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Nehmt Abschied Brüder

Christian Zaschke schreibt im aktuellen SZ-Magazin über die Krokodilstränen scheidender Bundesligastars. In der Kolumne „Das verstehe ich nicht“ fragt er sich, warum die Abschiede von Nuri Sahin, Manuel Neuer und Holger Stanislawski so sentimental waren. Alle drei haben sich doch für einen viel besseren Club entschieden.

Hätten sich die Akteure lieber ein Beispiel am HSV genommen. Hier sagte Trainer Armin Veh am Tag nach der Nullzusechs-Schlappe gegen Bayern Servus. Nicht leise sondern mit einem schallenden Lachen. Er wirkte wie ein Pennäler, der frisch aus dem Mathe-Abi gekommen ist und schnurstracks die Raucherecke aufsucht. Auch eine Art zu gehen.

Verloren in Berlin

In Berlin begegnet man – vor allem in den Seitenstraßen – allerlei Ausrangiertem. Am Wegesrand stehen große Röhrenfernseher und schwere Computer-Monitore, die wohl von leichten Flachbildschirmen verdrängt wurden. Die ausladenden Rückseiten sind nicht selten aufgeschraubt und geben das Innere der Geräte preis, manchmal wirken sie dann wie ein offen stehender Mund, der sich niemals schließt oder wie ein ausgeweideter Tierkadaver.
An anderen Tagen flankieren verratzte Sofas, abmontierte Kinderbetten, durchgelegene Matratzen und klapprige Bücherregale die Fußwege. Der Sperrmüll ist Teil des Kiezes wie die neu errichteten Parkuhren und die Gerüste an den Häusern.

Zu dem Ausgemusterten gesellt sich das Verlorene, immer wird hier etwas verloren. Oft sind es Babyschnuller oder Kinder-Stofftiere. Vor allem im Winter, wenn man dick eingepackt ist und sich wie ein Michelin-Männchen fühlt, bedeutet jeder Verlust auch eine Erleichterung. Einzelne Handschuhe und Wollmützen liegen herum, meist mitten auf dem Gehweg. Die Menschen hier hinterlassen unfreiwillig Spuren.

Die Essensreste auf dem Boden bemerkt meine gefräßige Terrier-Hündin immer zuerst. Wenn sie beim Gassigehen weit hinter mir zurückbleibt und mein Rufen ohne Reaktion in der Kälte verhallt, ahne ich schon, dass sie sich einmal mehr über einen angenagten Schawarma, eine Wurst oder ein Pizzastück hermacht. Sie weiß, dass sie das nicht darf, schuldbewusst und zugleich befriedigt leckt sie sich beim Zurückkommen die Schnauze. Der verfressene Teil in ihr ist offensichtlich stärker als der gehorsame.

Besonders berührt bin ich, wenn ich auf einzelne, herrenlose Schuhe stoße; sie machen mir immer ein mulmiges Gefühl. Ich male mir dann aus, dass mit dem Besitzer etwas ganz Schreckliches passiert sein muss, dass ich mich gar nicht genauer vorstellen mag. In diesem Winter habe ich schon ein kleines Stiefelchen mit einem rosa Kindermotiv im Schnee gesehen. Wie das Mädchen wohl seinen Schuh verloren hatte?

Als ich vergangene Woche mit meinem Hund die Morgenrunde drehte, traf ich auf eine ganz unheimliche Szene. Auf einer Parkbank war eine Jacke an die Lehne drapiert. Mit ausgebreiteten Ärmeln sah sie aus, als ob ein Unsichtbarer drinstecken und eine Rast einlegen würde. Das Kleidungsstück war schon etwas eingeschneit, hatte in dieser Position wohl übernachtet.

Just in dieser Zeit geisterte die Nachricht durch die Medien, dass HSV-Coach Armin Veh auf der Suche nach einer Glücksbringer-Jacke ist. Weder feiner Zwirn noch Sportkluft Marke „Stallgeruch“ hatten seinem Verein in der Hinrunde eine Siegesserie sichern können.
Am anderen Tag pilgerte ich wieder an den unheimlichen Ort, vielleicht könnte die Jacke Armin Veh als Talisman dienen. Ich wollte sie ihm schicken und meinen Teil dazu beitragen, dass mein strauchelnder Verein endlich wieder auf die Beine kommt.

Aber sie war mittlerweile verschwunden, natürlich. Neuschnee hatte ihren Platz eingenommen. Im wilden Zickzack umkreiste meine Terrier-Hündin die Bank auf der Suche nach etwas Essbarem, durchpflügte mit der Schnauze den tiefen Pulverschnee. Mir war klar: In dieser Hinrunde würden die Hamburger ohne Glücksbringer auskommen müssen.

November ist ein Blödmann

Als HSV-Fan kommt man sich in letzter Zeit vor wie der kleine Depri-Knilch aus den legendären TV-Spots von Multi-Sanostol. In den Filmchen schlurft ein antriebsschwacher Bengel durch den Fernseh-Herbst der 80er Jahre. Einmal hat er einen scheußlichen Gießkannen-Regen zu überstehen, der einzig auf ihn herabregnet; dazu peitscht ihm der Wind fürchterlich um die Ohren, wirbelt welkes Laub auf. In einer anderen Version verlässt das kleine Pflänzchen gerade das Schulhaus und bleibt kraftlos am Eingang stehen. In beiden Spots wird der bemitleidenswerte Protagonist von einer abstoßend vitalen und lärmenden Kinderhorde an den Rand gedrückt und links liegen gelassen. Sie tragen definitiv keine schwarzgelben BVB-Schals, sind aber trotzdem unausstehlich.
Ein Off-Sprecher kommentiert die Tragödie:

„Wenn ein Kind häufig lustlos ist, wenig Appetit hat und oft erkältet ist, braucht es Multi-Sanostol.“

Die kurzen Werbestreifen erinnern an den Stil von Fernseh-Klassikern wie Aktenzeichen XY-ungelöst oder Der 7. Sinn. Sie sind halb-dokumentarisch und wirken – wohl ungewollt – apokalyptisch. Das Omega-Kind stapft desillusioniert und schwächlich über Gottes tristen Novemberacker, während der Alpha-Nachwuchs unbeirrt voranschreitet und sich mit kräftigen Ellenbogen Platz verschafft.

Auch der HSV hat in den vergangenen Wochen den ein oder anderen Schlag von der Konkurrenz mitbekommen und ist gerade damit beschäftigt, seine Wunden zu lecken und die blauen Flecken auszukurieren. Nach der Niederlage gegen Hannover möchte man die Frage, wer denn nun der große und wer der kleine HSV ist, lieber nicht stellen. Die Antwort wäre für den Bundesliga-Dino ziemlich peinlich, schrumpft er doch gerade in seinem Ansehen in der Liga auf Erbsengröße ein.

Trainer Armin Veh verkündet schon am Tag nach der Auswärtspleite, er sei mit der leidenschaftlichen Einstellung seines Teams zufrieden. Seine Elf habe überzeugend nach vorne gekämpft. Dieses Lob entbehrt nicht einer gewissen Komik, wenn man sich das Bild des ramponierten Kapitäns vor Augen führt. Heiko Westermann hat einen Cut unter dem rechten Auge, ein respektables Andenken aus der letzten Schlacht, das jedem Boxer Ehre machen würde. Er hat famos gekämpft, letzten Endes aber vergeblich. Nun hat er eher einen Finger voll Bepanthen nötig als Multi-Sanostol.

Ein Tor wie ein Gedicht

Der Spielzug, den die Dortmunder Jungspunde in der 70. Minute auf den heimischen Rasen zeichneten, war Poesie von Körper und Ball, Ballspielkunst in seiner reinen Form. Die Aktion steht stellvertretend für das intelligente und inspirierte Auftreten der Dortmunder in der bisherigen Saison.

Mats Hummels gewinnt auf der Höhe der Mittellinie das Kopfballduell gegen Joris Mathijsen. Der Ball landet bei Jinji Kagawa, der gelben Gefahr aus dem Land der aufgehenden Sonne, und der Japaner legt postwendend den Hebel auf Angriff um, schickt Mario Götze auf dem rechten Flügel auf die Reise. Bis weit in den gegnerischen Strafraum dringt er vor und schiebt klug das Leder an HSV-Torhüter Jaroslav Drobny vorbei an den langen Pfosten, wo bereits Kevin Großkreutz heranprescht. Der setzt dem bisher Gezeigten noch die Krone auf, denn er trifft eine Entscheidung, die man nur mit einem Wort beschreiben kann: genial.

Er hält nicht blindlinks aufs kurze Eck im Gottvertrauen, dass die Kugel schon irgendwie an dem Hamburger Abwehrspieler vorbei ins Tor trudeln wird. In der aktuellen Form vertraut der 22-Jährige nicht Gott sondern seinem Torjäger. Schiebt den Ball uneigennützig mit dem Außenrist zurück an den Rand des Fünfmeterraums, direkt zu Lucas Barrios, weil der einfach besser postiert ist und nur noch seinen Fuß hinhalten muss.

Selbst für einen eingefleischten HSV-Fan wie mich war es im Nachhinein eine Freude, den Ball so munter im Strafraum zirkulieren zu sehen, selbst wenn das auf Kosten meines Vereins ging. Nicht nur körperlich war das jugendliche Sturm-und-Drang-Team von Jürgen Klopp dem Gegner überlegen. Vor allem geistig schalteten sie den berüchtigten kleinen Moment schneller, der die Spitze vom Mittelmaß trennt.

Widerlegt sind Kritiker aus den Anfangsjahren des Fußballs, wonach die „Fußlümmelei“, wie der Stuttgarter Professor Karl Planck das Spiel an der Wende zum 20. Jahrhundert nannte, einen schädlichen Einfluss auf die Jugend habe. Andere Stimmen sprechen noch in den 30er Jahren von einem „blödsinnigen Herumgelaufe und Herumgetrete“, einem Spiel von „abstoßender Rohheit“, das zudem das Schuhwerk ruiniere. (Moritz, S.61).

Heute wissen wir, dass das Ballspiel die Jugendlichen eher fördert: Es kann Teamfähigkeit sowie motorische Begabungen ausbilden und verfeinern. Eine Aufwertung dieses Sports wird unter anderem durch den Begriff „Spielintelligenz“ ausgedrückt, eine Eigenschaft, die man Akteuren wie Lionel Messi, Mesut Özil oder eben dem Dortmunder Nuri Sahin zuspricht.

Erfolgreiche Teams haben ein geringes Durchschnittsalter. Dieser Trend trifft auf das DFB-Team ebenso zu wie auf die Top-Mannschaften der Bundesliga. Zu diesem Kreis zählen die wieder einmal zu zögerlichen und zu sehr auf Sicherheit bedachten Hamburgern momentan nicht. Ihnen wurde in der Partie gegen den Tabellenführer plastisch vorgeführt, wie erfrischend intelligenter Fußball sein kann, und wo die Grenzen des Rautenklubs in dieser Spielzeit liegen.

Gegen die dynamische Jugendbewegung aus Westfalen konnten die Hanseaten nur ihr Alibi-Talent Heung-Min-Son aufbieten, das zwar kurzzeitig ein frisches Lüftchen in den Angriff brachte, aber letztlich von dem gemächlichem Tempo seiner betagten Mannschaftskameraden ausgebremst wurde.

Armin Veh, der leidende HSV-Coach, kritisierte dann auch nicht das Alter, sondern die leidenschaftlose Vorstellung seiner Elf, sie habe kein Herz gezeigt. Wenn schon feine Poesie derzeit aufgrund der dünnen Personaldecke an der Alster nicht möglich ist, so sollten die teuren Kicker wenigstens die Ärmel hochkrempeln und einmal wieder richtig malochen: Grasfresserlyrik wäre angesagt.

Quelle: Rainer Moritz (Hg), „Vorne fallen die Tore.“ Fischer Verlag Frankfurt/Main 2006.

Oh Veh!

Armin Veh tritt an den Spielfeldrand und dirigiert von dort seine Spieler nach vorne. Wieder einmal hat sein HSV einen dummen Gegentreffer hinnehmen müssen und ist in Rückstand geraten. Kurz vor Schluss der regulären 90 Minuten drängt plötzlich die Zeit, die man vorher leichtsinnig vertändelt hat.

Eigentlich hatten sich die favorisierten Hamburger schon mit dem Unentschieden gegen den 1.FC Köln abgefunden. Momentan bäckt man ja an der Alster kleinere Brötchen. Man hat die Europa League verpasst und auch in dieser Saison den Kontakt zur Spitze schon verloren. Aber an eine Niederlage beim Tabellenletzten haben selbst die größten Pessimisten keinen Gedanken verschwendet. Nun heißt es, noch einmal die letzten Kräfte zu mobilisieren, auch wenn im Grunde der Glaube im Team fehlt, das Ruder noch einmal herumreißen zu können. Das spürt auch Armin Veh, weshalb seine nach vorne rudernden Armbewegungen nicht richtig motivierend wirken. Es beschleicht einen eher das Gefühl, als wolle sich hier jemand vor dem Ertrinken retten.

Der HSV-Coach sieht in dieser Situation ziemlich grimmig aus. Wie so oft, wenn seine Elf einen späten Gegentreffer hinnehmen muss, weil einer der hochbezahlten Elitekicker sich wieder einmal einen Schnitzer geleistet hat, den man günstigenfalls als Schuljungenstreich verbuchen kann. Im schwarzen Mantel mit grau meliertem Haar und dem blassen Gesicht erinnert der 49 jährige Augsburger an eine graue Eminenz, an Horst Frank in der Rolle als Baron, bevor er Timm Thaler das Lachen abgekauft hat. Niemand möchte mit Veh in diesem Moment tauschen.

In der vergangenen Pokalwoche hatte selbst der Stress resistente Trainer wohl ein paar graue Haare mehr bekommen. Erst wurde er von einem heimtückischen Grippevirus außer Gefecht gesetzt, dann servierte ihm sein Assistent Michael Oenning zusammen mit einer Kanne Kamillentee die Hiobsbotschaft von der Pokal-Schlappe gegen Frankfurt: Die gesamte Mannschaft hatte an taktischer Inkontinenz gelitten und sich in einem wirklich besorgniserregenden Zustand präsentiert.

Wen mag es da wundern, dass es den Patienten in dieser akuten Krise keine Sekunde länger in seinem Krankenbett hielt und er am 10. Spieltag gegen den 1. FC Köln wieder auf der Trainerbank saß? Dem Übungsleiter war deutlich anzusehen, dass immer noch feindliche Virenverbände an seinen Kräften zehrten. Die Krankheitserreger mussten auf ihn aber wie Heilmittel gewirkt haben im Vergleich zu der bitteren Pille, die ihm seine Mannschaft in Kölner Rhein-Energie-Stadion verabreichte.

Die Hamburger agierten so unaufgeräumt, als wollten sie Armin Veh noch an Ort und Stelle unter die Erde bringen. Im Spiel nach vorne herrschte Verstopfung infolge zuwenig Bewegung und nach hinten pfiff der Ball durch die Abwehrreihen wie bei einer klassischen Diarrhoe. Zu diesen Symptomen gesellte sich eine rätselhafte Vergesslichkeit, denn ein ums andere Mal ließ man den Kölner Stürmer Milivoje Novakovic aus den Augen, der sich höflich mit drei Treffern für den Freiraum bedankte.

Verschnupft nahm der Patient auf der Trainerbank der Hanseaten die Nachlässigkeiten zur Kenntnis und verwies auf die individuellen Qualitäten in seinem Team, die aber momentan nicht abgerufen würden. Es ist das alte Leiden bei den Rothosen: Anspruch und Wirklichkeit wollen sich einfach nicht decken. Das Argument der traditionell langen Verletztenliste als Grund für den ausbleibenden Erfolg greift zu kurz, da erstens auch andere Bundesligamannschaften ersatzgeschwächt sind und trotzdem ihre Punkte einfahren. Zweitens ist noch völlig offen, wie denn Armin Vehs Bestbesetzung aussehen würde. Die Rotation in seiner Amtszeit war bislang – freilich auch verletzungsbedingt – zu hoch, als dass sich eine Stammelf herauskristallisiert hätte.

Zwei Wochen zuvor gab es noch große Hoffnung bei den Nordlichtern. Nach dem Sieg gegen Mainz war Veh zu Gast in der Fußballrunde Doppelpass. Am darauffolgenden Samstag schoss er beim Aktuellen Sportstudio auf die Torwand. Jenseits des Spielfelds zeigt der Schwabe eine andere Facette seiner Persönlichkeit. Analysiert Situationen sachlich und ruhig, streut trockene, humorvolle Pointen in seine Rede. Das Karohemd steckt in der Bluejeans, auf ein Sakko verzichtet er. Wenn er nicht den Rautenklub coachen muss, wirkt der frühere VfB-Trainer viel jünger und ziemlich schelmisch: Aus dem finsteren Baron wird der Lausbub Timm Thaler.

Recht amüsiert nahm er beim Doppelpass einen ganz besonders gut gemeinten Tipp eines Journalisten entgegen. Angesichts des fortgeschrittenen Alters einiger Leistungsträger wie Zé Roberto, Ruud van Nistelrooy oder Frank Rost, solle Veh in dieser Saison den HSV auspressen wie eine Zitrone. Er solle noch einmal das Beste aus den betagten Akteuren herausholen und gleichzeitig an einem Umbau beziehungsweise einer Verjüngung des Teams arbeiten.

Der Trainerfuchs konnte sich ein zustimmendes, spitzbübisches Lächeln nicht verkneifen und mir wurde klar. Der Mann versteht mehr von Fußball als alle selbst ernannten Ratgeber zusammen, an denen ja beim HSV noch nie Mangel geherrscht hat. Er braucht nur Zeit, um eine Mannschaft zu formen, die seine Handschrift trägt. Und in der sich ein Abwehrspieler findet, der sich nicht zu fein ist, Novakovic zu decken. Dann wird der Fußballlehrer hoffentlich bald auch am Spielfeldrand der Imtech-Arena einigen Grund zum Lachen haben und sich wieder bester Gesundheit erfreuen.


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