Kochen vor Wut

Gerade mal eine halbe Stunde war absolviert und ich hatte schon genug gesehen. Die Unbeholfenheit, ganz augenscheinlich vor dem Tor. Die fehlende Abstimmung zwischen den Mannschaftsteilen. Die mangelnde Stabilität, die mir so eindrücklich entgegenflimmerte, dass ich Angst haben musste, die Darbietung der Hamburger würde sich schädlich auf die Komponenten meines Fernsehers auswirken.

Das von Sportchef Frank Arnesen als „Sechspunkte-Spiel“ angepriesene Aufeinandertreffen mit Freiburg trieb mich schon nach der ersten halben Stunde aus dem Wohnzimmer in die Küche, wo ich zu kochen begann. Jetzt weiß ich, dass ich damit einem Impuls folgte, der mir im Elternhaus mitgegeben worden ist.

Als ich Kind war, verbrachten mein Vater und ich unzählige Fußballspiele gemeinsam vor dem Fernseher. Die Sportschau am Samstag gehörte zum Wochenende wie der Sauerbraten mit Spätzle und das obligatorische Baden am Sonntagabend. Wenn wir die Zusammenfassungen verfolgten, kannten wir meist schon das Ergebnis, natürlich hatten wir vorher die Bundesliga-Konferenz im Radio live auf SDR3 gehört.

Ich habe diese Abende als sehr entspannt in Erinnerung. Das Ergebnis stand fest und war selbst durch die Sportschau nicht mehr zu korrigieren. Wir konnten Siege des eigenen Vereins noch einmal in aller Ruhe auskosten. Und die deprimierende Nachricht einer Niederlage hielt sich in Grenzen, da die Beiträge nur maximal fünf Minuten dauerten.

Einen zusätzlichen Genuss bereiteten uns immer die Spieltage, in denen sich die arroganten Bayern so richtig blamierten. Die Schadenfreude wollten wir durch die gesendeten Bilder richtig auskosten. Wenn Sportschau lief, war alles schon passiert und das beruhigte uns auf unerklärliche Weise. Vielleicht liegt hierin auch ein Grund, warum ich mich sehr für Geschichte interessiere.

Weit unruhiger war die Stimmung bei live Übertragungen, besonders bei entscheidenden Spielen der deutschen Nationalmannschaft. Mein Vater war meist zu aufgewühlt, sich das Geschehen anzusehen und verzweifelte an seiner eigenen Ohnmacht. Vielleicht hätte er am liebsten seine Fußballschuhe geschnürt und sich selbst eingewechselt. Doch er war nicht Günter Netzer, auch wenn er ihn bewunderte und Puma-Schuhe hatte wie dereinst sein Lieblingsteam Mönchengladbach.

Wie ein verstörtes Tier in der Wilhelma lief er durch die Wohnung. Schaute nach dem Essen, wusch die Hände, kochte einen Kaffee, schmierte sich einen Hefezopf mit Butter und Nutella, schaute wieder nach dem Essen. Meine Mutter kommentierte dieses merkwürdige Verhalten belustigt mit einem Trockenen: „Der Pap ist nervös.“  In der Küche, wo mein Vater sich zu immer neuen Übersprungshandlungen treiben ließ,  lief dann die Radioübertragung des Spiels, was ich überhaupt nicht verstehen konnte.

Ich fand es immer weit aufreibender, Fußball im Radio zu verfolgen, da der Kommentar meist dem Spielgeschehen hinterherhechelt. Ich wollte auf der Höhe des Balls bleiben und blieb mit meiner Mutter vor dem Fernseher kleben. Ich wollte sehen, was passierte. Auch eine Niederlage musste ich mit eigenen Augen verfolgen, um mir darüber klar zu werden, dass das Desaster wirklich war.

Meine erste Erinnerung an ein Schlüsselspiel ist kein Bild, sondern ein österreichisches Kauderwelsch. Es sprudelte aus dem Radio im Schlafzimmer meiner Eltern, während mein Vater apathisch auf dem Bett saß. Ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich das „I werd’ narrisch!“ gehört habe, weiß aber, dass die Stimmung danach deprimiert bis resigniert war.

Klarer erscheinen mir die Bilder vom Halbfinale von 1980 bei der EM in Italien. Es ging gegen Holland. Vor der Elftal hatte mein Vater einen Riesenrespekt, um nicht zu sagen eine Heidenangst. Wahrscheinlich fürchtete er, dass das Schicksal seinen Tribut fordern würde. Seiner Ansicht nach wurde Deutschland 1974 zu Unrecht Weltmeister, die Krone hatte dem Team von Johan Cruyff zugestanden. Nun, sechs Jahre später, verfolgte er das Spiel gegen die gar nicht mehr so übermächtigen Holländer in der Küche, um das vermeintliche Unheil (das bekanntlich ausblieb) nicht mit eigenen Augen sehen zu müssen.

Die Küche ist in unserer Familie also ein Rückzugsort gegen drohendes Unheil geworden; auch für mich war sie gegen Freiburg ein Schutzraum. Nach dem Einszunull bereitete ich eine Avocado-Salsa zu als kalte Soße zu den warmen Nudeln. Aus dem Wohnzimmer hörte ich den beschwörenden Kommentar von Torsten Kunde: Die Breisgauer würden ganz dicht vor dem Zweizunull stehen. Ich würfelte die Tomaten und Avocado, schnitt Knoblauch, hackte die Petersilie und presste eine Zitrone aus. Alles in einem Schälchen vermengen. Kräftig salzen und pfeffern, dann in den Kühlschrank stellen und ziehen lassen. Als ich die Kühlschranktür öffnete, erzielte Freiburg den zweiten Treffer.

Das Rezept hatte ich aus dem Internet und die Pasta war sehr frisch und lecker. Vielleicht sollte Thorsten Fink sich auch einmal im Internet umschauen nach einem Rezept, wie man den HSV wieder konkurrenzfähig machen kann.

Alles wird passieren

In der Antike suchten Personen vor einer wichtigen Entscheidung den Ratspruch der Götter. Hohepriesterinnen empfingen die Orakel, die Zeichen der höheren Instanz, berauscht von Dämpfen, die aus einer Erdspalte aufstiegen. Die berühmtesten Sprüche ergingen an Ödipus: Er würde seinen Vater töten und seine Mutter ehelichen, was sich tatsächlich erfüllte. Die meisten Sätze waren jedoch eher ein Rätsel als eine direkte Handlungsanweisung. Der Feldherr Themistokles sollte die Stadt Athen verlassen und sie mit hölzernen Mauern verteidigen. Gewitzt verstand der Stratege, was zu tun war, ließ seine Flotte ablegen  und besiegte die Perser bei der Seeschlacht von Salamis. Falsch interpretierte Krösus, der letzte König von Lydien, hingegen den Satz „Wenn du den (Fluss) Halys überschreitest, wird du ein großes Reich zerstören.“ Er dachte, er würde durch die Grenzüberschreitung der Herrschaft der Perser ein Ende setzen, bedachte aber nicht die Kehrseite und vernichtete seine eigene Herrschaft.

Nach der Niederlage des HSV kurz vor dem Weihnachtsfest im Pokalspiel gegen den VfB Stuttgart offenbarte sich auch Trainer Thorsten Fink als Orakel. „Alles wird passieren, was man will. Aber auch was man fürchtet.“, philosophierte er zweideutig im Bild-Interview.

Man konnte zwar noch nicht in Erfahrung bringen, aus welcher Erdspalte diese erstaunliche Weisheit Eingang in das Bewusstsein des Fußball-Lehrers gefunden hat. Doch der clevere Fink trifft mit der Sentenz einen wunden Punkt im Herzen des Traditionsklubs: die Furcht.

Im Nordderby gegen Werder Bremen war der HSV zwar forsch und furchtlos aufgetreten, aber ihm fehlte das Glück und die Effektivität. Der Rautenclub hatte größere Spielanteile, aber er agierte in einigen Situationen ohne Spielwitz und Ballsicherheit. Und vorne vermochten weder Mladen Petric noch Paolo Guerrero, die sich ihnen bietenden Chancen konsequent zu verwerten. Die nötige Fortune und Cleverness konnten die Hamburger nur in den Reihen des Gegners bestaunen – wie so oft, wenn es gegen den Lieblingsfeind Werder Bremen geht.

Vor einem Jahr stichelte Tim Wiese noch, dass die Spieler des HSV gar nicht mehr von der Tradition und Emotionalität des Nordderbys Bescheid wüssten – angesichts der Fluktuation im Personal bei den Rothosen. Man könnte diesem Einwand mühelos widersprechen mit dem Hinweis, dass sich auch das Team von der Weser in einem Umbau- und Verjüngungsprozess befindet. Diese Polemik trifft meiner Meinung nach nicht zu, da die Geschichte eines Vereins grundsätzlich dauerhafter ist als dessen Personal.

Die Fans pflegen insbesondere dieses lange Gedächtnis. Der Wurf mit einem Plastikbecher, das mit einem Feuerzeug beschwert war gegen Marko Marin, zeugt von der alten Feindschaft der beiden Nordklubs, die zuweilen unsportliche Züge trägt. Aber auch davon, dass es zu diesem Zeitpunkt um den HSV nicht gut bestellt war gegen die einfallsreich verteidigenden und konternden Bremer.

Es ist eine Schande, dass die Hamburger manchmal mehr Furcht vor dem unfairen Verhalten einiger Fans aus den eigenen Reihen haben müssen, als vor dem Gegner. Im Nachhinein scheint es eine höhere Fügung gewesen zu sein, dass der Becherwurf noch vor der Pause mit dem Nullzuzwei bestraft wurde. Alles wird passieren, was man fürchtet…

Zum Niederknien

Fußballer folgen mannigfaltigen Ritualen. Manche berühren vor dem Betreten des Spielfelds noch schnell den heiligen Rasen, bekreuzigen sich und schicken ein Stoßgebet in den Himmel. Andere achten darauf, dass sie immer mit dem rechten Fuß zuerst auf das gesalbte Grün auflaufen. Wieder andere singen voller Inbrunst die Nationalhymne mit, was sie für Spitzfindige zu Patrioten macht. Oder sie verweigern prinzipiell deren Intonieren, was in weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit Anstoß erregt. In Spanien hat man in dieser Frage eine intelligente Lösung parat. Da die Hymne keinen Text hat, erspart man sich eine Vaterlandsdiskussion.

sport.orf.at

Der American-Footballstar Tim Tebow vollführt eine ganz spezielle Geste. Er betet. Nicht im stillen Kämmerchen sondern vor aller Augen auf dem Feld. Vor einer Begegnung oder einem wichtigen Spielzug bittet er um Gottes Beistand; setzt das rechte Knie auf den Boden, während auf dem linken, angewinkelten Bein der Arm ruht. In ganz dramatischen Momenten stützt er gar die Stirn auf die Faust und erinnert den SZ Redakteur Jürgen Schmieder an die Statue „Der Denker“ von Auguste Rodin.

Auch die amerikanische Popkultur hat das öffentliche Gebet nun entdeckt. Unter dem Namen „Tebowing“, in dem passenderweise das englische „bow“ = „sich verbeugen“, steckt, wird die Pose bis ins Unerträgliche reproduziert. Skifahrerin Lindsey Vonn, ein wahrer Ausbund an Heiterkeit, verrenkt sich vor den Kameras und meistert dabei das Kunststück, den Firmennamen der Skier in die Linsen zu lancieren. Lady Gaga muss natürlich auch mitmachen, da sie dem Zuschauer keine Atempause ihrer permanenten Präsenz geben will.

Gibt man bei Google den Begriff „Tebowing“ ein, erhält man bei den Bildern 26,4 Millionen Einträge, wobei die T-Shirts mit dem Konterfei des 24-jährigen Quarterbacks noch relativ harmlos sind im Vergleich zu dem sonstigen Wahnsinn. Man stößt auf kniende Hochzeitspaare, Partygruppen, Nacktmodels, Eltern, die ihre Kinder zu der Pose nötigen. Tebower im Büro, vor dem Fernseher, vor dem Laptop – vielleicht um den Lauf der Kugel beim Online Roulette zu beeinflussen. Menschen im Staub vor diversen Skylines, darunter auch vor dem Eiffelturm in Paris. Paris darf ja in den Vereinigten Staaten nicht fehlen, wenn man zeigen will, wie kultiviert man ist. Spätestens beim Anblick eines Pferdes, das zu dieser unnatürlichen Haltung gezwungen wird, kommt der Gedanke: Was tun sich die Amerikaner da an?

Wahrscheinlich würde auch Tebow über diese Hysterie nur verständnislos den Kopf schütteln. Er ist kein Showstar, eher ein introvertierter Typ, der nicht viel übrig hat für die Welt der Stars und Sternchen, des Glamours und der Casino Spiele.

Ein Cartoon über Mitt Romney, den aussichtsreichen Bewerber der Republikaner als Kandidat für das Präsidentenamt, führt das organisierte, inhaltsleere Hinknien zu seinem eigentlichen Kern zurück. Der Politiker, der seine Anhängerschaft eher in der Mitte hat, imitiert den strenggläubigen Footballer, was etwas einstudiert wirkt und wie ein Spagat anmutet. Die Szene wird von einem Football-Fan-Ehepaar mit den Worten kommentiert, dass Romney alles tun würde, um die christliche Rechte zu gewinnen.

„Der Denker“ von Rodin hingegen kniet nicht. Er sitzt auf einem Block – und das macht einen wesentlichen Unterschied. Diese Geste trägt nicht nur eine philosophische, sondern auch eine tiefreligiöse Bedeutung in sich. Mich erinnert das Ritual an das Mittelalter: den Ritterschlag. Die Statur Tim Tebows – er gilt mit 1,91 Metern und 105 Kilogramm als Modellathlet – und seine Football-Montur mit Schulterpolstern und Helm verweisen auf einen mittelalterlichen, gottesfürchtigen Recken.

Der Ritterschlag bedeutete bis zum 14. Jahrhundert die Initiation in die Kriegerkaste. Ein Landesherr oder König erhob den Berufskämpfer in einen elitären Stand. Teil des Rituals war es, dass der zum Ritter Erhobene niederknien musste und mit der flachen Seite des Schwerts an Schultern und Kopf berührt wurde. Wenn er sich nach diesem Prozedere wieder erhob, genoss er offiziell einen anderen Status und hatte Aussicht auf ein höfisches Leben oder auf ein Lehen, was in der agrarischen Gesellschaft die Absicherung des Lebensunterhalts bedeutete. Als Ritter blieb er zwar ein – freilich privilegierter – Diener. Dem Ideal nach hatte er in diesem Stand Gott, dem Landesherren und der Minne, der höfischen Liebe, zu dienen.

sport1.de

Ein Niederknien, das nicht als Pose berechnet war, ging nach der Halbfinal-Niederlage Deutschlands bei der Fußball-WM in Südafrika um die Welt. Bastian Schweinsteiger verharrt einen Moment lang in Ritter-Manier auf dem Rasen von Durban. Den Kopf zu Boden gesenkt kniet er mit dem rechten Bein auf dem Boden, während das linke aufgestellt ist. Es sind die Sekunden zwischen dem Am-Boden-Liegen und dem Wieder-Aufstehen, die sich durch diese Körperhaltung verräumlichen. Nach dem bitteren Nullzueins war für Deutschland und für Schweinsteiger alles vorbei, dennoch: Ein leidenschaftlicher, ambitionierter Sportler lässt sich durch eine Schlappe nicht für immer niederwerfen.

Es ist eine Ironie, dass Charles Puyol dem emotionalen Leader wieder auf die Beine hilft. Er hatte das Siegtor in die deutschen Maschen gewuchtet. Ausgerechnet die Kampfbestie Puyol.

Advent, Advent, der Strafraum brennt

Auf dem Weg zur Fußballkneipe um die Ecke begleiteten mich weihnachtliche Klänge. Vom Kollwitzplatz hörte man ein Bläserensemble, das „Macht hoch die Tür!“ intonierte. Unweigerlich musste ich an die zweite Verszeile denken „Die Tor macht weit!“ und dabei stieg Hoffnung in mir auf. Heute würde der HSV gegen den 1.FC Nürnberg diesen Auftrag erfüllen, davon war ich felsenfest überzeugt. Weit wie ein Scheunentor würde der Kasten der Clubberer offen stehen und die Hamburger könnten dankend die Bälle einnetzen auf ihrer Mission raus aus dem Tabellenkeller.

Das Bulmer’s war zum zweiten Advent festlich geschmückt. Tannenzweige und Christbaumkugeln hingen über den Türschwellen und zierten die Tische; Kerzenschein vermittelte eine gemütliche Atmosphäre. Die liebevoll kitschige Weihnachtsdeko hatte etwas Rührendes angesichts der Tatsache, dass sich in diese Bar nur selten eine Frau verirrt. Zur Geburt des Herrn bekommt auch der bierselige, herumgrölende Fußballfan die Möglichkeit, seine gefühlvolle Seite zu zeigen.

Nachdem die HSV-Kneipe in meinem Kiez umgezogen ist, suche ich mittlerweile immer öfter diesen Irish Pub auf. Das Bulmer’s ist rustikal eingerichtet und erinnert eher an eine Berliner Eckkneipe als an einen Pub von der grünen Insel. Dafür fließt hier viel irisches Bier die Kehlen hinunter sowie verschiedene Cider-Sorten. Da ich von beidem kein Fan bin, trinke ich meist ein Berliner vom Fass, auch nicht gerade meine erste Wahl.

Das Mäkeln an Nebensächlichkeiten verblasst aber angesichts der Tatsache, dass der Irish Pub – neben der Premier League – auch Bundesligaspiele überträgt. Da die letzten Partien des HSV entweder am Abend oder sonntagmittags ausgetragen worden waren, konnte man mich in den vergangenen Wochen jedes Wochenende hier antreffen.

Die vorweihnachtliche Stimmung jedenfalls war auf mich übergesprungen und verleitete mich dazu, etwas Verrücktes zu tun. Ich verzichtete auf das obligatorische Alibi-Bier und bestellte zum Nachmittagsspiel einen Kaffee. Postwendend bekam ich einen großen Becher: filter-gebrüht mit zwei Döschen Kondensmilch. Keine Fragen von dem Barmann nach der Beschaffenheit des Milchschaums, der Bohnenart oder ob man einen „single oder double shot“ möchte. Der Ball ist rund, ein Spiel dauert 90 Minuten und Kaffee ist schwarz. So einfach ist das. Das gefiel mir.

Mein Fußballnachmittag entwickelte sich also im Handumdrehen zum Kaffeekränzchen.   Fußball und Koffein ist im Grunde eine komplizierte Verbindung, da man innerlich noch aufgewühlter wird. Alkohol dämpft hingegen die Nervosität und macht selbstzufrieden. Trotzdem konnte ich das Spiel auch mit der schwarzen, anregenden Brühe genießen. Denn der Kontrahent hieß 1.FC Nürnberg und der mausert sich langsam zum Lieblingsgegner der Hanseaten. Nicht nur zur Weihnachtszeit lässt er stets 3-Punkte-Präsente in Hamburg liegen. Auch diesmal klingelte es passend zum zweiten Advent gleich zweimal im Kasten der Franken, wohingegen Jaroslav Drobny auf eigener Seite einmal mehr nichts anbrennen ließ.

Mit dem souveränen Sieg katapultierten sich die Hamburger aus dem Keller ins Mittelmaß. Selten hat man an der Elbe über einen 11.Platz so viel gejubelt wie dieses Jahr. Wenn das Team in den verbleibenden Spielen gegen Mainz und Augsburg weiterhin so bissig, konzentriert und glücklich agiert, wird schon bald das erste Stück des Weihnachtsoratoriums in die Fangesänge Eingang finden: Jauchzet, frohlocket!


Als ich einmal Jaroslav Drobny anschrie

In meinem Kiez gibt es einen Mann, der durch die Straßen geistert und die Vorbeigehenden um etwas Geld bittet. Mit unsicherem Schritt streift er herum, groß und stämmig, doch bei genauerem Hinschauen morsch und gebrechlich wie ein Baum, den Schädlinge von innen aushöhlen. Sein offensichtlicher Parasit heißt „Alkohol“, das erkennt man an seinem ruckhaften Gang, dem Stottern, seinem verlebten Gesicht.

Früher hatte er ein Erkennungsmerkmal: eine Beinahe-Glatze, nur am unteren Haaransatz hingen die Haare im Halbkreis fettig und leblos herunter; damit erinnerte er mich immer an einen verwahrlosten Clown, der all seine Schminke und die rote Pappnase veräußert hat. Neuerdings hat er seinen Kopf rasiert und ganz vorne auf der Nase sitzt eine Lesebrille, über deren Rand er die Menschen prüfend anblickt, was ihm etwas Professorales verleiht. Jedoch befürchte ich, auch das ist nur ein Stereotyp, das an dieser Persönlichkeit abrutscht.

Ich habe ein komisches Verhältnis zu diesem Mann, der sich an die Passanten mit nur einem Standard-Spruch wendet: Er habe sich ausgesperrt. Und deshalb brauche er dringend etwas Kleingeld für einen Kaffee oder zum Telefonieren. So weit, so gut.

Tendenziell bin ich ein Mensch, der gerne mal ein paar Cent für Hilfsbedürftige übrig hat. Andererseits werde ich laufend von Promo-Verkäufern oder Straßenmusikanten angesprochen, die natürlich allein meine ganz persönliche Hilfe benötigen. Manchmal gebe ich etwas, gelegentlich wehre ich die Bitten mit einem knappen „Nein, danke.“ ab oder husche wortlos davon. Damit hat sich die flüchtige Kontaktaufnahme meist erledigt.

Wenn der Mann aus meinem Kiez jedoch auf sein „Entschuldigung, ich habe mich ausgesperrt…“ eine Absage bekommt, neigt er zu Gehässigkeiten. Das kann ich im Grunde verstehen, macht mich aber dennoch wütend. Teilweise äfft er die Leute nach oder wirft ihnen Kraftausdrücke aus der untersten Schublade hinterher.

Meine Frau vertritt eine klare Haltung zu diesem Original. Sie hat für sein rüpelhaftes Verhalten, sowie für unhöfliches Benehmen im Allgemeinen, überhaupt kein Verständnis. Deshalb meidet sie ihn, so gut es geht. Ich bin mir da nicht so sicher. Und das, obwohl er mich schon wüst beschimpft hat, weil ich kein Ohr für sein Anliegen hatte.

Eigentlich müsste er mich bereits kennen, da er mich schon unzählige Male angesprochen hat. Ich habe ihm sogar einmal aus der Patsche geholfen. Als er an eine Häuserwand gelehnt, seine Flasche Bier nicht aufkriegte, weil seine Hände so zitterten, legte ich das Feuerzeug an den Kronkorken an und öffnete ihm seinen halben Liter Ruhe. Trotz dieser Begebenheit tischt er auch mir stets dieselbe Geschichte von seinem Ausgesperrtsein auf.

Mittlerweile laufe auch ich meist kommentarlos weiter und versuche ihn zu ignorieren. Einmal ist mir dennoch der Kragen geplatzt und ich bin mit hochrotem Kopf auf ihn zu und habe zurückgeschrien. Das würde ich bereits kennen, wetterte ich, er habe immer die gleiche Scheiß-Ausrede, er solle sich doch mal etwas Neues einfallen lassen oder nicht so saudoof sein und sich fortwährend aussperren. Ich habe ihm eine richtige Szene gemacht und mich dabei ordentlich blamiert. Die umherstehenden Leute dachten bestimmt, ich und der Mann gehörten zusammen.

bz-berlin.de

Ein ähnlicher Wutausbruch überkam mich, als ich das letzte Mal den HSV-Torhüter Jaroslav Drobny anschrie. Das muss während eines Spiels in der Zeit von Michael Oenning gewesen sein. An den Anlass kann ich mich nicht mehr recht erinnern. Der bisweilen glücklos wirkende Keeper war wie eine verrostete Bahnschranke nach dem Ball gehechtet, beim Herauslaufen am Ball vorbeigesprungen oder hatte ihn direkt vor die Füße des Gegners gefaustet. Jedenfalls hatte er sich einen unentschuldbaren Faux-Pas geleistet, den ich in dieser Situation in die Kategorie „Slapstick“ einordnete.

Der Drobny kostet uns die Liga. So ein Fliegenfänger. Der soll doch endlich einen Helm aufsetzen, vielleicht hält er dann was. Ohne können die tschechischen Torleute anscheinend nicht. Das waren noch Zeiten, als der Uli Stein nicht nur Bälle, sondern auch Kobras aus dem Strafraum boxte. Aber das gibt’s heute ja nicht mehr, zeterte ich.

Wahrscheinlich war meine Erregung dem ein oder anderen Bierchen geschuldet, das ich in der Fußballkneipe zu mir genommen hatte – oder der gedrückten Stimmung unter uns HSV-Fans, die wir um die nackte Existenz unseres Vereins bangten. Jedenfalls benahm ich mich formal wie inhaltlich ziemlich daneben. Das wurde mir erst klar, als nach meinem Lamento plötzlich Stille in der Kneipe herrschte und mich alles wie in einem Hollywoodfilm fassungslos anschaute. Ich begriff, dass ich gerade wutentbrannt eine Leinwand angeschrien hatte und ich schämte mich ein wenig.

Einmal habe ich zu meiner Frau gesagt, dass der Typ von der Straße ganz schön penetrant und unausstehlich sein kann, dass er aber dennoch zu uns gehört. Auch er ist Teil von unserem Kiez. Genauso wie die Schwaben, Ossis, Piraten und Akademiker mit Bugaboo-Kinderwägen.  Oder genauso wie Torhüter Jaroslav Drobny Teil meiner Fußballwelt ist. Wohl deswegen stauche ich ihn zusammen, als wäre er mein kleiner Bruder. Dafür liege ich ihm aber ergeben zu Füßen, wenn er so hält wie gegen die TSG Hoffenheim.

Über dem Strich

Noch im Oktober hatten viele den Hamburger Sportverein als hoffnungslosen Fall gesehen. „Dem HSV kann nur ein Zauberer helfen“, flunkerte Franz Beckenbauer weise. Leider wurde der Spruch nicht richtig ernst genommen, sonst hätte man eine versteckte Bewerbung heraushören können. Im deutschen Fußball gibt es schließlich nur einen Magier und der sagt nicht so unverständliches Zeug wie „abrakadabra“ sondern ganz klar: „Geht’s raus und spuit’s Fußball“.

Statt des Kaisers gibt nun Thorsten Fink den David Copperfield auf der Hamburger Trainerbank. Nach drei Unentschieden scharrte der Großteil der Presse schon mit den Hufen und wollte ein Ausbleiben des positiven Trainer-Effekts erkennen. Der neue Übungsleiter an der Alster verbreite mehr Optimismus als Qualität und würde die Spiele schönreden. Eine zählbare Leistungssteigerung sei nicht zu erkennen, stattdessen dümpele der Verein weiterhin auf den Abstiegsplätzen vor sich hin, usw., usw.

Mit dem Zweizunull gegen Hoffenheim lassen sich die kritischen Stimmen derzeit erst einmal besänftigen. Die Hanseaten setzen eine Serie in der aktuellen Spielzeit fort: Ihre bisherigen drei Siege gelangen jeweils gegen Teams aus Baden-Württemberg. Da die nun aufgebraucht sind – nur in der Regionalliga Süd gibt es noch mehr Vereine aus dem Mutterland der Maultaschen – kann man sich getrost darauf verlegen, gegen süddeutsche Mannschaften zu punkten: die Abstiegsschlager gegen Nürnberg, Mainz und Augsburg stehen noch an.

Das Plakat „Serienkiller HSV“ aus der Saison 10/11, das ein Fan im Spiel gegen Mainz hochhielt, kann endlich aus der Mottenkiste herausgeholt und stolz präsentiert werden. Vor gut einem Jahr hatte der Rautenklub den Durchmarsch der zuvor furios aufspielenden Rheinhessen gestoppt. Gegen Hoffenheim wurde die Lawine der eigenen negativen Ergebnisse aufgehalten. Der HSV gewinnt neuerdings wieder zuhause – und das ohne Gegentor, aber mit Thorsten Fink. Selbst Zitterhändchen Jaroslav Drobny hat die Ruhe im Hamburger Kasten gefunden. Endlich steht man „über dem Strich“, wie der smarte Übungsleiter feststellte. Mit diesem wichtigen Sieg übersprangen die Hamburger die Abstiegsplätze und landeten im Mittelfeld der Tabelle.

Damals wie heute war es ein Tor von Paolo Guerrero, das die Wende herbeiführte. Er hatte sich unbeirrt vom Gegenverkehr der gegnerischen Abwehrreihen durchgesetzt. Im Gegensatz zu seinem Auffahrunfall in Peru einige Tage zuvor stellte sich ihm dieses Mal aber kein Taxi in den Weg. Ein Taxi auf dem Fußballplatz – das wäre dann doch zuviel des Hokuspokus gewesen.

Das muss mal gesagt werden


Sozial

Beliebteste Artikel

Archiv

Hartplatzhelden unterstützen