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Kochen vor Wut

Gerade mal eine halbe Stunde war absolviert und ich hatte schon genug gesehen. Die Unbeholfenheit, ganz augenscheinlich vor dem Tor. Die fehlende Abstimmung zwischen den Mannschaftsteilen. Die mangelnde Stabilität, die mir so eindrücklich entgegenflimmerte, dass ich Angst haben musste, die Darbietung der Hamburger würde sich schädlich auf die Komponenten meines Fernsehers auswirken.

Das von Sportchef Frank Arnesen als „Sechspunkte-Spiel“ angepriesene Aufeinandertreffen mit Freiburg trieb mich schon nach der ersten halben Stunde aus dem Wohnzimmer in die Küche, wo ich zu kochen begann. Jetzt weiß ich, dass ich damit einem Impuls folgte, der mir im Elternhaus mitgegeben worden ist.

Als ich Kind war, verbrachten mein Vater und ich unzählige Fußballspiele gemeinsam vor dem Fernseher. Die Sportschau am Samstag gehörte zum Wochenende wie der Sauerbraten mit Spätzle und das obligatorische Baden am Sonntagabend. Wenn wir die Zusammenfassungen verfolgten, kannten wir meist schon das Ergebnis, natürlich hatten wir vorher die Bundesliga-Konferenz im Radio live auf SDR3 gehört.

Ich habe diese Abende als sehr entspannt in Erinnerung. Das Ergebnis stand fest und war selbst durch die Sportschau nicht mehr zu korrigieren. Wir konnten Siege des eigenen Vereins noch einmal in aller Ruhe auskosten. Und die deprimierende Nachricht einer Niederlage hielt sich in Grenzen, da die Beiträge nur maximal fünf Minuten dauerten.

Einen zusätzlichen Genuss bereiteten uns immer die Spieltage, in denen sich die arroganten Bayern so richtig blamierten. Die Schadenfreude wollten wir durch die gesendeten Bilder richtig auskosten. Wenn Sportschau lief, war alles schon passiert und das beruhigte uns auf unerklärliche Weise. Vielleicht liegt hierin auch ein Grund, warum ich mich sehr für Geschichte interessiere.

Weit unruhiger war die Stimmung bei live Übertragungen, besonders bei entscheidenden Spielen der deutschen Nationalmannschaft. Mein Vater war meist zu aufgewühlt, sich das Geschehen anzusehen und verzweifelte an seiner eigenen Ohnmacht. Vielleicht hätte er am liebsten seine Fußballschuhe geschnürt und sich selbst eingewechselt. Doch er war nicht Günter Netzer, auch wenn er ihn bewunderte und Puma-Schuhe hatte wie dereinst sein Lieblingsteam Mönchengladbach.

Wie ein verstörtes Tier in der Wilhelma lief er durch die Wohnung. Schaute nach dem Essen, wusch die Hände, kochte einen Kaffee, schmierte sich einen Hefezopf mit Butter und Nutella, schaute wieder nach dem Essen. Meine Mutter kommentierte dieses merkwürdige Verhalten belustigt mit einem Trockenen: „Der Pap ist nervös.“  In der Küche, wo mein Vater sich zu immer neuen Übersprungshandlungen treiben ließ,  lief dann die Radioübertragung des Spiels, was ich überhaupt nicht verstehen konnte.

Ich fand es immer weit aufreibender, Fußball im Radio zu verfolgen, da der Kommentar meist dem Spielgeschehen hinterherhechelt. Ich wollte auf der Höhe des Balls bleiben und blieb mit meiner Mutter vor dem Fernseher kleben. Ich wollte sehen, was passierte. Auch eine Niederlage musste ich mit eigenen Augen verfolgen, um mir darüber klar zu werden, dass das Desaster wirklich war.

Meine erste Erinnerung an ein Schlüsselspiel ist kein Bild, sondern ein österreichisches Kauderwelsch. Es sprudelte aus dem Radio im Schlafzimmer meiner Eltern, während mein Vater apathisch auf dem Bett saß. Ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich das „I werd’ narrisch!“ gehört habe, weiß aber, dass die Stimmung danach deprimiert bis resigniert war.

Klarer erscheinen mir die Bilder vom Halbfinale von 1980 bei der EM in Italien. Es ging gegen Holland. Vor der Elftal hatte mein Vater einen Riesenrespekt, um nicht zu sagen eine Heidenangst. Wahrscheinlich fürchtete er, dass das Schicksal seinen Tribut fordern würde. Seiner Ansicht nach wurde Deutschland 1974 zu Unrecht Weltmeister, die Krone hatte dem Team von Johan Cruyff zugestanden. Nun, sechs Jahre später, verfolgte er das Spiel gegen die gar nicht mehr so übermächtigen Holländer in der Küche, um das vermeintliche Unheil (das bekanntlich ausblieb) nicht mit eigenen Augen sehen zu müssen.

Die Küche ist in unserer Familie also ein Rückzugsort gegen drohendes Unheil geworden; auch für mich war sie gegen Freiburg ein Schutzraum. Nach dem Einszunull bereitete ich eine Avocado-Salsa zu als kalte Soße zu den warmen Nudeln. Aus dem Wohnzimmer hörte ich den beschwörenden Kommentar von Torsten Kunde: Die Breisgauer würden ganz dicht vor dem Zweizunull stehen. Ich würfelte die Tomaten und Avocado, schnitt Knoblauch, hackte die Petersilie und presste eine Zitrone aus. Alles in einem Schälchen vermengen. Kräftig salzen und pfeffern, dann in den Kühlschrank stellen und ziehen lassen. Als ich die Kühlschranktür öffnete, erzielte Freiburg den zweiten Treffer.

Das Rezept hatte ich aus dem Internet und die Pasta war sehr frisch und lecker. Vielleicht sollte Thorsten Fink sich auch einmal im Internet umschauen nach einem Rezept, wie man den HSV wieder konkurrenzfähig machen kann.

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Zum Niederknien

Fußballer folgen mannigfaltigen Ritualen. Manche berühren vor dem Betreten des Spielfelds noch schnell den heiligen Rasen, bekreuzigen sich und schicken ein Stoßgebet in den Himmel. Andere achten darauf, dass sie immer mit dem rechten Fuß zuerst auf das gesalbte Grün auflaufen. Wieder andere singen voller Inbrunst die Nationalhymne mit, was sie für Spitzfindige zu Patrioten macht. Oder sie verweigern prinzipiell deren Intonieren, was in weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit Anstoß erregt. In Spanien hat man in dieser Frage eine intelligente Lösung parat. Da die Hymne keinen Text hat, erspart man sich eine Vaterlandsdiskussion.

sport.orf.at

Der American-Footballstar Tim Tebow vollführt eine ganz spezielle Geste. Er betet. Nicht im stillen Kämmerchen sondern vor aller Augen auf dem Feld. Vor einer Begegnung oder einem wichtigen Spielzug bittet er um Gottes Beistand; setzt das rechte Knie auf den Boden, während auf dem linken, angewinkelten Bein der Arm ruht. In ganz dramatischen Momenten stützt er gar die Stirn auf die Faust und erinnert den SZ Redakteur Jürgen Schmieder an die Statue „Der Denker“ von Auguste Rodin.

Auch die amerikanische Popkultur hat das öffentliche Gebet nun entdeckt. Unter dem Namen „Tebowing“, in dem passenderweise das englische „bow“ = „sich verbeugen“, steckt, wird die Pose bis ins Unerträgliche reproduziert. Skifahrerin Lindsey Vonn, ein wahrer Ausbund an Heiterkeit, verrenkt sich vor den Kameras und meistert dabei das Kunststück, den Firmennamen der Skier in die Linsen zu lancieren. Lady Gaga muss natürlich auch mitmachen, da sie dem Zuschauer keine Atempause ihrer permanenten Präsenz geben will.

Gibt man bei Google den Begriff „Tebowing“ ein, erhält man bei den Bildern 26,4 Millionen Einträge, wobei die T-Shirts mit dem Konterfei des 24-jährigen Quarterbacks noch relativ harmlos sind im Vergleich zu dem sonstigen Wahnsinn. Man stößt auf kniende Hochzeitspaare, Partygruppen, Nacktmodels, Eltern, die ihre Kinder zu der Pose nötigen. Tebower im Büro, vor dem Fernseher, vor dem Laptop – vielleicht um den Lauf der Kugel beim Online Roulette zu beeinflussen. Menschen im Staub vor diversen Skylines, darunter auch vor dem Eiffelturm in Paris. Paris darf ja in den Vereinigten Staaten nicht fehlen, wenn man zeigen will, wie kultiviert man ist. Spätestens beim Anblick eines Pferdes, das zu dieser unnatürlichen Haltung gezwungen wird, kommt der Gedanke: Was tun sich die Amerikaner da an?

Wahrscheinlich würde auch Tebow über diese Hysterie nur verständnislos den Kopf schütteln. Er ist kein Showstar, eher ein introvertierter Typ, der nicht viel übrig hat für die Welt der Stars und Sternchen, des Glamours und der Casino Spiele.

Ein Cartoon über Mitt Romney, den aussichtsreichen Bewerber der Republikaner als Kandidat für das Präsidentenamt, führt das organisierte, inhaltsleere Hinknien zu seinem eigentlichen Kern zurück. Der Politiker, der seine Anhängerschaft eher in der Mitte hat, imitiert den strenggläubigen Footballer, was etwas einstudiert wirkt und wie ein Spagat anmutet. Die Szene wird von einem Football-Fan-Ehepaar mit den Worten kommentiert, dass Romney alles tun würde, um die christliche Rechte zu gewinnen.

„Der Denker“ von Rodin hingegen kniet nicht. Er sitzt auf einem Block – und das macht einen wesentlichen Unterschied. Diese Geste trägt nicht nur eine philosophische, sondern auch eine tiefreligiöse Bedeutung in sich. Mich erinnert das Ritual an das Mittelalter: den Ritterschlag. Die Statur Tim Tebows – er gilt mit 1,91 Metern und 105 Kilogramm als Modellathlet – und seine Football-Montur mit Schulterpolstern und Helm verweisen auf einen mittelalterlichen, gottesfürchtigen Recken.

Der Ritterschlag bedeutete bis zum 14. Jahrhundert die Initiation in die Kriegerkaste. Ein Landesherr oder König erhob den Berufskämpfer in einen elitären Stand. Teil des Rituals war es, dass der zum Ritter Erhobene niederknien musste und mit der flachen Seite des Schwerts an Schultern und Kopf berührt wurde. Wenn er sich nach diesem Prozedere wieder erhob, genoss er offiziell einen anderen Status und hatte Aussicht auf ein höfisches Leben oder auf ein Lehen, was in der agrarischen Gesellschaft die Absicherung des Lebensunterhalts bedeutete. Als Ritter blieb er zwar ein – freilich privilegierter – Diener. Dem Ideal nach hatte er in diesem Stand Gott, dem Landesherren und der Minne, der höfischen Liebe, zu dienen.

sport1.de

Ein Niederknien, das nicht als Pose berechnet war, ging nach der Halbfinal-Niederlage Deutschlands bei der Fußball-WM in Südafrika um die Welt. Bastian Schweinsteiger verharrt einen Moment lang in Ritter-Manier auf dem Rasen von Durban. Den Kopf zu Boden gesenkt kniet er mit dem rechten Bein auf dem Boden, während das linke aufgestellt ist. Es sind die Sekunden zwischen dem Am-Boden-Liegen und dem Wieder-Aufstehen, die sich durch diese Körperhaltung verräumlichen. Nach dem bitteren Nullzueins war für Deutschland und für Schweinsteiger alles vorbei, dennoch: Ein leidenschaftlicher, ambitionierter Sportler lässt sich durch eine Schlappe nicht für immer niederwerfen.

Es ist eine Ironie, dass Charles Puyol dem emotionalen Leader wieder auf die Beine hilft. Er hatte das Siegtor in die deutschen Maschen gewuchtet. Ausgerechnet die Kampfbestie Puyol.

Die Schurken-Schwaben

Wenn ich Leuten zum ersten Mal erzähle, ich sei Anhänger des HSV, schauen sie mich meist mit großen, fragenden Augen an. Warum denn mein Herz nicht für den VfB Stuttgart schlage, wollen sie wissen. Ich komme doch aus der Gegend und lebe zudem momentan weit weg vom „Ländle“ als Exil-Schwabe im fernen Berlin, wo es keine anständigen Brezeln gibt und die Leute „Schwaben raus“ an die Wände schmieren. Wahrscheinlich wirke ich in diesen Situationen bemitleidenswert entwurzelt und uneins mit meiner Heimatregion.

Das trifft jedoch nur für den Fußball zu. Wenn es um Trollinger, Lemberger und Schwarzriesling geht – allesamt Weine, die für Reingeschmeckte im Grunde ungenießbar sind – höre ich mich selten „Nein“ sagen. Ebenso liebe ich die Weinberge, die die zahlreichen Gemeinden im Unterland umfassen, sowie die spezielle Variante der schwäbischen Mundart, die hier einen stärkeren Singsang hat als in der Landeshauptstadt. Die Nähe zu Karlsruhe und Heidelberg, aber auch zum Odenwald schwingt im Sprechen der Menschen mit.

Obwohl ich also meine schwäbischen Wurzeln nicht verleugnen möchte, wurde mir der „Verein für Bewegungsspiele“ in meiner Kindheit durch drei prägende Figuren vergällt: Gerhard Meier-Röhn, Gerhard Mayer-Vorfelder und Olli, der Lockenbua.

Gerhard Meier-Röhn leitete in den 80er Jahren als Sportchef des SWR die Sendung „Sport im Dritten“ und trug zu dieser Zeit eine Brille mit Gläsern groß wie zwei Rhönräder. In den Beiträgen ging es um den Sport aus baden-württembergischer Perspektive und dabei spielte der VfB als Musterverein der Region eine Hauptrolle. Meier-Röhns langgezogenes „Vau“ ist mir noch sehr lebendig in Erinnerung, ebenso seine stets etwas gelangweilte und herablassende Art, die man am besten mit dem schönen Wort „blasiert“ beschreiben kann. Irgendwie kam er sich viel zu cool vor für den profanen Moderations-Schlamassel.

Die Sendung fiel immer auf einen Sonntag, meinen obligatorischen Badetag. Frisch gebadet, mit noch feuchten Haaren und Wasser in den Ohren, verfolgte ich zusammen mit meinem Vater die Neuigkeiten aus dem Südwesten. Er selbst war mit seinen Eltern im Alter von vier Jahren aus Leipzig in die Gegend gekommen und erreichte über den Sport eine Identifikation mit der Region. Als passabler Stürmer der Kinder- und Jugendzeit konnte er sich vor allem über den Fußball im Schwabenland integrieren. Gern hörte er Meier-Röhn zu, wenn der mal wieder von „unserem VfB“ sprach, was ich als unzulässige Vereinnahmung empfand. Aber ich war wohl so ziemlich der einzige Zuschauer dieser Sendung, der die Klubs aus dem Musterländle relativ leidenschaftslos zur Kenntnis nahm. Heute sehe ich Gerhard Meier-Röhn als die Kröte an, die ich gemeinsam mit meinem Vater schlucken musste, damit er sich in dem schwäbischen Städtle heimisch fühlen konnte.

Der Journalist war später Mediendirektor des DFB und hier kreuzen sich seine Wege mit dem quasi Namensvetter Gerhard Mayer-Vorfelder, in meiner Kindheit Kultusminister von Baden-Württemberg und Präsident des VfB. Der konservative Politiker war eine willkommene Zielscheibe im schwarz regierten südwestlichen Bundesland. Da das „Cleverle“, Ministerpräsident Lothar Späth, sich nicht recht als bad guy eignete, verkörperte der gebürtige Mannheimer die hässliche Fratze der CDU. Er hatte so ein gegeltes Trickbetrüger-Lächeln, ein Haifischgrinsen. Verschlagen blitzten die zu weiß gebleichten Zähne im Solarium gebräunten Gesicht, sodass es mich heute noch bei dem Gedanken daran innerlich schüttelt. Neben „MV“ wäre selbst Gordon Gekko zum Sympathieträger mutiert.

Mayer-Vorfelders Auftritt bei der EM 2004 in Portugal, dem letzten Rumpelfußballturnier einer deutschen Fußball-Mannschaft, zeigte uns eine weitere Seite seiner Persönlichkeit. Damals saß er als DFB-Präsident auf einem Stuhl am Rand des Trainingsplatzes und erinnerte mit Weste und ohne Sakko an einen Mafia-Paten, was unfreiwillig komisch wirkte. Die Analogie zu dem Kino-Klassiker von Francis Ford Coppola konnte treffender nicht sein, handelt der Film doch von dem Niedergang einer Familie. Auch der exzentrische Württemberger verwaltete bei der Euro vor sechs Jahren einen Untergang, allerdings den einer gesamten Fußballnation, was man als Zuschauer im letzten Spiel gegen die tschechische B-Elf bitter miterleben konnte.

Der Dritte im Bunde der fürchterlichen Schwaben war ein Schulkamerad und Kumpel: Olli, „d’r Lockenbua“ oder „’s Zwergle“, wie ihn meine Oma wahlweise wegen seiner Haarpracht und seiner geringen Körpergröße genannt hatte. Olli war immer unglaublich cool. Schon als Achtjähriger hatte er ein damals so heiß begehrtes BMX-Fahrrad, klatschte beim Fahren in die Hände, pfiff auf den Fingern und skandierte dazu „Oleoleoleole.“ Beim Fasching ging er nicht als Cowboy oder Indianer. Nein, er stylte sich als Punker: Riss seine Jeans auf und bemalte sie, schmierte sich Zuckerwasser ins gefärbte Haar und formte es in der Mitte zu einem Hahnenkamm, so wie es heute noch manche Jugendliche tun, die eine besonders lange Leitung haben oder eben ganz weit draußen wohnen.

Olli war so vorlaut und rotzfrech wie der Werbedreikäsehoch, der beim Nutella Spot die Jungnationalspieler an der Nase herumführt und in einer DiBa-Werbung für ein Autogramm Dirk Nowitzki anblafft, weil der nicht in Schönschrift unterzeichnet. Mein kleiner Kumpel hätte hingegen das Krikelkrakel der Stars cool und geheimnisvoll gefunden, wie übrigens die meisten Kinder in diesem Alter.

Auch für seinen Verein schrie und quengelte der Lockenjunge. Er war ein „VfB-Spitz“, wie man die Anhänger der Klubs in unserer Gegend humorvoll-abwertend nannte: ein Fan des „Vereins für Behinderte“. Besonders laut krakeelte er in der Saison, als das Team Meister wurde – angetrieben durch die genialen Mittelfeldspieler Asgeir Sigurvinsson und Karl Allgöwer, abgesichert von den kompromisslosen Förster-Brüdern und Helmut Rohleder im Tor. In dieser Spielzeit war der HSV der schärfste Konkurrent der Schwaben. Die Hamburger hatten die beiden vorangegangenen Meisterschaften und den Landesmeisterpokal an die Alster geholt. Diesmal mussten sich die Hanseaten aber mit dem zweiten Platz zufrieden geben. Und ich hatte als einziger Rauten-Fan die Jubel- und Spottgesänge im Unterland zu ertragen.

Heute bin ich mir nicht mehr sicher, ob sich mein Kontakt zu Olli tatsächlich nur verlief, weil wir gegnerischen Fußball-Klubs anhingen. Das Gedächtnis fantasiert im Nachhinein ja gerne, konstruiert unüberwindbare Grabenkämpfe, wo in Wirklichkeit nur ein Missverständnis herrschte. Im Grunde waren wir von unserem Wesen her zu unterschiedlich, ziemlich oft gehen ja ungleiche Kinder-Freundschaften auseinander.

Fakt ist jedoch, dass Olli, Mayer-Vorfelder und Meier-Röhn am Ende der Saison 1983/84 alle ausgelassen jubelten. Fast erscheint es mir, dass sie sich gemeinsam umarmten, was natürlich völliger Quatsch ist. Ich wusste jedoch schon damals ganz genau, dass ich, was den Fußball angeht, nie in Schwaben heimisch werden würde.

Englands liebste Nervtöter

Diese Vuvuzelas sind nur zu einem Zehntel so nervig wie der Gedanke, dass Deutschland wieder ins Finale kommen wird.

Der Daily Mirror nach dem Gute-Laune-Start der Deutschen gegen Australien.

Dschafar Aladdin Özil

Gruppe C – 3. Spieltag

Ghana – Deutschland 0:1

Es war eine Szene wie aus einem Bewerbungsvideo von Michael Ballack. 1000 Zentner Wut schleuderte der DFB-Kapitän mit seinem brachialen Freistoß in das österreichische Tor. Sein Gesicht wurde so vom Druck des Schusses verzerrt, dass sich niemand gewundert hätte, wenn der Görlitzer noch an Ort und Stelle grün angelaufen wäre. Kurzzeitig war er zu dem Marvel-Comics-Helden Hulk mutiert, um mit dessen übermenschlicher Kraft seine Mission zu erfüllen: das „Viertelfinale“. Dabei standen ihm die tapferen Österreicher im Weg. Bis zu diesem Geschoss. Der Treffer bei der EM 2008 ist Michael Ballacks Denkmal. Es stammt aus der Vorrunde, nicht aus einem großen Finalspiel, was bezeichnend ist für die ungekrönte 13.

Nun hat Mesut Özil mit dem feinen Einszunull gegen Ghana ein eigenes Meisterstück geschaffen. In seinem Gesicht sehen wir nicht die urtümliche Wut des ewigen Zweiten. Seine Mimik verrät vielmehr Klugheit und Verschlagenheit. Die Augenbrauen richten sich zu den Schläfen hin bedrohlich auf wie zwei Königskobras. Darunter liegen die froschigen Augen über der gespitzten Nase. Der Mund ist offen und erinnert an einen Fisch. Özil sieht bei seinem Traumtor dem Bösewicht Dschafar, dem Zauberer aus Walt Disneys Zeichentrickfilm „Aladdin“, zum Verwechseln ähnlich. Der will das Land mithilfe einer Wunderlampe beherrschen, die aber nur ein Mensch aus einer geheimnisvollen Höhle bergen kann, der ein „ungeschliffener Diamant“ ist – und hier kommt der junge Straßendieb Aladdin ins Spiel. Er muss zahlreiche Abenteuer bestehen, um an die ersehnte Wunderlampe zu kommen.

Auch der 21-jährige möchte das Spiel beherrschen und lenken. Er ist ebenfalls auf der Suche nach der Wunderlampe oder besser dem alles entscheidenden Pass, der wie mit einem „Simsalabim!“ verschlossene Abwehrreihen öffnet. Zugleich ist er noch unerfahren und spielt mit der Begeisterung eines Vagabunden – unberechenbar: für den Gegner, aber auch für das eigene Team. In Mesut Özil vereinen sich auf wundersame Weise beide Figuren aus dem Disney-Märchen: der Bösewicht Dschafar und der Straßendieb Aladdin.
Vielleicht schafft er ja schon im Spiel gegen England das Unmögliche: einen Elfmeter, der von der Unterkante der Latte direkt ins gegnerische Tor springt. Er würde damit das englische Trauma gegen deutsche Teams gleich doppelt fortschreiben. Das Talent dazu hätte er – und auch die Frechheit.

Die Grenzen der Mitbestimmung

Wir können vor einem Elfmeter keine Mannschaftssitzung einberufen.

Joachim Löw auf die Frage, warum gerade Lukas Podolski den Strafstoß gegen Serbien schoss.

Touché

Gruppe C – 1. Spieltag

Algerien – Slowenien 0:1

Gruppe D – 1. Spieltag

Serbien – Ghana 0:1

Deutschland – Australien 4:0

Im Grunde hat erst mit dem leidenschaftlichen Auftritt der DFB-Elf die WM richtig begonnen. In ihrem Auftaktspiel gegen Australien traf sie die Zuschauer beim Public Viewing oder zuhause vor dem Fernseher mitten ins Herz. Auch der ZDF-Kommentator Béla Réthy, der in seiner Laufbahn schon so manchen deutschen Fehlpass oder Stockfehler hat kommentieren müssen, war berührt. Er suchte nach einem Vergleich, um das, was er auf dem Spielfeld sah, einordnen zu können.
Die deutsche Mannschaft erinnere ihn an das Weltmeister-Team von 1990 mit Andreas Brehme und Pierre Littbarski auf den Außenbahnen. Das seien auch Persönlichkeiten gewesen, die den Ball mit feiner Technik kontrollieren konnten – ähnlich wie Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm, Thomas Müller und Mesut Özil.

Doch der Vergleich hinkt. Die Protagonisten des italienischen Sommers anno 90 – zu denen man neben den bereits Genannten noch Lothar Matthäus und Guido Buchwald hinzufügen muss – bildeten zwar ein Team, das seine Qualitäten hatte und weit entfernt war von dem scheußlichen Rumpelfußball der Rest-90er und beginnenden Nuller-Jahre. Auch sie verfügten über Disziplin, Technik und eine eindrucksvolle Dynamik. Aber sie waren kampferprobte Haudegen, die schon manche Schlacht geschlagen hatten, abgeklärt und cool – und vor allem nicht mehr die Jüngsten.

Das aktuelle Löw-Team wirft dagegen das in die Waagschale, womit wir schon in Oslo Europameister im Singen wurden: die Jugend, das Unverbrauchte und Unvorhersehbare.
Wurde der deutsche Fußball von der ausländischen Presse traditionell mit den Metaphern „Panzer“, „zertrümmern“, „Maschinen“ und „Roboter“ belegt, erinnert das deutsche Spiel aus dem Jahr 2010 an ein filigranes Duell im Florett-Fechten. Der Ball wird in den eigenen Reihen so lange verschoben, bis man an eine freie, verwundbare Stelle des Gegners gelangt, in die man dann blitzartig hineinstoßen kann: Touché!
Diese kontrollierte Kreativität ist so im deutschen Fußball bisher noch nicht aufgetaucht. Und auch die Variabilität, mit der das Team zu überraschen weiß, ist unvergleichlich. Philipp Lahm hat recht: Er spielt in der qualitativ besten und geistreichsten DFB-Elf.
Nur Mario Gomez hat den Zeitgeist verpasst. So tollpatschig wie er über den Platz stolpert, wirkt er wie ein Relikt aus den späten 90ern. Dahin sollte man ihn auch wieder zurückbeamen. Zeitgemäße Stürmer haben wir ja genug.


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