Posts Tagged 'Lehrer'

Ein echter Picasso

Das Talent für die Bildenden Künste ist mir wahrlich nicht in die Wiege gelegt worden. Im Kunstunterricht in der Schule waren Pinsel, Tuschefeder oder Speckstein für mich immer so etwas wie natürliche Feinde. Egal, ob ich ein Pferd, einen Hund oder einen Elefanten malen musste – der Rumpf der Tiere sah immer aus wie der Kühlschrank bei uns zuhause, nur mit Ohren, einem Rüssel oder einer Schnauze dran.

Heute würden verständnisvolle Lehrer in den kastenförmigen Wesen wohl meinen Hang zum Kubismus und Konstruktivismus erkennen und mich in meinem eigenwilligen Stil bestärken. Damals jedoch versicherten die Pädagogen meinen Eltern, dass ich sehr wohl Fantasie besäße. Die Ideen in meinem Kopf – oder wo immer sie sich in meinem Körper versteckten – würden aber nicht den Weg zu meiner Hand finden.

Meine Mutter nannte das Kind beim Namen: „Der Micha kann halt nicht zeichnen.“ Dieser Satz steht, glaube ich, bis heute für sie als unerschütterliches Credo fest und ersparte meinen Erziehungsberechtigten eine künstlerische Frühförderung ihres Sohnes. Eine Lese- und Rechtschreibschwäche, auch ein Defizit in Mathematik und räumlichem Denken sind in großen Bevölkerungsteilen bekannt. Erzieher und Psychologen werden eigens auf diese Handicaps hin geschult und stimmen ihre Methoden individuell darauf ab. Doch wenn ein Jugendlicher auf dem künstlerischen Stand eines Fünfjährigen verharrt, wird das allgemein als verzeihliches Manko akzeptiert. Denn Kunst ist ja „eh nicht so wichtig“.

Manchmal versteige ich mich noch heute dazu, eine Skizze zur grafischen Visualisierung an die Tafel zu bringen. Nur bin ich mittlerweile kein Schüler mehr sondern Lehrer. Davon  haben meine Zeichenfähigkeiten leider noch nichts mitbekommen. Meist merke ich schon nach den ersten schiefen Strichen, dass das Ergebnis wohl nicht ganz meinen Vorstellungen entsprechen wird. Ich lese ungläubige Blicke in den Gesichtern meiner Schüler und auch mir wird bald schleierhaft, was das an der Tafel eigentlich soll. Es sieht immer verdächtig aus wie … richtig: ein Kühlschrank.

Wenn ich mein Krikelkrakel dann mit dem Wort „Picasso!“  und einem unbeholfenen Lächeln schließe, ist ein Lacher der Klasse garantiert.

artnet.de

Ich weiß nicht, wie es um die Malkünste von Franz Beckenbauer bestellt ist. Als Motiv machte er jedenfalls eine ausgesprochen gute Figur. Das beweist nicht zuletzt das Pop-Art-Porträt von Andy Warhol aus der Zeit bei Cosmos New York. Unweigerlich fühlt man sich an die bunten, seriellen Drucke von Marilyn Monroe oder Liz Taylor erinnert – und an den Mördertitel des Aufsatzes von Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit.

Die deutsche Fußball-Lichtgestalt bemüht aber nicht den Chef der Factory, wenn es darum geht, Unerklärlichem einen Namen zu geben. Nein, für den Kaiser ist der wohl wichtigste Maler der Moderne als Referenz gerade gut genug. „Das ist ein Picasso.“, kommentierte Beckenbauer lakonisch eine Grafik der Passwege des FC Barcelona aus dem Champions League Halbfinale gegen Real Madrid. Besonders markant war die Verdichtung der sich kreuzenden Geraden in der gegnerischen Hälfte, gut zwanzig Meter hinter der Mittellinie. Das Passnetz erschien dort so engmaschig, dass es zu einem großen Punkt verschmolzen war.

Das Schaubild deckt sich mit den Beobachtungen von Klaus Theweleit in seinem Buch „Tor zur Welt“. In Anlehnung an Christoph Biermann schreibt er, dass beim modernen Kurzpassspiel auf dem Feld Linien entstehen, die ein dichtes Netz oder Geflecht ergeben. Die geometrischen Formen der langen Flugbälle der 70er Jahre aus der Ära von Wolfgang Overath und Johan Cruyff – Rechtecke, Tangenten (oder in meinem Fall: Kühlschränke) – seien passé. Auf den Verzweigungen des Netzes würde heute der Ball wie eine Perle an einer Schnur „nach vorne geschummelt“ oder „gerastert“.

Im Knotenpunkt, also der extremsten Verdichtung des Netzes, liegt das Herzstück der katalanischen Ballstafetten. An diesem Ort pulsiert das Dreieck Xavi – Iniesta – Messi besonders lebhaft und spinnt die verhängnisvollen Fäden, die den Ball schlussendlich ins Tor tragen. Wer diesen Knoten zu zerschlagen vermag, wird nicht nur die Blaugrana beherrschen, sondern auch die Furia Roja, die spanische Nationalmannschaft.

Das gelang weder Manchester United im Champions League Endspiel noch der DFB-Elf im Halbfinale der WM in Südafrika. Beide Teams wurden in die Abwehr eingeschnürt, sodass sie kaum noch Entlastung schaffen konnten.

„Ich konnte schon früh zeichnen wie Raffael, aber ich habe ein Leben lang dazu gebraucht, wieder zeichnen zu lernen wie ein Kind.“, hat das Genie Pablo Picasso einmal gesagt.

Vielleicht erfordert es neben all der Taktik, Technik und Rationalisierung des Spiels einen kleinen, aber feinen Schuss an Intuition als Gegenmittel gegen das allmächtige One-Touch-Spiel der Spanier. Das Beckenbauersche „Geht raus und spielt Fußball“ kann in diesem Sinne zum deutschen Mantra werden gegen eine Verwissenschaftlichung des beliebten Sports. Einfache Bälle und die Form eines Kühlschranks müssen nicht zwangsläufig auf ein Handicap hinweisen.

Advertisements

Von Adolf lernen

dsc001381Bei den Bayern wollen sie jetzt einen Fußball-Lehrer, hat Uli Hoeneß letzte Woche gesagt. Man hat also  genug von ambitionierten Projektleitern, von Buddha-Statuen und Bibliotheken für Fußballer. Auch Karl-Heinz Rummenigge, der noch vor 1 1/2 Jahren dem früheren Mathe-Lehrer Ottmar Hitzfeld erklärte, Fußball sei keine Mathematik, zieht mit Uli an einer Reißleine und will für Bayern einen erfahrenen Pauker.

Die derzeitige Vertretungskraft ist ein alter Bekannter: Jupp Heynckes, von 1987-91 Leiter der Klasse FCB, erreichte mit ihr zweimal das Klassenziel deutsche Meisterschaft und kam international dreimal wenigstens bis ins Halbfinale des Landesmeistercups – heute für München unvorstellbar. Wie vor 20 Jahren steht Heynckes mit Shorts und leicht gerötetem Kopf auf dem Trainingsplatz. Lässt seine Spieler laufen, gibt den Stars Franck Ribéry und Luca Toni Anweisungen. Bei dem können die Bayern-Spieler noch was lernen, sagen die Verantwortlichen. Und dann kommt Louis van Gaal, der ist mit Alkmaar in den Niederlanden Meister geworden, der kann was.

Ich weiß ja nicht, ich muss an meinen Sportlehrer denken. Er hieß mit Vornamen Adolf und sagte immer Sätze wie „Auf geht’s Männer“ oder „Das ist Befehls- äh… Leistungsverweigerung“. Er stammt aus einer Zeit, in der tolle Sportler noch „Sportskanonen“ und starke Schüsse aufs Tor „Granaten“ genannt wurden. Ich frage mich, was ich eigentlich bei ihm gelernt habe und mir fällt  eine Szene ein.

Wie in jeder Klasse hatten auch wir einen sportlich vollkommen unbegabten Mitschüler, der noch im Alter von 15 Jahren den Körper eines Achtjährigen hatte – nur eben länger. Damit sah er so ungelenk wie eine Giraffe aus und  hätte eigentlich vom Sportunterricht befreit werden müssen. Trotzdem mühte sich „Giraffe“ so gut es ging – ohne den geringsten Erfolg: Beim Fußballspiel war er derjenige, der die Fehlpässe machte oder den Ball nicht traf. Man stellte ihn am besten in den Sturm, da war er für die eigene Mannschaft am ungefährlichsten, leider auch für die gegnerische.  Beim Bockspringen konnte er dem Team nicht schaden, sondern nur sich selbst: Es war klar, dass er immer wieder zu kurz springen und „voll auf die Eier“ fallen würde. Dann kam das Kugelstoßen und wir fürchteten, die schwere Eisenkugel würde dem Fliegengewicht irgendwann auf die Füße oder ein anderes Körperteil fallen. Doch glücklicherweise passierte nie etwas. Insgesamt war der Sportunterricht eine ziemlich trostlose Veranstaltung für den Mitschüler.

Irgendwann in Leichtathletik, ich weiß nicht mehr, ob beim Weit- oder Hochsprung, versemmelte „Giraffe“ seinen Sprung und wir kommentierten das hämisch – nichts Neues also. Da brach es aus Adolf plötzlich heraus, er sagte solche Sachen wie, dass wir unseren Mitschüler respektieren und nicht fertig machen sollen, dass er sein bestes gebe und wo bleibe denn überhaupt unsere Kollegialität und Fairness. Irgendwie erinnerte der Ton an Trapattonis Wutrede, nur in gutem Deutsch und ohne Struuunz! Aber auch hier wusste man nicht recht, was er denn wirklich beklagte: die Tatsache, dass wir unkollegial waren oder dass gerade er der Sportlehrer dieser absoluten „Sportsniete“ sein musste.

Unser Mitschüler versemmelte natürlich auch seinen nächsten Sprung. Diesmal aber nahmen wir uns die Moralpredigt unseres Lehrers zu Herzen und respektierten „Giraffe“. Wir hatten gelernt: Lautstark beklatschten wir seinen Fehlversuch.


Sozial

Beliebteste Artikel

Archiv

Hartplatzhelden unterstützen