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Pausentee per Knopfdruck

Die Telekom hat’s wirklich nötig. Meine Freundin hat sich letzte Woche zu einem Info- Gespräch zum Internet TV-Angebot „Entertain“ breitschlagen lassen – ganz unverbindlich natürlich, wurde ihr versichert. Und drei Tage später stand ein großes Paket von der Ich-möchte-Sie nur–über–unser-Produkt-informieren-Telekom vor unserer Tür. Drin war wohl die unterhaltsame Wunderkiste, ich hatte das Paket nicht geöffnet und die Annahme verweigert.

Genauso stürmisch gibt sich der dazugehörige TV-Spot. Es knistert heftig: Blicke verfangen sich, Zähne knabbern an Lippen, Hände streichen durch Gesicht und Haar. Ein junger Mann hilft einer jungen Frau, das Oberteil abzustreifen – sie sitzt auf ihm und umschlingt seinen nackten Oberkörper im flackernden Licht des Kaminfeuers. Die Leidenschaft springt über auf die Wackelkamera und im Hintergrund hören wir ein atmosphärisches Lied, eine Hauchstimme. Ein bisschen wie Jane Birkin, ein bisschen wie Nouvelle Vague, dazu Harfenklänge. Der Mann kann die Zweisamkeit mit gutem Gewissen auskosten, er hat vorher daran gedacht, das TV-Programm zu stoppen. Im Rücken des erotischen Spiels flimmert der Fernseher, auf dessen Bildschirm ein Fußball-Spieler des FC Bayern München zu sehen ist – beim Flanken eingefroren.

„Völlig unrealistisch“, war meine Reaktion, als ich den Spot zum ersten Mal gesehen hatte. Im wirklichen Leben könnte nicht mal ein Erdbeben im Wohnzimmer einen richtigen Fußballfan vom Fußballschauen ablenken. Andererseits muss ich zugeben, dass die Idee hinter der Kiste gar nicht so übel ist. Der Zuschauer kann eine Sendung nach Belieben stoppen und zu gewünschter Zeit weiterverfolgen. Das würde meine Lebensqualität beim Fußballkucken doch merklich erhöhen. Unangenehme Nebenwirkungen wie der hinausgezögerte Toilettengang oder das verpasste Tor, weil man den Toilettengang nicht weiter aufschieben konnte, wären passé. Ein Druck auf die Fernbedienung genügt und man kann sich einen Pausentee genehmigen, der, wie die Telekom zeigt, manchmal etwas heißer sein kann.

Frauen, die ihren Mann mit Bundesliga, Championsleague und DFB-Pokal teilen müssen, müssen also nicht länger im Abseits stehen. Endlich können sie beim Spiel seine ungeteilte Aufmerksamkeit genießen. Und plötzlich bin ich mir nicht mehr so sicher, ob meine Freundin nicht doch etwas mehr als ein Informationsgespräch vereinbart hat, was sie aber vehement bestreitet. Es geht in unserem Fall ohnehin mehr um die Illusion, denn das Ding läuft auf unserem alten Fernseher gar nicht. Und ich warte auf einen weiteren technischen Coup: „Xantippe“, die Pause-Taste für die von Fußball genervte Frau.

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Geißbock in der Katakombe

Letzten Samstag hat mich mein Kumpel Marcel eingeladen, in seiner Köln-Kneipe im Prenzlauer Berg Fußball zu schauen. Eigentlich bin ich eher der Sportschau-Individual-Kucker und mein Lieblingsverein ist nicht Köln, sondern seit den goldenen 80ern der HSV. Doch da mein Kumpel das Herz am rechten Fleck hat und es zudem gegen den FC Bayern ging, sagte ich zu. Dabei erlebte ich mal wieder die Faszination des Kneipen-Kuckens und kenne nun fast das ganze Team des 1.FC auswendig.

Über eine Treppe gelangten wir in den unteren, den Raucherraum der Fußballkneipe, der einer Katakombe ähnelte. Hier war es dunkel und kalt; nur der Beamer, der die Bilder der Vorberichterstattung an eine Leinwand warf, gab ein bisschen Licht und nach einer Heizung suchte man vergeblich. Es war noch niemand da und in dem Kellergewölbe herrschte eine eigentümliche Feierlichkeit. Harte Holzstühle ohne Sitzkissen standen in mehreren Reihen hintereinander, an den Seitenwänden verlor sich der ein oder andere abgewrackte, durchgesessene Sessel. Der Raum sprach für sich und sagte: Mädchen, hier wirst du nicht glücklich.

Heute wird’s sowieso nicht so voll, sagte Marcel. Einige Köln-Fans waren zur Unterstützung ihres Teams nach München gereist und die meisten feierten in der Domstadt, denn übermorgen war Rosenmontag. Trotzdem war zum Anpfiff kein Sitzplatz mehr frei und auch im Nichtraucherbereich oben drängten sich die Fans um die Leinwände. Glücklicherweise hatten wir uns schon früh einen guten Platz gesichert, von dem aus wir den ersten Andrang der Bayern inklusive nicht gegebenem Klose-Tor verfolgten.

Marcel hatte mich für dieses Spiel im Handumdrehen zum Kölner gemacht, indem er mir seinen FC-Schal umlegte. Und als die beiden Tore für Kölle fielen, sah er in mir gar einen Glücksbringer für die Geißbock-Elf.

Nach dem 2:0 wurden begeisterte Fangesänge angestimmt und Fußballer- und Vereinsnamen skandiert. Jetzt weiß ich, dass „Mondragon“ und „Geromel“ keine Fantasy-Figuren von Tolkien sind. Auch Karnevalslieder konnte man hören. Mein Kumpel, der aus der selben Stadt in Schwaben kommt wie ich, gab übrigens zu, dass auch er bis auf „Kölle Alaaf“ nichts von den kölnischen Texten versteht. Trotzdem ist er Kölner im Herzen. Die Stimmen mussten natürlich auch geölt werden. In regelmäßigen Abständen stieg die Bedienung mit einem Träger voll Kölsch in die Katakombe herunter und mit geleerten Gläsern wieder hoch.

Irgendwann in der zweiten Hälfte hatte sich ein blondes Mädchen, wohl Freundin eines Fans, in den Raucherkeller verirrt und von da an wurde das Spiel zerfahrener.

Das gab ihr die Gelegenheit den Fehler zu machen, den viele Frauen begehen: Sie stellte den Unterhaltungswert der Partie in Frage: So ein langweiliges Spiel, meinte sie. Eigentlich hätte ihr Freund nun sagen müssen: Mädchen, hier wirst du nicht glücklich. Stattdessen erklärte er ihr mit beneidenswerter Geduld und kölnischem Charme: „Das ganze Spiel lebt von der Spannung. Wenn die Bayern jetzt ein Tor schießen, dann klingelt der Kasten.“

Am Ende schossen die Bayern doch noch das Anschlusstor, aber zum Ausgleich kamen sie nicht mehr. Mit dem Schlusspfiff stand die Geißbock-Katakombe Kopf. Man fiel sich ausgelassen in die Arme, sang „Uefa-Cup“ und genoss das Glück des gemeinen Fußballfans nördlich des Weißwurst-Äquators, der nur zwei Festtage kennt: wenn die eigene Mannschaft gewinnt und der FC Bayern verliert.


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