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Advent, Advent, der Strafraum brennt

Auf dem Weg zur Fußballkneipe um die Ecke begleiteten mich weihnachtliche Klänge. Vom Kollwitzplatz hörte man ein Bläserensemble, das „Macht hoch die Tür!“ intonierte. Unweigerlich musste ich an die zweite Verszeile denken „Die Tor macht weit!“ und dabei stieg Hoffnung in mir auf. Heute würde der HSV gegen den 1.FC Nürnberg diesen Auftrag erfüllen, davon war ich felsenfest überzeugt. Weit wie ein Scheunentor würde der Kasten der Clubberer offen stehen und die Hamburger könnten dankend die Bälle einnetzen auf ihrer Mission raus aus dem Tabellenkeller.

Das Bulmer’s war zum zweiten Advent festlich geschmückt. Tannenzweige und Christbaumkugeln hingen über den Türschwellen und zierten die Tische; Kerzenschein vermittelte eine gemütliche Atmosphäre. Die liebevoll kitschige Weihnachtsdeko hatte etwas Rührendes angesichts der Tatsache, dass sich in diese Bar nur selten eine Frau verirrt. Zur Geburt des Herrn bekommt auch der bierselige, herumgrölende Fußballfan die Möglichkeit, seine gefühlvolle Seite zu zeigen.

Nachdem die HSV-Kneipe in meinem Kiez umgezogen ist, suche ich mittlerweile immer öfter diesen Irish Pub auf. Das Bulmer’s ist rustikal eingerichtet und erinnert eher an eine Berliner Eckkneipe als an einen Pub von der grünen Insel. Dafür fließt hier viel irisches Bier die Kehlen hinunter sowie verschiedene Cider-Sorten. Da ich von beidem kein Fan bin, trinke ich meist ein Berliner vom Fass, auch nicht gerade meine erste Wahl.

Das Mäkeln an Nebensächlichkeiten verblasst aber angesichts der Tatsache, dass der Irish Pub – neben der Premier League – auch Bundesligaspiele überträgt. Da die letzten Partien des HSV entweder am Abend oder sonntagmittags ausgetragen worden waren, konnte man mich in den vergangenen Wochen jedes Wochenende hier antreffen.

Die vorweihnachtliche Stimmung jedenfalls war auf mich übergesprungen und verleitete mich dazu, etwas Verrücktes zu tun. Ich verzichtete auf das obligatorische Alibi-Bier und bestellte zum Nachmittagsspiel einen Kaffee. Postwendend bekam ich einen großen Becher: filter-gebrüht mit zwei Döschen Kondensmilch. Keine Fragen von dem Barmann nach der Beschaffenheit des Milchschaums, der Bohnenart oder ob man einen „single oder double shot“ möchte. Der Ball ist rund, ein Spiel dauert 90 Minuten und Kaffee ist schwarz. So einfach ist das. Das gefiel mir.

Mein Fußballnachmittag entwickelte sich also im Handumdrehen zum Kaffeekränzchen.   Fußball und Koffein ist im Grunde eine komplizierte Verbindung, da man innerlich noch aufgewühlter wird. Alkohol dämpft hingegen die Nervosität und macht selbstzufrieden. Trotzdem konnte ich das Spiel auch mit der schwarzen, anregenden Brühe genießen. Denn der Kontrahent hieß 1.FC Nürnberg und der mausert sich langsam zum Lieblingsgegner der Hanseaten. Nicht nur zur Weihnachtszeit lässt er stets 3-Punkte-Präsente in Hamburg liegen. Auch diesmal klingelte es passend zum zweiten Advent gleich zweimal im Kasten der Franken, wohingegen Jaroslav Drobny auf eigener Seite einmal mehr nichts anbrennen ließ.

Mit dem souveränen Sieg katapultierten sich die Hamburger aus dem Keller ins Mittelmaß. Selten hat man an der Elbe über einen 11.Platz so viel gejubelt wie dieses Jahr. Wenn das Team in den verbleibenden Spielen gegen Mainz und Augsburg weiterhin so bissig, konzentriert und glücklich agiert, wird schon bald das erste Stück des Weihnachtsoratoriums in die Fangesänge Eingang finden: Jauchzet, frohlocket!


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Als ich einmal Jaroslav Drobny anschrie

In meinem Kiez gibt es einen Mann, der durch die Straßen geistert und die Vorbeigehenden um etwas Geld bittet. Mit unsicherem Schritt streift er herum, groß und stämmig, doch bei genauerem Hinschauen morsch und gebrechlich wie ein Baum, den Schädlinge von innen aushöhlen. Sein offensichtlicher Parasit heißt „Alkohol“, das erkennt man an seinem ruckhaften Gang, dem Stottern, seinem verlebten Gesicht.

Früher hatte er ein Erkennungsmerkmal: eine Beinahe-Glatze, nur am unteren Haaransatz hingen die Haare im Halbkreis fettig und leblos herunter; damit erinnerte er mich immer an einen verwahrlosten Clown, der all seine Schminke und die rote Pappnase veräußert hat. Neuerdings hat er seinen Kopf rasiert und ganz vorne auf der Nase sitzt eine Lesebrille, über deren Rand er die Menschen prüfend anblickt, was ihm etwas Professorales verleiht. Jedoch befürchte ich, auch das ist nur ein Stereotyp, das an dieser Persönlichkeit abrutscht.

Ich habe ein komisches Verhältnis zu diesem Mann, der sich an die Passanten mit nur einem Standard-Spruch wendet: Er habe sich ausgesperrt. Und deshalb brauche er dringend etwas Kleingeld für einen Kaffee oder zum Telefonieren. So weit, so gut.

Tendenziell bin ich ein Mensch, der gerne mal ein paar Cent für Hilfsbedürftige übrig hat. Andererseits werde ich laufend von Promo-Verkäufern oder Straßenmusikanten angesprochen, die natürlich allein meine ganz persönliche Hilfe benötigen. Manchmal gebe ich etwas, gelegentlich wehre ich die Bitten mit einem knappen „Nein, danke.“ ab oder husche wortlos davon. Damit hat sich die flüchtige Kontaktaufnahme meist erledigt.

Wenn der Mann aus meinem Kiez jedoch auf sein „Entschuldigung, ich habe mich ausgesperrt…“ eine Absage bekommt, neigt er zu Gehässigkeiten. Das kann ich im Grunde verstehen, macht mich aber dennoch wütend. Teilweise äfft er die Leute nach oder wirft ihnen Kraftausdrücke aus der untersten Schublade hinterher.

Meine Frau vertritt eine klare Haltung zu diesem Original. Sie hat für sein rüpelhaftes Verhalten, sowie für unhöfliches Benehmen im Allgemeinen, überhaupt kein Verständnis. Deshalb meidet sie ihn, so gut es geht. Ich bin mir da nicht so sicher. Und das, obwohl er mich schon wüst beschimpft hat, weil ich kein Ohr für sein Anliegen hatte.

Eigentlich müsste er mich bereits kennen, da er mich schon unzählige Male angesprochen hat. Ich habe ihm sogar einmal aus der Patsche geholfen. Als er an eine Häuserwand gelehnt, seine Flasche Bier nicht aufkriegte, weil seine Hände so zitterten, legte ich das Feuerzeug an den Kronkorken an und öffnete ihm seinen halben Liter Ruhe. Trotz dieser Begebenheit tischt er auch mir stets dieselbe Geschichte von seinem Ausgesperrtsein auf.

Mittlerweile laufe auch ich meist kommentarlos weiter und versuche ihn zu ignorieren. Einmal ist mir dennoch der Kragen geplatzt und ich bin mit hochrotem Kopf auf ihn zu und habe zurückgeschrien. Das würde ich bereits kennen, wetterte ich, er habe immer die gleiche Scheiß-Ausrede, er solle sich doch mal etwas Neues einfallen lassen oder nicht so saudoof sein und sich fortwährend aussperren. Ich habe ihm eine richtige Szene gemacht und mich dabei ordentlich blamiert. Die umherstehenden Leute dachten bestimmt, ich und der Mann gehörten zusammen.

bz-berlin.de

Ein ähnlicher Wutausbruch überkam mich, als ich das letzte Mal den HSV-Torhüter Jaroslav Drobny anschrie. Das muss während eines Spiels in der Zeit von Michael Oenning gewesen sein. An den Anlass kann ich mich nicht mehr recht erinnern. Der bisweilen glücklos wirkende Keeper war wie eine verrostete Bahnschranke nach dem Ball gehechtet, beim Herauslaufen am Ball vorbeigesprungen oder hatte ihn direkt vor die Füße des Gegners gefaustet. Jedenfalls hatte er sich einen unentschuldbaren Faux-Pas geleistet, den ich in dieser Situation in die Kategorie „Slapstick“ einordnete.

Der Drobny kostet uns die Liga. So ein Fliegenfänger. Der soll doch endlich einen Helm aufsetzen, vielleicht hält er dann was. Ohne können die tschechischen Torleute anscheinend nicht. Das waren noch Zeiten, als der Uli Stein nicht nur Bälle, sondern auch Kobras aus dem Strafraum boxte. Aber das gibt’s heute ja nicht mehr, zeterte ich.

Wahrscheinlich war meine Erregung dem ein oder anderen Bierchen geschuldet, das ich in der Fußballkneipe zu mir genommen hatte – oder der gedrückten Stimmung unter uns HSV-Fans, die wir um die nackte Existenz unseres Vereins bangten. Jedenfalls benahm ich mich formal wie inhaltlich ziemlich daneben. Das wurde mir erst klar, als nach meinem Lamento plötzlich Stille in der Kneipe herrschte und mich alles wie in einem Hollywoodfilm fassungslos anschaute. Ich begriff, dass ich gerade wutentbrannt eine Leinwand angeschrien hatte und ich schämte mich ein wenig.

Einmal habe ich zu meiner Frau gesagt, dass der Typ von der Straße ganz schön penetrant und unausstehlich sein kann, dass er aber dennoch zu uns gehört. Auch er ist Teil von unserem Kiez. Genauso wie die Schwaben, Ossis, Piraten und Akademiker mit Bugaboo-Kinderwägen.  Oder genauso wie Torhüter Jaroslav Drobny Teil meiner Fußballwelt ist. Wohl deswegen stauche ich ihn zusammen, als wäre er mein kleiner Bruder. Dafür liege ich ihm aber ergeben zu Füßen, wenn er so hält wie gegen die TSG Hoffenheim.

Lascher Beamer

Auch im letzten Spiel gegen den 1.FC Köln erwischte der HSV einen Blitzstart. Keine Bundesliga-Mannschaft trifft bekanntlich so oft in der ersten Viertelstunde wie die Hamburger. Doch noch bevor sich diese gewohnten Szenen abspielen konnten, gab es ein ungewohntes Problem im Keller der Köln-Stammkneipe „Schwalbe“, wohin mein Kumpel Marcel mich zum Fußballschauen eingeladen hatte. Die Spucke in der Pfeife von Schiedsrichter Michael Weiner war nach dem Anpfiff noch nicht getrocknet, da fiel das Bild plötzlich aus. Der Beamer sei überhitzt, entschuldigten sich die Tresenkräfte. Das sprach ja nicht unbedingt für die Belastbarkeit des Geräts, war doch gerade erst eine Minute absolviert.

Uns Fußballfans blieb in der spannenden Anfangsphase also nur der Ton der Sky-Berichterstattung, dem wir gebannt – vor der leeren, weißen Leinwand sitzend – lauschten: von wegen video killed the radiostar. Wir hörten, dass beim ersten Angriff der Hamburger auch Kölns Keeper Faryd Mondragon nicht ganz im Bilde war, was Marcell Jansen eiskalt ausnutzte: Tor für den HSV! Mein Jubel hallte durch den Keller und mischte sich mit dem „Jaaaa!!!“ eines weiteren Hamburg-Fans. Ansonsten herrschte Totenstille, die Domstädter waren erst mal bedient.

Kurz darauf war das Bild endlich zurück und mit ihm ein dramatisches Spiel, bei dem es gerechterweise keinen Sieger gab. Als die beiden Treffer von Pfeil-und-Bogenschütze Mladen Petric zum Zwei- und Dreizueins fielen, hatte der anfällige Beamer Gelegenheit, sich etwas abzukühlen. Dank der zeitweilig recht frostigen Stimmung bei den FC-Fans. Trotzdem muss man der Geißbock-Elf zugute halten, dass sie bis zum Schluss gekämpft hat und vor allem im Spiel nach vorne überzeugen konnte.
Nach dem Ausgleichstor von Adil Chihi zwei Minuten vor Schluss gab es in der „Schwalbe“ kein Halten mehr. Mitten im Jubel setzte der Projektor ein weiteres Mal aus. Doch diesmal war wohl Marcel der Übeltäter, wie er selbst mutmaßte. Anscheinend kann nicht nur Überhitzung einen Bildausfall verursachen, sondern auch rhythmisches Freudenklopfen gegen die Kellerdecke.
So bekam ich auch den ersehnten ersten Auftritt von Ruud van Nistelrooy für den HSV leider gar nicht mit. Viel konnte er sowieso nicht reißen, dafür kam seine Einwechslung zu spät. Nicht umsonst hat ein Spiel 90 Minuten; ich freue mich auf seinen ersten richtigen Einsatz.

Bis dahin sollten die Techniker beim HSV endlich ein Mittel gegen das Hauptproblem der Mannschaft gefunden haben: den obligatorischen Leistungsausfall ab der 65./70. Spielminute. Ansonsten ist die Labbadia-Elf zukünftig ebenso wenig ernst zu nehmen, wie ein Beamer, der nach einer Minute ausfällt. Diesen wird man ganz sicher nicht für die großen Spiele in der Champions League einsetzen.

Lauter Schwalbenkönige

Vielleicht lag es an dem dunklen Keller, den harten Holzstühlen und Bierbänken, die um das helle Licht der Leinwand platziert waren. An dem Gestank von Zigaretten, Bier und Schweiß, der in der stickigen Luft fest hing und aus uns Zuschauern eine verschworene, von Sauerstoff abgeschnittene Bruderschaft machte. Die Rheinischen Frohnaturen trugen sicherlich auch ihren Teil dazu bei. Sowie die fröhlichen Gemüter, die ebenfalls eine brennende Leidenschaft für den FC zeigten, obwohl sie nicht einmal aus dem Rheinland stammen. Einer von ihnen ist mein Kumpel Marcel, ein Schwabe, der die Geißböcke seit frühester Kindheit tief im seinem Herzen trägt. Gut möglich, dass auch die Schadenfreude eine Rolle spielte: Den so großen und arroganten FC Bayern endlich wieder verlieren zu sehen. Wahrscheinlich ist die Antwort aber viel einfacher: Ich hatte schlichtweg ein paar Kölsch zuviel, geht ja schneller als man denkt.

Ich muss gestehen, im Nachhinein kann ich gar nicht mehr recht erinnern, was mich so faszinierte, als ich Marcel zum ersten Mal in seine FC Köln-Kneipe „Schwalbe“ begleitet hatte. Gezeigt wurde das Spiel gegen den FC Bayern in der Saison 08/09. Etwas hatte mich damals gepackt und das lässt mich bis heute nicht mehr los. Dieses Kneipenspiel war für mich der Anstoß zum Schreiben über Fußball und für dieses Blog. Komischerweise ging der Impuls vom 1. FC Köln und nicht von meinem Verein, dem HSV, aus.

In Gunter Gebauers Buch Poetik des Fußballs bin ich auf eine Erklärung gestoßen, warum Fußballschauen in der Öffentlichkeit so attraktiv ist. Der Kulturwissenschaftler beschreibt zwar die Situation im Stadion, doch meiner Meinung nach gilt Gebauers These auch für die Fußballstammkneipe:
Beim Zuschauen verschmelzen Fan und Spieler zu einem Körper. Die Anhänger leiden mit dem eigenen Team mit, sie fühlen das Foul am eigenen Mann schmerzhaft nach und dürfen – im Gegensatz zu den Akteuren auf dem Platz – ihrer Empörung freien Lauf lassen. Der Kneipengucker ist mitten drin im Spiel, es zuckt in seinen Beinen und er schreit den Bildschirm an mit Anweisungen wie „Spiel ab!“ oder „Schieß!“, weil er glaubt dadurch seiner Mannschaft im entscheidenden Moment helfen und die eigene Nervosität kontrollieren zu können. Bei meinem Besuch in der „Schwalbe“ hat das hervorragend geklappt. Der FC hatte zweizueins gegen die Bayern gewonnen, auch weil die Kölner Fans zahlreiche rheinische Gesänge angestimmt hatten.

Am heutigen 21. Spieltag steige ich wieder einmal hinab in die Höhle des Geißbocks, das Auswärtsspiel des HSV gegen Köln ist auch für mich ein Gastspiel. Diesmal schreie ich verständlicherweise nicht für den FC und bin auch nicht dessen Glücksbringer. Mein Jubel wird allein den Hamburger Toren gelten. Danach bekomme ich vom Wirt sicher Kölsch-Verbot, und mir wird meine Fahrradklingel verstellt. Aber das ist es mir wert.

Geißbock in der Katakombe

Letzten Samstag hat mich mein Kumpel Marcel eingeladen, in seiner Köln-Kneipe im Prenzlauer Berg Fußball zu schauen. Eigentlich bin ich eher der Sportschau-Individual-Kucker und mein Lieblingsverein ist nicht Köln, sondern seit den goldenen 80ern der HSV. Doch da mein Kumpel das Herz am rechten Fleck hat und es zudem gegen den FC Bayern ging, sagte ich zu. Dabei erlebte ich mal wieder die Faszination des Kneipen-Kuckens und kenne nun fast das ganze Team des 1.FC auswendig.

Über eine Treppe gelangten wir in den unteren, den Raucherraum der Fußballkneipe, der einer Katakombe ähnelte. Hier war es dunkel und kalt; nur der Beamer, der die Bilder der Vorberichterstattung an eine Leinwand warf, gab ein bisschen Licht und nach einer Heizung suchte man vergeblich. Es war noch niemand da und in dem Kellergewölbe herrschte eine eigentümliche Feierlichkeit. Harte Holzstühle ohne Sitzkissen standen in mehreren Reihen hintereinander, an den Seitenwänden verlor sich der ein oder andere abgewrackte, durchgesessene Sessel. Der Raum sprach für sich und sagte: Mädchen, hier wirst du nicht glücklich.

Heute wird’s sowieso nicht so voll, sagte Marcel. Einige Köln-Fans waren zur Unterstützung ihres Teams nach München gereist und die meisten feierten in der Domstadt, denn übermorgen war Rosenmontag. Trotzdem war zum Anpfiff kein Sitzplatz mehr frei und auch im Nichtraucherbereich oben drängten sich die Fans um die Leinwände. Glücklicherweise hatten wir uns schon früh einen guten Platz gesichert, von dem aus wir den ersten Andrang der Bayern inklusive nicht gegebenem Klose-Tor verfolgten.

Marcel hatte mich für dieses Spiel im Handumdrehen zum Kölner gemacht, indem er mir seinen FC-Schal umlegte. Und als die beiden Tore für Kölle fielen, sah er in mir gar einen Glücksbringer für die Geißbock-Elf.

Nach dem 2:0 wurden begeisterte Fangesänge angestimmt und Fußballer- und Vereinsnamen skandiert. Jetzt weiß ich, dass „Mondragon“ und „Geromel“ keine Fantasy-Figuren von Tolkien sind. Auch Karnevalslieder konnte man hören. Mein Kumpel, der aus der selben Stadt in Schwaben kommt wie ich, gab übrigens zu, dass auch er bis auf „Kölle Alaaf“ nichts von den kölnischen Texten versteht. Trotzdem ist er Kölner im Herzen. Die Stimmen mussten natürlich auch geölt werden. In regelmäßigen Abständen stieg die Bedienung mit einem Träger voll Kölsch in die Katakombe herunter und mit geleerten Gläsern wieder hoch.

Irgendwann in der zweiten Hälfte hatte sich ein blondes Mädchen, wohl Freundin eines Fans, in den Raucherkeller verirrt und von da an wurde das Spiel zerfahrener.

Das gab ihr die Gelegenheit den Fehler zu machen, den viele Frauen begehen: Sie stellte den Unterhaltungswert der Partie in Frage: So ein langweiliges Spiel, meinte sie. Eigentlich hätte ihr Freund nun sagen müssen: Mädchen, hier wirst du nicht glücklich. Stattdessen erklärte er ihr mit beneidenswerter Geduld und kölnischem Charme: „Das ganze Spiel lebt von der Spannung. Wenn die Bayern jetzt ein Tor schießen, dann klingelt der Kasten.“

Am Ende schossen die Bayern doch noch das Anschlusstor, aber zum Ausgleich kamen sie nicht mehr. Mit dem Schlusspfiff stand die Geißbock-Katakombe Kopf. Man fiel sich ausgelassen in die Arme, sang „Uefa-Cup“ und genoss das Glück des gemeinen Fußballfans nördlich des Weißwurst-Äquators, der nur zwei Festtage kennt: wenn die eigene Mannschaft gewinnt und der FC Bayern verliert.


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