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Van Tastisch

„Endlich wieder Fußball“, jubelte mir in dieser Woche ein Aufsteller einer Boulevard-Zeitung vor einem der gefühlt sechs Millionen Kioske in Berlin entgegen. Wurde ja auch Zeit, dass wieder ein richtiger Sport die Berichterstattung beherrscht – und keine Freizeitvergnügungen wie Synchronschwimmen, Turmspringen oder Golf. Eine Erleichterung.

Aber die Wochen und Wochenenden ohne Fußball hatten auch ihren Reiz: Ich fuhr mit meiner Familie in den Urlaub, lag mittags am Strand und spielte abends Kniffel. Ein Leben ohne Fußball ist zweifellos möglich. Man kann ja durchaus glauben, die Erde sei eine Scheibe und trotzdem ganz ordentlich durchs Leben kommen. Aber in so einem Dasein würde ein diffuses Gefühl mitschwingen, dass etwas fehlt. Nicht umsonst ist unser Planet als Ball geformt. Wäre er eine Scheibe, wären wir vielleicht Weltmeister der Herzen im Frisbee. Doch „hätte“, „wäre“, müsste“ zählen nicht, am Ende geht es darum, wer den Ball hinter die Linie bugsiert und wer nicht.

„Endlich wieder ein Traumstart des HSV“, werden die Zeitungen titeln. Denn die Hamburger haben nicht nur ihr Auftaktspiel der Saison 2010/11 gegen Schalke 04 gewonnen, sondern auch den Ausscheid zu DSDSEM – Deutschland sucht den Super Ex-Madrilenen. Ruud van Nistelrooy zeigte Raúl, dem ehemaligen Kollegen bei Real, wie Fußball in der Bundesliga geht: Zwei Tore und ein Lattentreffer sind eine respektable Ausbeute gegen den Verein von Felix Magath. Im Gegensatz zur letzten Spielzeit konnten die Königsblauen die drohende Niederlage gegen die Hanseaten nicht mehr abwenden. Dazu fehlte ihnen diesmal die Klasse und ein vogelwild spielender Kevin Kuranyi.
In zwei oder drei Monaten wird wahrscheinlich der Madrilenen-in-Deutschland-Wettbewerb um Arjen Robben erweitert. Der niederländische Flitzer steht ja nach der WM-Spritztour demoliert in der Garage in der Säbener Straße, was die Münchener Bosse zur Weißglut treibt.

Und in der Zwischenzeit wird wohl „van the man“ an seiner beeindruckenden fußballerischen Vita weiterschreiben. Er wurde in jeder Liga, in der er bisher spielte, mindestens einmal Torschützenkönig: In der niederländischen Erendivise, der englischen Premier League und der Primera Divison in Spanien sammelte er die höchste Auszeichnung für einen Stürmer. Die Chancen stehen also gut, dass Ruud diese Serie in der Bundesliga fortsetzt. Der HSV kann sich als siebter der vergangenen Spielzeit in dieser Saison ganz auf Meisterschaft und DFB-Pokal konzentrieren. Die sogenannte Doppelbelastung der Europa League und die damit verbundenen Ausflüge in Fußball-Entwicklungsländer wie Aserbaidschan oder Österreich bleiben dem Verein und auch Ruud van Nistelrooy erspart. Dafür wird es mal wieder ans Millerntor gehen, in den Hamburger Stadtteil St. Pauli, wo man gegen freche Aufsteiger, die traditionell hässliche Trikots tragen, spielen muss: Das letzte Mal war das vor acht Jahren der Fall.

Raúl musste hingegen bitter erfahren, dass Schalke kein Vorort von Madrid ist, der Angreifer hatte ja seit 1994 bei keinem anderen Klub gespielt. Nicht nur die Beflockung seines Namens auf dem Trikot zeigt, dass er noch nicht richtig in Gelsenkirchen angekommen ist, obwohl ihm immerhin seine Nummer sieben als Gastgeschenk überreicht wurde. Der Schriftzug auf dem Rücken sieht aus wie „Raú l“ und wirkt, als ob das „l“ vergessen und nachträglich angeflickt worden wäre. Wie ein Anhängsel spielte auch der ehemalige Welttorschütze, für ihn gab es keine Lücke in der Hamburger Abwehr. Deswegen wurde er ausgewechselt gegen den jungen Christoph Moritz. Wie der Spanier das beim Abendessen seiner Frau beigebracht hat, würde ich gerne wissen. Felix Magath kann so grausam sein: Die Real-Ikone ist nicht der erste, der diese Erfahrung machen muss.

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Pausentee per Knopfdruck

Die Telekom hat’s wirklich nötig. Meine Freundin hat sich letzte Woche zu einem Info- Gespräch zum Internet TV-Angebot „Entertain“ breitschlagen lassen – ganz unverbindlich natürlich, wurde ihr versichert. Und drei Tage später stand ein großes Paket von der Ich-möchte-Sie nur–über–unser-Produkt-informieren-Telekom vor unserer Tür. Drin war wohl die unterhaltsame Wunderkiste, ich hatte das Paket nicht geöffnet und die Annahme verweigert.

Genauso stürmisch gibt sich der dazugehörige TV-Spot. Es knistert heftig: Blicke verfangen sich, Zähne knabbern an Lippen, Hände streichen durch Gesicht und Haar. Ein junger Mann hilft einer jungen Frau, das Oberteil abzustreifen – sie sitzt auf ihm und umschlingt seinen nackten Oberkörper im flackernden Licht des Kaminfeuers. Die Leidenschaft springt über auf die Wackelkamera und im Hintergrund hören wir ein atmosphärisches Lied, eine Hauchstimme. Ein bisschen wie Jane Birkin, ein bisschen wie Nouvelle Vague, dazu Harfenklänge. Der Mann kann die Zweisamkeit mit gutem Gewissen auskosten, er hat vorher daran gedacht, das TV-Programm zu stoppen. Im Rücken des erotischen Spiels flimmert der Fernseher, auf dessen Bildschirm ein Fußball-Spieler des FC Bayern München zu sehen ist – beim Flanken eingefroren.

„Völlig unrealistisch“, war meine Reaktion, als ich den Spot zum ersten Mal gesehen hatte. Im wirklichen Leben könnte nicht mal ein Erdbeben im Wohnzimmer einen richtigen Fußballfan vom Fußballschauen ablenken. Andererseits muss ich zugeben, dass die Idee hinter der Kiste gar nicht so übel ist. Der Zuschauer kann eine Sendung nach Belieben stoppen und zu gewünschter Zeit weiterverfolgen. Das würde meine Lebensqualität beim Fußballkucken doch merklich erhöhen. Unangenehme Nebenwirkungen wie der hinausgezögerte Toilettengang oder das verpasste Tor, weil man den Toilettengang nicht weiter aufschieben konnte, wären passé. Ein Druck auf die Fernbedienung genügt und man kann sich einen Pausentee genehmigen, der, wie die Telekom zeigt, manchmal etwas heißer sein kann.

Frauen, die ihren Mann mit Bundesliga, Championsleague und DFB-Pokal teilen müssen, müssen also nicht länger im Abseits stehen. Endlich können sie beim Spiel seine ungeteilte Aufmerksamkeit genießen. Und plötzlich bin ich mir nicht mehr so sicher, ob meine Freundin nicht doch etwas mehr als ein Informationsgespräch vereinbart hat, was sie aber vehement bestreitet. Es geht in unserem Fall ohnehin mehr um die Illusion, denn das Ding läuft auf unserem alten Fernseher gar nicht. Und ich warte auf einen weiteren technischen Coup: „Xantippe“, die Pause-Taste für die von Fußball genervte Frau.


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