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Entscheidend is’ auf der Straße

Prenzlauer Ecke Danziger: Das Erste, was einem entgegenspringt, wenn man auf die Straße tritt, ist der unheimliche Lärm, der an diesem Knotenpunkt von zwei Tramlinien sowie den beiden mehrspurigen Hauptstraßen verursacht wird. Von hier aus geht’s zu den hot spots des Ostens: Friedrichshain, Eberswalder Straße und Alex-Mitte; nach Norden hin verliert sich der Verkehr ins Nirgendwo nach Weißensee, das seinem eigenen Tempo folgt. Von dieser Kreuzung aus streben alle irgendwoanders hin, als Andenken hinterlassen sie Krach, schlechte Luft und gestresste Anwohner.

Als nächstes trifft man auf einen Schwarm uniformierter Mitarbeiter des Ordnungsamts, das einen Block weiter seinen Sitz hat. Seit man hier für das Parken bezahlen muss, patroulieren die Herren und Damen der Behörde Tag und Nacht durch das Viertel. Sie helfen bei der Durchsetzung der neuen „Parkraumbewirtschaftung“, wie es so schön auf Beamtendeutsch heißt.
Ein Nebeneffekt: Hundebesitzer dürfen endlich aufatmen. Ihre Vierbeiner können nun ungestört ohne Leine durch die Grünanlagen laufen, ohne dass ein Ordnungshüter aus dem Gebüsch springt, um ein Bußgeld zu verhängen. „Jack-Russell“ ist nun mal keine Automarke.

Wenn man die Prenzlauer Allee hochläuft in Richtung S-Bahnhof, fällt einem sofort das hässliche Lächeln dieser Straße auf. Wie Zahnlücken stechen die leerstehenden, dunklen Ladenflächen hervor, in deren Fenster orange-farbene „Zu vermieten“-Schilder mit Telefonnummer hängen. Unverständliche, Grafitti-ähnliche Zeichen sind auf die Scheiben geschmiert. Hier kann sich ein Tagger verewigen, wenn er mag. Die Scheiben werden erst wieder geputzt, wenn der Laden einen neuen Besitzer gefunden hat. Und das kann dauern.

Es gibt zweifelsohne hübschere Ecken in Berlins schickem Prenzlauer Berg, das Winsviertel und der Käthe-Kollwitz-Kiez sind nur fünf Minuten zu Fuß entfernt. Aber was ist schon schön?
Wer als Zugezogener in Berlin lebt, der hat sein Verständnis von Schönheit nicht nur einmal überdacht und revidiert. Denn die Hauptstadt hat – abseits der Vorzeigestraßen und Puppenhaus-Alleen – ihre eigene Attraktivität. Das gilt auch für dieses Stück der Prenzlauer Allee.

An einem Automatencasino flimmert unablässig das Leuchtschild „open 23 Stunden“. Eine Frauenkleider-Boutique bietet deutsche Größen von 36 bis 50 an. Ein Krimskrams-Geschäft ist vollgestopft wie eine Messie-Wohnung. Den Namen habe ich vergessen. Wenn ich ehrlich bin, hat es mich bisher auch nicht interessiert, obwohl ich bereits unzählige Male daran vorbeigelaufen bin – und einmal sogar was gekauft habe. Nein, nicht ganz. Letzten Sommer wollte ich während der Affenhitze einen Standventilator kaufen. Natürlich waren alle aufgrund der tropischen Temperaturen in nullkommanichts verkauft, ich kam viel zu spät. Ich solle nächste Woche noch einmal wiederkommen, sagte man mir damals. Mittlerweile ist fast ein Jahr vergangen, bald kehrt der Sommer wieder und ich habe immer noch keinen Ventilator.

Vor einem Spieleladen, in dem man auch direkt zocken kann, stehen regelmäßig Teenager herum, rauchen und spucken auf den Boden. Oft auch solche, die vollkommen schwarz gekleidet sind – früher hätte man sie als „Gruftis“ oder „Schwarze“ bezeichnet. Eine dicke, modrige Patchouli-Wolke umgibt sie. Nach Schaufenster und Publikum zu urteilen werden hier vornehmlich Fantasy-Rollenspiele veranstaltet.

Neben dem Jugendtreff befindet sich eine klassische Berliner Eckkneipe, die in der Namensgebung durchaus Fantasie beweist. Das „Warsteiner-Café“ macht den Eindruck, als ob es hier hauptsächlich um das erste der beiden deutschen Volksgetränke gehe.
Draußen wird an Cafétischen und –stühlen der leckere Gerstensaft geleert, drinnen tut man am dunklen Tresen nichts Anderes. Die Bewegungen in der Bar wirken im Vergleich zum vorbeirauschenden Verkehr draußen wie um das 100fache verlangsamt: Zigarettenqualm steigt zur Decke, jemand führt sein Glas zum Mund, die Thekenkraft zapft ein weiteres Pils. Es scheint, als ob die Zeitlupe-Taste gedrückt wäre – nur das Blinken des Spielautomaten an der Wand widersetzt sich dem verlangsamten Modus.

Am Fenster hängt ein vergilbtes Schild: „Raucherkneipe. Eintritt ab 18 Jahren.“ Und noch ein Aushang ist an die Scheibe gepinnt: „Wir suchen eine nette, zuverlässige Mitarbeiterin“, „zuverlässige“ ist doppelt unterstrichen.

Auch 200 Meter weiter Richtung S-Bahnhof werden verlässliche Leute gesucht. Ein Blumenladen braucht Aushilfen und bietet dafür Minijobs. Kurze Lebensläufe sind an der Kasse abzugeben, steht auf einem handgeschriebenen Poster. An Arbeit und ein bisschen Geld für sogenannte Gering-Qualifizierte scheint es in dieser Ecke nicht zu mangeln.

Auch der Weg des HSV ist unsicher und der Verein blickt in eine ungewisse Zukunft. Zu Saisonende gibt es einige Vakanzen. Gestandene Profis wie Frank Rost, Ruud van Nistelrooy, Piotr Trochowski und nun auch Zé Roberto haben sich entschieden, den Verein zu verlassen. Diese Kräfte werden wohl kaum von Großverdienern ersetzt, weil das Geld an der Alster nach zwei verpatzten Europa League Teilnahmen mittlerweile knapp ist und ein moderater Sparkurs eingeleitet werden muss.

Der neue Sportchef Frank Arnesen wird zwar nicht unbedingt Minijobs ausschreiben, noch wird er sich auf die Suche nach Gering-Qualifizierten machen. Aber die Zeit großer Transfers ist für die nächste Zeit vorbei. Der Däne wird sich am Vorbild Dortmunds und noch eher dem von Hannover orientieren müssen. Der „kleine HSV“ aus Niedersachsen demonstrierte in der aktuellen Saison eindrucksvoll, wie man mit einer disziplinierten taktischen Ordnung auch ohne Stars erfrischend auftreten kann.

Wie auf der Prenzlauer Allee ist auch bei den Hanseaten noch nicht ganz klar, wohin die Reise geht. Entweder gerät der Verein kommende Saison wie Werder Bremen in ernsthafte Schwierigkeiten. Oder er entwickelt sich wie der 1.FC Nürnberg oder Hannover 96 und avanciert zur Überraschung der Liga. Dafür braucht der Rautenklub Verstärkung, die mit großem Herz aufspielt und vor allem eins ist: zuverlässig.

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Oh Veh!

Armin Veh tritt an den Spielfeldrand und dirigiert von dort seine Spieler nach vorne. Wieder einmal hat sein HSV einen dummen Gegentreffer hinnehmen müssen und ist in Rückstand geraten. Kurz vor Schluss der regulären 90 Minuten drängt plötzlich die Zeit, die man vorher leichtsinnig vertändelt hat.

Eigentlich hatten sich die favorisierten Hamburger schon mit dem Unentschieden gegen den 1.FC Köln abgefunden. Momentan bäckt man ja an der Alster kleinere Brötchen. Man hat die Europa League verpasst und auch in dieser Saison den Kontakt zur Spitze schon verloren. Aber an eine Niederlage beim Tabellenletzten haben selbst die größten Pessimisten keinen Gedanken verschwendet. Nun heißt es, noch einmal die letzten Kräfte zu mobilisieren, auch wenn im Grunde der Glaube im Team fehlt, das Ruder noch einmal herumreißen zu können. Das spürt auch Armin Veh, weshalb seine nach vorne rudernden Armbewegungen nicht richtig motivierend wirken. Es beschleicht einen eher das Gefühl, als wolle sich hier jemand vor dem Ertrinken retten.

Der HSV-Coach sieht in dieser Situation ziemlich grimmig aus. Wie so oft, wenn seine Elf einen späten Gegentreffer hinnehmen muss, weil einer der hochbezahlten Elitekicker sich wieder einmal einen Schnitzer geleistet hat, den man günstigenfalls als Schuljungenstreich verbuchen kann. Im schwarzen Mantel mit grau meliertem Haar und dem blassen Gesicht erinnert der 49 jährige Augsburger an eine graue Eminenz, an Horst Frank in der Rolle als Baron, bevor er Timm Thaler das Lachen abgekauft hat. Niemand möchte mit Veh in diesem Moment tauschen.

In der vergangenen Pokalwoche hatte selbst der Stress resistente Trainer wohl ein paar graue Haare mehr bekommen. Erst wurde er von einem heimtückischen Grippevirus außer Gefecht gesetzt, dann servierte ihm sein Assistent Michael Oenning zusammen mit einer Kanne Kamillentee die Hiobsbotschaft von der Pokal-Schlappe gegen Frankfurt: Die gesamte Mannschaft hatte an taktischer Inkontinenz gelitten und sich in einem wirklich besorgniserregenden Zustand präsentiert.

Wen mag es da wundern, dass es den Patienten in dieser akuten Krise keine Sekunde länger in seinem Krankenbett hielt und er am 10. Spieltag gegen den 1. FC Köln wieder auf der Trainerbank saß? Dem Übungsleiter war deutlich anzusehen, dass immer noch feindliche Virenverbände an seinen Kräften zehrten. Die Krankheitserreger mussten auf ihn aber wie Heilmittel gewirkt haben im Vergleich zu der bitteren Pille, die ihm seine Mannschaft in Kölner Rhein-Energie-Stadion verabreichte.

Die Hamburger agierten so unaufgeräumt, als wollten sie Armin Veh noch an Ort und Stelle unter die Erde bringen. Im Spiel nach vorne herrschte Verstopfung infolge zuwenig Bewegung und nach hinten pfiff der Ball durch die Abwehrreihen wie bei einer klassischen Diarrhoe. Zu diesen Symptomen gesellte sich eine rätselhafte Vergesslichkeit, denn ein ums andere Mal ließ man den Kölner Stürmer Milivoje Novakovic aus den Augen, der sich höflich mit drei Treffern für den Freiraum bedankte.

Verschnupft nahm der Patient auf der Trainerbank der Hanseaten die Nachlässigkeiten zur Kenntnis und verwies auf die individuellen Qualitäten in seinem Team, die aber momentan nicht abgerufen würden. Es ist das alte Leiden bei den Rothosen: Anspruch und Wirklichkeit wollen sich einfach nicht decken. Das Argument der traditionell langen Verletztenliste als Grund für den ausbleibenden Erfolg greift zu kurz, da erstens auch andere Bundesligamannschaften ersatzgeschwächt sind und trotzdem ihre Punkte einfahren. Zweitens ist noch völlig offen, wie denn Armin Vehs Bestbesetzung aussehen würde. Die Rotation in seiner Amtszeit war bislang – freilich auch verletzungsbedingt – zu hoch, als dass sich eine Stammelf herauskristallisiert hätte.

Zwei Wochen zuvor gab es noch große Hoffnung bei den Nordlichtern. Nach dem Sieg gegen Mainz war Veh zu Gast in der Fußballrunde Doppelpass. Am darauffolgenden Samstag schoss er beim Aktuellen Sportstudio auf die Torwand. Jenseits des Spielfelds zeigt der Schwabe eine andere Facette seiner Persönlichkeit. Analysiert Situationen sachlich und ruhig, streut trockene, humorvolle Pointen in seine Rede. Das Karohemd steckt in der Bluejeans, auf ein Sakko verzichtet er. Wenn er nicht den Rautenklub coachen muss, wirkt der frühere VfB-Trainer viel jünger und ziemlich schelmisch: Aus dem finsteren Baron wird der Lausbub Timm Thaler.

Recht amüsiert nahm er beim Doppelpass einen ganz besonders gut gemeinten Tipp eines Journalisten entgegen. Angesichts des fortgeschrittenen Alters einiger Leistungsträger wie Zé Roberto, Ruud van Nistelrooy oder Frank Rost, solle Veh in dieser Saison den HSV auspressen wie eine Zitrone. Er solle noch einmal das Beste aus den betagten Akteuren herausholen und gleichzeitig an einem Umbau beziehungsweise einer Verjüngung des Teams arbeiten.

Der Trainerfuchs konnte sich ein zustimmendes, spitzbübisches Lächeln nicht verkneifen und mir wurde klar. Der Mann versteht mehr von Fußball als alle selbst ernannten Ratgeber zusammen, an denen ja beim HSV noch nie Mangel geherrscht hat. Er braucht nur Zeit, um eine Mannschaft zu formen, die seine Handschrift trägt. Und in der sich ein Abwehrspieler findet, der sich nicht zu fein ist, Novakovic zu decken. Dann wird der Fußballlehrer hoffentlich bald auch am Spielfeldrand der Imtech-Arena einigen Grund zum Lachen haben und sich wieder bester Gesundheit erfreuen.

Gebet, so wird euch genommen

Zweimal spielte der HSV in der Englischen Woche in Hamburg, beidemale ließ er wichtige Punkte liegen. Paradoxerweise punktete der Traditionsverein gerade in der Begegnung, in die er weniger Herzblut investierte; gegen St. Pauli kam man nämlich gerade noch einmal so mit einem blauen Auge und einem Unentschieden davon. Drei Tage später hatten die Hamburger ihr Glück aufgebraucht. Sie dominierten zwar ihr Heimspiel gegen Wolfsburg, verloren aber durch fantastische Tore von Edin Dzeko und Grafite. Ist die erste Saisonniederlage etwa schon ein Vorbote des obligatorischen Einbruchs des HSV? Das wäre ziemlich früh, es sind gerade mal fünf Spieltage absolviert.

Nicht nur Pessimisten hatten mit einer aufgeheizten, giftigen Atmosphäre gerechnet im Hamburger Stadtderby am vergangenen Sonntag. Man erwartete knochenharte Zweikämpfe und bedingungslose Härte; Aktionen, die schon beim bloßen Zuschauen wehtun würden. Dann geschah etwas, was man selbst als hoffnungsloser Romantiker nicht für möglich gehalten hätte. Die Fans aus dem St. Pauli-Block sorgten für eine feierliche Stimmung.

Zu Frank Rosts 400. Bundesligaspiel zeigten sie sich ungewohnt großzügig und bewarfen den Jubilar mit all ihrem Toilettenpapier. Im Nu hingen Klopapierrollen wie Girlanden von der Latte, ein Konfettiregen war in den Torraum niedergeprasselt. Der Arbeitsplatz des erfahrenen Torhüters sah aus wie der Gabentisch bei einem Kindergeburtstag. Netterweise wurde auf tückische Papierkugeln verzichtet, dagegen reagiert der HSV ja allergisch.

Vielleicht wollten die St. Pauli-Fans mit der zweilagigen Festdekoration auf das bescheidene Spiel des Rautenklubs hinweisen. Ihnen war wohl auch nicht entgangen, dass die Elf von Trainer Armin Veh in dieser Partie ziemlich die Hosen voll hatte und gegen die resoluten Aufsteiger zu lethargisch spielte. Der einzig Wache unter den Schlafenden war Mladen Petric bei seinem famosen Ausgleichstreffer – ein Traumtor.

In der folgenden Begegnung gegen Wolfsburg gingen die Hanseaten dann wacher, aber auch glückloser zu Werke. Im Grunde laufen die Spiele gegen den VW-Verein immer ziemlich ähnlich ab. Die Hamburger hatten gefühlt 70% Ballkontakt, nutzten ihre Torchancen nicht und fingen dann aus zwei temporeichen Gegenstößen drei Tore.

Für Grafite scheint der HSV ein willkommener Aufbaugegner zu sein. Vor allem dann, wenn sich seine Gegenspieler so düpieren lassen wie Marcell Jansen vor dem Dreizueins. Ich würde gerne wissen, wie Gerd Gottlob wohl diese Situation kommentiert hätte. Der Treffer war übrigens auch ein Gruß an Armin Veh, früherer VfL- und derzeitiger HSV-Coach. Der knurrige Augsburger hatte in seiner kurzen Amtszeit bei Wolfsburg für den Brasilianer einen ganz besonderen Platz reserviert: auf der Reservebank.

Obwohl das Spiel unglücklich verloren wurde, hat es bei mir ein besseres Gefühl hinterlassen als das fade Unentscheiden gegen den Stadtteilrivalen. Trotzdem bleibt ein bitterer Nachgeschmack zurück: Die Wolfsburger Stürmer deckten schonungslos die Anfälligkeit für Konter bei den Hamburgern auf. Im nächsten Nordderby bei den angeschlagenen Weserlingen sollte dieser Stimmungstöter behoben werden. Denn dort wartet nicht freundliches Klopapier – sondern im schlimmsten Fall die Papierkugeln des Todes.

Bloodacker

Die HSV-Spieler schienen am vergangenen 18. Spieltag zu Maulwürfen mutiert zu sein, so wohl fühlten sie sich auf dem durchgepflügten Acker der heimischen Nordbank-Arena. Blind verstanden sie sich in den Furchen und Gräben des Platzes und kombinierten auf dem schwierigen Untergrund so leichtfüßig, als würden sie auf einem englischen Rasen aufspielen.
Mit dieser Souveränität konnte der Verein aus dem Norden wieder einmal beweisen, dass er der Meister der ersten Viertelstunde ist. Ganze sieben Minuten dauerte es, bis der hervorragende Marcell Jansen das Einszunull schoss.

Die Gäste aus Freiburg erwiesen sich dagegen als ziemlich unerfahren im Grabenkampf. Ihre einzige Chance: ein unfreiwilliger Kunstschuss von Stürmer Stefan Reisinger, der aus zwei Metern den Ball über das Tor von Frank Rost zirkelte, immerhin ohne sich dabei das Bein zu brechen. Danach wäre er verständlicherweise am liebsten Six feet under im Hamburger Boden versunken.

Obwohl der Rest der Breisgauer genauso unterirdisch spielte, versäumten es die Rothosen, schon in der ersten Hälfte alles klar zu machen. Mladen Petric sorgte in der 55.Minute dann für die Entscheidung in diesem unspektakulären Spiel, aus dem der HSV jedoch eine wichtige Erkenntnis ziehen kann.
Der Verein braucht bald einen neuen Namensgeber für sein Stadion, denn die krisengeschüttelte HSH-Nordbank wird im Sommer dieses Jahres vorzeitig aus dem Vertrag aussteigen. Nach dem, wie sich der Rasen nun präsentiert hat, kann es für mich nur einen Namen geben: „Bloodacker“. Wobei „blood“ schnodderig norddeutsch wie „Blatt“ ausgesprochen wird. Das ist einer der unzähligen Namen der Punkband aus Rocko Schamonis Buch „Dorfpunks“.

Dicke Lippen

Sie riskierten eine ganz schön dicke Lippe, die Männer von Kopfstoß-Ungeheuer Norbert Meier. Die Erstrundenpleiten des HSV in der Geschichte des DFB-Pokals hatten der Fortuna aus Düsseldorf Mut gemacht. Schon Fußball-Kleinkaliber wie Eppingen, Geislingen und die Stuttgarter Kickers hatten Hamburg herausgeschossen – vor zwei und drei Jahrzehnten. Und in der jüngsten Vergangenheit gilt Weserloo, das Werder-Bremen-Trauma des Vereins aus der letzten Saison, als Symbol für die Anfälligkeit der Rothosen. Warum sollte also nicht auch der Zweitliga-Aufsteiger mit einem Zwergenaufstand erfolgreich sein? Beim HSV reagierte man teilweise verschnupft auf die großen Töne, eine Tatsache wurde dabei übersehen: Kriegsgeschrei dient nicht nur der Einschüchterung des Gegners. Es geht auch darum, die eigene Angst niederzubrüllen.

Die Fortuna hatte die Hosen ziemlich voll. Und natürlich gab es tausend gute Gründe, warum sie nicht gegen Hamburg gewinnen konnte: Düsseldorf liegt nicht in Baden-Württemberg, es ist auch nicht grün und stinkt nicht nach Fisch. Trotz des engagierten Pokal-Fights der Düsseldorfer hatte am Ende der HSV-Torhüter Frank Rost die dickste Lippe von allen – nicht im Interview nach dem Spiel, sondern auf dem Platz. Denn er wehrte mit diesem Körperteil den ersten Strafstoß ab und konnte sich so einmal mehr als Elfmeter-Killer beweisen, nicht nur weil die Beine des Gegners gegen Ende wie Wackelpudding waren.

Einen ganz eigenen Wettbewerb bestritt der ARD Kommentator Schrei-mich-tot-Gerd-Gottlob. Er brüllte ins Mikro, als ob es kein Fernsehbild gäbe. Bei der Bundesliga-Konferrenz im Radio möchte ich nicht auf einen emotionalen Reporter verzichten, schließlich macht hier der Kommentar das Spiel. Im Fernsehen aber finde ich es unpassend, wenn die Reporterstimme das Bild übertönt. Auch ohne einen aufgeregten Marktschreier begreift der Zuschauer, wann ein Spiel spannend ist und wann nicht: Nicht umsonst heißt es fern-sehen. Leider war die Mute-Taste an diesem Abend auch keine Lösung, denn damit war nicht nur der Schreihals stumm, sondern auch die Atmosphäre im Stadion.

Mein Vorschlag: Ein Zweikanalton für Fußballspiele, wahlweise mit und ohne Reporterstimme. Doch so viel Zuschauerfreundlichkeit wäre vom deutschen Fernsehen wohl zuviel verlangt. Den passenden Kommentar zum Kommentar aber boten die Hamburger Spieler nach dem entscheidenden Elfmeter gegen Düsseldorf. Sie jubelten nicht, als hätten sie die Europa League gewonnen und es war nicht uuuunglaaauuubliiiiich, was sich da auf dem Rasen abspielte. Im Gegenteil, sie klatschten sich einfach sachlich ab. Nach dem Motto: Nichts passiert, keine Panik, mit viel Mühe weitergekommen – in die 2.Runde.


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