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Über dem Strich

Noch im Oktober hatten viele den Hamburger Sportverein als hoffnungslosen Fall gesehen. „Dem HSV kann nur ein Zauberer helfen“, flunkerte Franz Beckenbauer weise. Leider wurde der Spruch nicht richtig ernst genommen, sonst hätte man eine versteckte Bewerbung heraushören können. Im deutschen Fußball gibt es schließlich nur einen Magier und der sagt nicht so unverständliches Zeug wie „abrakadabra“ sondern ganz klar: „Geht’s raus und spuit’s Fußball“.

Statt des Kaisers gibt nun Thorsten Fink den David Copperfield auf der Hamburger Trainerbank. Nach drei Unentschieden scharrte der Großteil der Presse schon mit den Hufen und wollte ein Ausbleiben des positiven Trainer-Effekts erkennen. Der neue Übungsleiter an der Alster verbreite mehr Optimismus als Qualität und würde die Spiele schönreden. Eine zählbare Leistungssteigerung sei nicht zu erkennen, stattdessen dümpele der Verein weiterhin auf den Abstiegsplätzen vor sich hin, usw., usw.

Mit dem Zweizunull gegen Hoffenheim lassen sich die kritischen Stimmen derzeit erst einmal besänftigen. Die Hanseaten setzen eine Serie in der aktuellen Spielzeit fort: Ihre bisherigen drei Siege gelangen jeweils gegen Teams aus Baden-Württemberg. Da die nun aufgebraucht sind – nur in der Regionalliga Süd gibt es noch mehr Vereine aus dem Mutterland der Maultaschen – kann man sich getrost darauf verlegen, gegen süddeutsche Mannschaften zu punkten: die Abstiegsschlager gegen Nürnberg, Mainz und Augsburg stehen noch an.

Das Plakat „Serienkiller HSV“ aus der Saison 10/11, das ein Fan im Spiel gegen Mainz hochhielt, kann endlich aus der Mottenkiste herausgeholt und stolz präsentiert werden. Vor gut einem Jahr hatte der Rautenklub den Durchmarsch der zuvor furios aufspielenden Rheinhessen gestoppt. Gegen Hoffenheim wurde die Lawine der eigenen negativen Ergebnisse aufgehalten. Der HSV gewinnt neuerdings wieder zuhause – und das ohne Gegentor, aber mit Thorsten Fink. Selbst Zitterhändchen Jaroslav Drobny hat die Ruhe im Hamburger Kasten gefunden. Endlich steht man „über dem Strich“, wie der smarte Übungsleiter feststellte. Mit diesem wichtigen Sieg übersprangen die Hamburger die Abstiegsplätze und landeten im Mittelfeld der Tabelle.

Damals wie heute war es ein Tor von Paolo Guerrero, das die Wende herbeiführte. Er hatte sich unbeirrt vom Gegenverkehr der gegnerischen Abwehrreihen durchgesetzt. Im Gegensatz zu seinem Auffahrunfall in Peru einige Tage zuvor stellte sich ihm dieses Mal aber kein Taxi in den Weg. Ein Taxi auf dem Fußballplatz – das wäre dann doch zuviel des Hokuspokus gewesen.

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Ein echter Picasso

Das Talent für die Bildenden Künste ist mir wahrlich nicht in die Wiege gelegt worden. Im Kunstunterricht in der Schule waren Pinsel, Tuschefeder oder Speckstein für mich immer so etwas wie natürliche Feinde. Egal, ob ich ein Pferd, einen Hund oder einen Elefanten malen musste – der Rumpf der Tiere sah immer aus wie der Kühlschrank bei uns zuhause, nur mit Ohren, einem Rüssel oder einer Schnauze dran.

Heute würden verständnisvolle Lehrer in den kastenförmigen Wesen wohl meinen Hang zum Kubismus und Konstruktivismus erkennen und mich in meinem eigenwilligen Stil bestärken. Damals jedoch versicherten die Pädagogen meinen Eltern, dass ich sehr wohl Fantasie besäße. Die Ideen in meinem Kopf – oder wo immer sie sich in meinem Körper versteckten – würden aber nicht den Weg zu meiner Hand finden.

Meine Mutter nannte das Kind beim Namen: „Der Micha kann halt nicht zeichnen.“ Dieser Satz steht, glaube ich, bis heute für sie als unerschütterliches Credo fest und ersparte meinen Erziehungsberechtigten eine künstlerische Frühförderung ihres Sohnes. Eine Lese- und Rechtschreibschwäche, auch ein Defizit in Mathematik und räumlichem Denken sind in großen Bevölkerungsteilen bekannt. Erzieher und Psychologen werden eigens auf diese Handicaps hin geschult und stimmen ihre Methoden individuell darauf ab. Doch wenn ein Jugendlicher auf dem künstlerischen Stand eines Fünfjährigen verharrt, wird das allgemein als verzeihliches Manko akzeptiert. Denn Kunst ist ja „eh nicht so wichtig“.

Manchmal versteige ich mich noch heute dazu, eine Skizze zur grafischen Visualisierung an die Tafel zu bringen. Nur bin ich mittlerweile kein Schüler mehr sondern Lehrer. Davon  haben meine Zeichenfähigkeiten leider noch nichts mitbekommen. Meist merke ich schon nach den ersten schiefen Strichen, dass das Ergebnis wohl nicht ganz meinen Vorstellungen entsprechen wird. Ich lese ungläubige Blicke in den Gesichtern meiner Schüler und auch mir wird bald schleierhaft, was das an der Tafel eigentlich soll. Es sieht immer verdächtig aus wie … richtig: ein Kühlschrank.

Wenn ich mein Krikelkrakel dann mit dem Wort „Picasso!“  und einem unbeholfenen Lächeln schließe, ist ein Lacher der Klasse garantiert.

artnet.de

Ich weiß nicht, wie es um die Malkünste von Franz Beckenbauer bestellt ist. Als Motiv machte er jedenfalls eine ausgesprochen gute Figur. Das beweist nicht zuletzt das Pop-Art-Porträt von Andy Warhol aus der Zeit bei Cosmos New York. Unweigerlich fühlt man sich an die bunten, seriellen Drucke von Marilyn Monroe oder Liz Taylor erinnert – und an den Mördertitel des Aufsatzes von Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit.

Die deutsche Fußball-Lichtgestalt bemüht aber nicht den Chef der Factory, wenn es darum geht, Unerklärlichem einen Namen zu geben. Nein, für den Kaiser ist der wohl wichtigste Maler der Moderne als Referenz gerade gut genug. „Das ist ein Picasso.“, kommentierte Beckenbauer lakonisch eine Grafik der Passwege des FC Barcelona aus dem Champions League Halbfinale gegen Real Madrid. Besonders markant war die Verdichtung der sich kreuzenden Geraden in der gegnerischen Hälfte, gut zwanzig Meter hinter der Mittellinie. Das Passnetz erschien dort so engmaschig, dass es zu einem großen Punkt verschmolzen war.

Das Schaubild deckt sich mit den Beobachtungen von Klaus Theweleit in seinem Buch „Tor zur Welt“. In Anlehnung an Christoph Biermann schreibt er, dass beim modernen Kurzpassspiel auf dem Feld Linien entstehen, die ein dichtes Netz oder Geflecht ergeben. Die geometrischen Formen der langen Flugbälle der 70er Jahre aus der Ära von Wolfgang Overath und Johan Cruyff – Rechtecke, Tangenten (oder in meinem Fall: Kühlschränke) – seien passé. Auf den Verzweigungen des Netzes würde heute der Ball wie eine Perle an einer Schnur „nach vorne geschummelt“ oder „gerastert“.

Im Knotenpunkt, also der extremsten Verdichtung des Netzes, liegt das Herzstück der katalanischen Ballstafetten. An diesem Ort pulsiert das Dreieck Xavi – Iniesta – Messi besonders lebhaft und spinnt die verhängnisvollen Fäden, die den Ball schlussendlich ins Tor tragen. Wer diesen Knoten zu zerschlagen vermag, wird nicht nur die Blaugrana beherrschen, sondern auch die Furia Roja, die spanische Nationalmannschaft.

Das gelang weder Manchester United im Champions League Endspiel noch der DFB-Elf im Halbfinale der WM in Südafrika. Beide Teams wurden in die Abwehr eingeschnürt, sodass sie kaum noch Entlastung schaffen konnten.

„Ich konnte schon früh zeichnen wie Raffael, aber ich habe ein Leben lang dazu gebraucht, wieder zeichnen zu lernen wie ein Kind.“, hat das Genie Pablo Picasso einmal gesagt.

Vielleicht erfordert es neben all der Taktik, Technik und Rationalisierung des Spiels einen kleinen, aber feinen Schuss an Intuition als Gegenmittel gegen das allmächtige One-Touch-Spiel der Spanier. Das Beckenbauersche „Geht raus und spielt Fußball“ kann in diesem Sinne zum deutschen Mantra werden gegen eine Verwissenschaftlichung des beliebten Sports. Einfache Bälle und die Form eines Kühlschranks müssen nicht zwangsläufig auf ein Handicap hinweisen.

Die Neuen

Letzte Woche stockte mir kurz der Atem. Auf kicker online las ich „Mega Deal des HSV.“ Ich dachte schon, Rafael van der Vaart kommt endlich wieder vom Bankdrücken aus Madrid zurück. Oder Khalid Boulahrouz boxt sich vom Neckar bis zur Alster durch. Nein, die Hamburger verpflichteten den wichtigsten Spieler der WM 2009: Igor Vori. – Igor Vori? WM 2009? Ich begriff langsam, dass es hier nicht um Fußball sondern um Handball ging. Denn nur die überaus erfolgreichen Handballer sind beim HSV derzeit in der Lage, Mega Deals zu stemmen.

Solche Coups gibt’s bei den Fußballern schon lange nicht mehr. Die letzte wirklich Aufsehen erregende Verpflichtung war die von Franz Beckenbauer 1980, damals zweifellos ein Schlag ins Gesicht für den FC Bayern. Aber wer – außer einer mittelgroßen Elefantenherde – kann sich daran noch zurückerinnern?

Diese Saison gibt es drei Neuzugänge: Zé Roberto von Bayern, der Bielefelder Robert Tesche und Eljero Elia von Twente Enschede, dem Verein, der in der letzten Uefa-Cup-Saison zwei gratis Lehrstunden von den Rothosen erhielt. Die Neuen sind ordentliche Verstärkungen, eine gute Mischung aus Jung und Alt, Dynamik und Technik, aber sie hauen den erwartungsfrohen Fan nicht gerade vom Hocker.

Auf einen zentralen Spielgestalter im Stile van der Vaarts verzichtet man beim HSV auch in der neuen Spielzeit. Denn bei Trainer Labbadia ist das einzigartige 4-1-3-2 System der Star. Wenn das aber nicht richtig klappt, wird an dem kreativen Loch in der Mitte wahrscheinlich am meisten herumgemeckert – und an den Leistungsschwankungen von Piotr Trochowski. Vielleicht zwitscherte es darum von den Dächern, dass Michael Ballack nach Hamburg käme – eine vollkommen abstruse Meldung. Denn der HSV will ja nächste Saison einen Titel holen; Zweiter werden kann Ballack auch mit Chelsea.

Hoffentlich reicht der Kader diese Saison aus, um dieses Ziel zu verwirklichen. Ansonsten muss Igor Vori den Handball beiseite legen und die Fußballschuhe schnüren.


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