Wenn der BVB in Gladbach mit einem Tor Unterschied gewinnt, muss Hamburg 24 Mal treffen – und hinten kein Tor bekommen, dann ist der fünfte Platz sicher. Das wäre intergalaktisch – doch auch die Intergalaktischen bekommen ja gerade keinen Fuß auf den Boden (sorry).
Oder der HSV spielt einfach wieder das, was er momentan am besten kann: Stümperfußball.

Geißbock in der Katakombe

Letzten Samstag hat mich mein Kumpel Marcel eingeladen, in seiner Köln-Kneipe im Prenzlauer Berg Fußball zu schauen. Eigentlich bin ich eher der Sportschau-Individual-Kucker und mein Lieblingsverein ist nicht Köln, sondern seit den goldenen 80ern der HSV. Doch da mein Kumpel das Herz am rechten Fleck hat und es zudem gegen den FC Bayern ging, sagte ich zu. Dabei erlebte ich mal wieder die Faszination des Kneipen-Kuckens und kenne nun fast das ganze Team des 1.FC auswendig.

Über eine Treppe gelangten wir in den unteren, den Raucherraum der Fußballkneipe, der einer Katakombe ähnelte. Hier war es dunkel und kalt; nur der Beamer, der die Bilder der Vorberichterstattung an eine Leinwand warf, gab ein bisschen Licht und nach einer Heizung suchte man vergeblich. Es war noch niemand da und in dem Kellergewölbe herrschte eine eigentümliche Feierlichkeit. Harte Holzstühle ohne Sitzkissen standen in mehreren Reihen hintereinander, an den Seitenwänden verlor sich der ein oder andere abgewrackte, durchgesessene Sessel. Der Raum sprach für sich und sagte: Mädchen, hier wirst du nicht glücklich.

Heute wird’s sowieso nicht so voll, sagte Marcel. Einige Köln-Fans waren zur Unterstützung ihres Teams nach München gereist und die meisten feierten in der Domstadt, denn übermorgen war Rosenmontag. Trotzdem war zum Anpfiff kein Sitzplatz mehr frei und auch im Nichtraucherbereich oben drängten sich die Fans um die Leinwände. Glücklicherweise hatten wir uns schon früh einen guten Platz gesichert, von dem aus wir den ersten Andrang der Bayern inklusive nicht gegebenem Klose-Tor verfolgten.

Marcel hatte mich für dieses Spiel im Handumdrehen zum Kölner gemacht, indem er mir seinen FC-Schal umlegte. Und als die beiden Tore für Kölle fielen, sah er in mir gar einen Glücksbringer für die Geißbock-Elf.

Nach dem 2:0 wurden begeisterte Fangesänge angestimmt und Fußballer- und Vereinsnamen skandiert. Jetzt weiß ich, dass „Mondragon“ und „Geromel“ keine Fantasy-Figuren von Tolkien sind. Auch Karnevalslieder konnte man hören. Mein Kumpel, der aus der selben Stadt in Schwaben kommt wie ich, gab übrigens zu, dass auch er bis auf „Kölle Alaaf“ nichts von den kölnischen Texten versteht. Trotzdem ist er Kölner im Herzen. Die Stimmen mussten natürlich auch geölt werden. In regelmäßigen Abständen stieg die Bedienung mit einem Träger voll Kölsch in die Katakombe herunter und mit geleerten Gläsern wieder hoch.

Irgendwann in der zweiten Hälfte hatte sich ein blondes Mädchen, wohl Freundin eines Fans, in den Raucherkeller verirrt und von da an wurde das Spiel zerfahrener.

Das gab ihr die Gelegenheit den Fehler zu machen, den viele Frauen begehen: Sie stellte den Unterhaltungswert der Partie in Frage: So ein langweiliges Spiel, meinte sie. Eigentlich hätte ihr Freund nun sagen müssen: Mädchen, hier wirst du nicht glücklich. Stattdessen erklärte er ihr mit beneidenswerter Geduld und kölnischem Charme: „Das ganze Spiel lebt von der Spannung. Wenn die Bayern jetzt ein Tor schießen, dann klingelt der Kasten.“

Am Ende schossen die Bayern doch noch das Anschlusstor, aber zum Ausgleich kamen sie nicht mehr. Mit dem Schlusspfiff stand die Geißbock-Katakombe Kopf. Man fiel sich ausgelassen in die Arme, sang „Uefa-Cup“ und genoss das Glück des gemeinen Fußballfans nördlich des Weißwurst-Äquators, der nur zwei Festtage kennt: wenn die eigene Mannschaft gewinnt und der FC Bayern verliert.


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