Posts Tagged 'Marcell Jansen'

Gebet, so wird euch genommen

Zweimal spielte der HSV in der Englischen Woche in Hamburg, beidemale ließ er wichtige Punkte liegen. Paradoxerweise punktete der Traditionsverein gerade in der Begegnung, in die er weniger Herzblut investierte; gegen St. Pauli kam man nämlich gerade noch einmal so mit einem blauen Auge und einem Unentschieden davon. Drei Tage später hatten die Hamburger ihr Glück aufgebraucht. Sie dominierten zwar ihr Heimspiel gegen Wolfsburg, verloren aber durch fantastische Tore von Edin Dzeko und Grafite. Ist die erste Saisonniederlage etwa schon ein Vorbote des obligatorischen Einbruchs des HSV? Das wäre ziemlich früh, es sind gerade mal fünf Spieltage absolviert.

Nicht nur Pessimisten hatten mit einer aufgeheizten, giftigen Atmosphäre gerechnet im Hamburger Stadtderby am vergangenen Sonntag. Man erwartete knochenharte Zweikämpfe und bedingungslose Härte; Aktionen, die schon beim bloßen Zuschauen wehtun würden. Dann geschah etwas, was man selbst als hoffnungsloser Romantiker nicht für möglich gehalten hätte. Die Fans aus dem St. Pauli-Block sorgten für eine feierliche Stimmung.

Zu Frank Rosts 400. Bundesligaspiel zeigten sie sich ungewohnt großzügig und bewarfen den Jubilar mit all ihrem Toilettenpapier. Im Nu hingen Klopapierrollen wie Girlanden von der Latte, ein Konfettiregen war in den Torraum niedergeprasselt. Der Arbeitsplatz des erfahrenen Torhüters sah aus wie der Gabentisch bei einem Kindergeburtstag. Netterweise wurde auf tückische Papierkugeln verzichtet, dagegen reagiert der HSV ja allergisch.

Vielleicht wollten die St. Pauli-Fans mit der zweilagigen Festdekoration auf das bescheidene Spiel des Rautenklubs hinweisen. Ihnen war wohl auch nicht entgangen, dass die Elf von Trainer Armin Veh in dieser Partie ziemlich die Hosen voll hatte und gegen die resoluten Aufsteiger zu lethargisch spielte. Der einzig Wache unter den Schlafenden war Mladen Petric bei seinem famosen Ausgleichstreffer – ein Traumtor.

In der folgenden Begegnung gegen Wolfsburg gingen die Hanseaten dann wacher, aber auch glückloser zu Werke. Im Grunde laufen die Spiele gegen den VW-Verein immer ziemlich ähnlich ab. Die Hamburger hatten gefühlt 70% Ballkontakt, nutzten ihre Torchancen nicht und fingen dann aus zwei temporeichen Gegenstößen drei Tore.

Für Grafite scheint der HSV ein willkommener Aufbaugegner zu sein. Vor allem dann, wenn sich seine Gegenspieler so düpieren lassen wie Marcell Jansen vor dem Dreizueins. Ich würde gerne wissen, wie Gerd Gottlob wohl diese Situation kommentiert hätte. Der Treffer war übrigens auch ein Gruß an Armin Veh, früherer VfL- und derzeitiger HSV-Coach. Der knurrige Augsburger hatte in seiner kurzen Amtszeit bei Wolfsburg für den Brasilianer einen ganz besonderen Platz reserviert: auf der Reservebank.

Obwohl das Spiel unglücklich verloren wurde, hat es bei mir ein besseres Gefühl hinterlassen als das fade Unentscheiden gegen den Stadtteilrivalen. Trotzdem bleibt ein bitterer Nachgeschmack zurück: Die Wolfsburger Stürmer deckten schonungslos die Anfälligkeit für Konter bei den Hamburgern auf. Im nächsten Nordderby bei den angeschlagenen Weserlingen sollte dieser Stimmungstöter behoben werden. Denn dort wartet nicht freundliches Klopapier – sondern im schlimmsten Fall die Papierkugeln des Todes.

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Vom HSV zu HBO

Pünktlich zur Oscar-Verleihung am Wochenende informiert uns Bruno Labbadia über seine ambitionierten Pläne für den Rest der Saison. Er möchte eine Serie starten.
Der gute Bruno scheint ja in seinem Job als HSV-Übungsleiter nicht sonderlich ausgelastet zu sein – oder vielleicht braucht er nur einen erfüllenden Ausgleich zu der ziemlich frustrierenden Spielzeit seines Teams. Jedenfalls sorgte die Meldung, dass der Trainer ins Fernsehgeschäft einsteigen will, für reichlich Überraschung. Bisher sind noch keine Details über Genre und Handlung des Projekts an die Öffentlichkeit gedrungen, was Anlass zu waghalsigen Spekulationen gibt.

Es ist kein Geheimnis, dass der Zustand der HSV-Truppe sich weiterhin blendend für Zombieszenarien und Splatterfilme eignen würde. Untote können die Hamburger derzeit verkörpern wie kein zweites Team, das liegt ihnen quasi im Blut. Ab der 65. Spielminute bräuchten sie nicht einmal mehr den orientierungslos herumschlurfenden Ghul zu spielen. Da ihnen im letzten Drittel obligatorisch alle Lebensgeister entweichen, würden sie mit ihrer Rolle regelrecht verschmelzen.
Etwas appetitlicher wäre eine Vampir-Romanze, in der die Hanseaten schon 23 Jahre lang nach einem Titel dürsten. Doch immer, wenn es darauf ankommt, fehlt ihnen der Biss oder sie rutschen auf einer Papierkugel aus – das wiederum zweifellos ein Stoff für eine Tragikomödie.

Das lustlose Gekicke der Hamburger können viele momentan sowieso nur noch mit schwarzem Humor ertragen, weshalb sich auch eine Bestatter-Serie anbieten würde: das Vorbild hierfür wäre Six feet under. Bernd Hoffmann, Katja Kraus und Bruno Labbadia würden sicherlich die Rolle der Totengräber mit viel Pietät ausfüllen und den Bundesliga-Dino garantiert professionell unter die Erde bringen. Zu Beginn jeder Folge könnte man einen besonders dummen HSV-Patzer zeigen, der direkt zu einem gegnerischen Tor führt, und den Verein damit einen Schritt näher an den Abgrund bringt. Leider gibt es bei diesem Setting kein Happy End, sondern nur die Einsicht, dass jeder mal ins Gras der Nordbank-Arena beißen muss.

Von Liebe, Intrigen und gerissenen Peroneus-Sehnen würde eine Krankenhaus-Schmonzette erzählen mit dem Titel Neues aus der Nordbank-Klinik. Professor Labbadia – stets von der vollen Auslastung seiner Betten erfreut – sagt nach jeder schiefgegangenen Operation optimistisch: „Ich nehme viel mit.“ Na hoffentlich auch Schere und Skalpell. Das Haus beherbergt auch einen ganz prominenten Kranken: Den niederländischen Patienten – Ruud van Kuschelrooy. Der hat mit Abstand die längsten Besuchszeiten und wird von Invaliden, Besuchern, Ärzten, Krankenschwestern, Zivis, Putzfrauen und Technikern ständig gedrückt und geherzt, sodass er ernsthafte Quetschungen erleidet, was seinen Krankenhausaufenthalt verlängert und das Image der Klinik aufpoliert.

Warum die Rothosen gerade so schwächlich am Stock humpeln, könnte das beherrschende Thema einer weiteren Arzt-Serie sein – ganz im Stil von Dr. House. Taktisch lebenswichtige Fragen wie „Ist Marcell Jansen links hinten verschenkt?“, „Wer soll neben Zé Roberto die Sechs bilden?“ oder „Hat Guy Demel beim HSV eine Zukunft?“ würden vor und nach dem Spiel im Team heftig diskutiert. Jeder darf seine Meinung sagen – so lange, bis endlich die Koryphäe auf dem Gebiet der Diagnostik eintrifft: Urs Siegenthaler. Der große Scout beim DFB kommt erst im August nach Hamburg und wird dann die Leistungsfähigkeit der Spieler auf Herz und Nieren prüfen. Vielleicht arbeitet Bruno Labbadia da schon bei HBO und startet seine neue Serie.

Lascher Beamer

Auch im letzten Spiel gegen den 1.FC Köln erwischte der HSV einen Blitzstart. Keine Bundesliga-Mannschaft trifft bekanntlich so oft in der ersten Viertelstunde wie die Hamburger. Doch noch bevor sich diese gewohnten Szenen abspielen konnten, gab es ein ungewohntes Problem im Keller der Köln-Stammkneipe „Schwalbe“, wohin mein Kumpel Marcel mich zum Fußballschauen eingeladen hatte. Die Spucke in der Pfeife von Schiedsrichter Michael Weiner war nach dem Anpfiff noch nicht getrocknet, da fiel das Bild plötzlich aus. Der Beamer sei überhitzt, entschuldigten sich die Tresenkräfte. Das sprach ja nicht unbedingt für die Belastbarkeit des Geräts, war doch gerade erst eine Minute absolviert.

Uns Fußballfans blieb in der spannenden Anfangsphase also nur der Ton der Sky-Berichterstattung, dem wir gebannt – vor der leeren, weißen Leinwand sitzend – lauschten: von wegen video killed the radiostar. Wir hörten, dass beim ersten Angriff der Hamburger auch Kölns Keeper Faryd Mondragon nicht ganz im Bilde war, was Marcell Jansen eiskalt ausnutzte: Tor für den HSV! Mein Jubel hallte durch den Keller und mischte sich mit dem „Jaaaa!!!“ eines weiteren Hamburg-Fans. Ansonsten herrschte Totenstille, die Domstädter waren erst mal bedient.

Kurz darauf war das Bild endlich zurück und mit ihm ein dramatisches Spiel, bei dem es gerechterweise keinen Sieger gab. Als die beiden Treffer von Pfeil-und-Bogenschütze Mladen Petric zum Zwei- und Dreizueins fielen, hatte der anfällige Beamer Gelegenheit, sich etwas abzukühlen. Dank der zeitweilig recht frostigen Stimmung bei den FC-Fans. Trotzdem muss man der Geißbock-Elf zugute halten, dass sie bis zum Schluss gekämpft hat und vor allem im Spiel nach vorne überzeugen konnte.
Nach dem Ausgleichstor von Adil Chihi zwei Minuten vor Schluss gab es in der „Schwalbe“ kein Halten mehr. Mitten im Jubel setzte der Projektor ein weiteres Mal aus. Doch diesmal war wohl Marcel der Übeltäter, wie er selbst mutmaßte. Anscheinend kann nicht nur Überhitzung einen Bildausfall verursachen, sondern auch rhythmisches Freudenklopfen gegen die Kellerdecke.
So bekam ich auch den ersehnten ersten Auftritt von Ruud van Nistelrooy für den HSV leider gar nicht mit. Viel konnte er sowieso nicht reißen, dafür kam seine Einwechslung zu spät. Nicht umsonst hat ein Spiel 90 Minuten; ich freue mich auf seinen ersten richtigen Einsatz.

Bis dahin sollten die Techniker beim HSV endlich ein Mittel gegen das Hauptproblem der Mannschaft gefunden haben: den obligatorischen Leistungsausfall ab der 65./70. Spielminute. Ansonsten ist die Labbadia-Elf zukünftig ebenso wenig ernst zu nehmen, wie ein Beamer, der nach einer Minute ausfällt. Diesen wird man ganz sicher nicht für die großen Spiele in der Champions League einsetzen.

Bloodacker

Die HSV-Spieler schienen am vergangenen 18. Spieltag zu Maulwürfen mutiert zu sein, so wohl fühlten sie sich auf dem durchgepflügten Acker der heimischen Nordbank-Arena. Blind verstanden sie sich in den Furchen und Gräben des Platzes und kombinierten auf dem schwierigen Untergrund so leichtfüßig, als würden sie auf einem englischen Rasen aufspielen.
Mit dieser Souveränität konnte der Verein aus dem Norden wieder einmal beweisen, dass er der Meister der ersten Viertelstunde ist. Ganze sieben Minuten dauerte es, bis der hervorragende Marcell Jansen das Einszunull schoss.

Die Gäste aus Freiburg erwiesen sich dagegen als ziemlich unerfahren im Grabenkampf. Ihre einzige Chance: ein unfreiwilliger Kunstschuss von Stürmer Stefan Reisinger, der aus zwei Metern den Ball über das Tor von Frank Rost zirkelte, immerhin ohne sich dabei das Bein zu brechen. Danach wäre er verständlicherweise am liebsten Six feet under im Hamburger Boden versunken.

Obwohl der Rest der Breisgauer genauso unterirdisch spielte, versäumten es die Rothosen, schon in der ersten Hälfte alles klar zu machen. Mladen Petric sorgte in der 55.Minute dann für die Entscheidung in diesem unspektakulären Spiel, aus dem der HSV jedoch eine wichtige Erkenntnis ziehen kann.
Der Verein braucht bald einen neuen Namensgeber für sein Stadion, denn die krisengeschüttelte HSH-Nordbank wird im Sommer dieses Jahres vorzeitig aus dem Vertrag aussteigen. Nach dem, wie sich der Rasen nun präsentiert hat, kann es für mich nur einen Namen geben: „Bloodacker“. Wobei „blood“ schnodderig norddeutsch wie „Blatt“ ausgesprochen wird. Das ist einer der unzähligen Namen der Punkband aus Rocko Schamonis Buch „Dorfpunks“.

Neues aus der Nordbank-Klinik

Der HSV kann es also doch noch: zu Null spielen. Seit fast 6 Monaten ist den Hamburgern dieses Kunststück in der Bundesliga nicht mehr gelungen – zuletzt bekamen sie Anfang April gegen Hoffenheim keinen einzigen Gegentreffer und gewannen. Letzten Samstag dann endlich wieder ein abgezocktes Einsnull. Und es war kein Zufall, dass dieses Ergebnis gerade gegen den FC Bayern München erzielt wurde. Denn wenn die Hamburger in letzter Zeit auf die Bayern trafen, sah das meist wie folgt aus: Wenig Tore und der HSV ging nicht als Verlierer vom Platz – die letzten sechs Begegnungen blieb man ungeschlagen. Das Spiel vom Wochenende war also ein fast normaler Nord-Süd-Gipfel, der ja eine lange, legendenreiche Tradition hat.

Das Interessante an dem aktuellen Aufeinandertreffen aber ist die Einsicht, dass Trainer Louis van Gaal kein Bayer, sondern Niederländer ist. Er opfert die bayerische „Mia san mia“-Mentalität der Philosophie eines flexiblen Spiel-Systems. Eljero Elia auszuschalten, ist nur eine Maxime in diesem Konzept. Da dieser in der ersten Hälfte ungewohnt als zweite Spitze neben Mladen Petric auftauchte, wurde Philipp Lahm ins rechte defensive Mittelfeld beordert. Nach Demels Verletzung ließ Labbadia den jungen Holländer wieder gewohnt auf der linken offensiven Außenbahn spielen – und Lahm fand sich plötzlich als rechter Verteidiger wieder. Auf dieser Seite brach in der 72. Minute nicht Elia sondern Zé „tut Bayern weh“ Roberto durch, der dann Aushilfs-Verteidiger Mario Gomez umkurvte und einmal an der gesamten Bayern-Abwehr vorbei zu Petric passte – Tor!

Beide Trainer geizen also nicht mit taktischen Finten. Am Wochenende wurde aber deutlich, dass es hierzulande wenig sogenannte polyvalente Spieler gibt. Lahm beispielsweise ist ein schlechter defensiver Mittelfeldspieler, ein durchschnittlicher rechter und ein guter linker Verteidiger. Und Elia – er kann keinen Stürmer ersetzen. Marcus Berg kriegt leider noch nicht so richtig die Kurve, besser wäre, dem Single-Angreifer Petric einen erfahrenen Partner zur Seite zu stellen. Einen, der weiß, wo das Tor steht: zum Beispiel Ebi Smolarek. Nur Jérome Boateng kann scheinbar in der Abwehr-Kette alles spielen und macht links wie rechts eine starke Figur. Aber häufige Positionswechsel sind meiner Meinung nach für die meisten Vereine mit Vorsicht zu genießen; eine starke Rotation dürfte für den HSV aufgrund seiner dünnen Personaldecke immer schwieriger werden.

Nach den Tiefschlägen in der Europa League gegen Rapid Wien und im DFB-Pokal gegen Osnabrück ist Hamburg wieder ganz oben und verteidigt die Tabellenspitze. Aber der Verein hat höchstwahrscheinlich einen weiteren Invaliden zu beklagen: Guy Demel schied am Samstag mit Verdacht auf Bänderriss aus und bald könnte an der Alster die Liste der Verletzten länger als die der Spielfähigen sein. Doch selbst daraus ließe sich Profit schlagen. Präsident Bernd Hoffmann könnte zum Beispiel eine Fernseh-Soap produzieren: „Verletzt in Hamburg“ oder die „Nordbank-Klinik“. Darin tauschen die Kreuzband-Gang Paolo Guerrero, Colin Benjamin und Alex Silva ihre bunten Krücken aus. Marcell Jansen sitzt auf gepackten Koffern und hofft jeden Tag auf seine Entlassung, die sich aber immer wieder hinauszögert. Bastian Reinhardt träumt des Nachts von seinem Comeback, das niemand mehr für möglich hält, am wenigsten sein gebrochener Mittelfuß. Deshalb hat er vorsichtshalber schon mal eine von Alex Silvas Krücken versteckt. Und Guy Demel schmiedet schreckliche Rachepläne gegen Franck Ribéry.
Wehe, wenn die Invaliden wieder aus dem Krankenhaus entlassen werden…


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