Posts Tagged 'Weserlinge'

Zehn gewinnt – Das Lesebuch „Vorne fallen die Tore“ von Rainer Moritz

Das Spiel elf gegen zehn nach einem Platzverweis hat seine eigenen, bisweilen paradoxen Gesetze. Eines davon besagt, dass ein Team in Unterzahl unberechenbar und keineswegs besiegt ist; manchmal agiert die dezimierte Mannschaft sogar wie in einem Rausch. Jeder Spieler läuft noch ein paar Schritte mehr als vorher, ist deshalb den entscheidenden Tick schneller am Ball und passt diesen postwendend zum nächsten freien Mitspieler. Die Kombinationen laufen plötzlich wie am Schnürchen, man führt den Gegner vor, der zu elft gehemmt wirkt und ein ums andere Mal ins Leere rutscht. Nicht selten bedeutet der vermeintliche Vorteil für die vollzählige Mannschaft eine Last. Diese wird sogar größer, wenn der Kontrahent zu zehnt ein Tor erzielt – wie im letzten Hinrundenspiel des HSV gegen die Weserlinge geschehen. Gut 60 Minuten lang wehrten sich die Hamburger erfolgreich gegen zahlenmäßig überlegene Bremer. Und am Ende fragte man sich an der Weser konsterniert, warum man um alles in der Welt verloren hat.

Rainer Moritz gibt in seinem Lesebuch Vorne fallen die Tore darauf eine Antwort. Die Zahl „elf“ ist nach Aussage von Brauchtumsforschern im christlichen Verständnis ein Sinnbild für die Sünde des Menschen, denn sie übersteigt die Zehn, die seit dem Dekalog als heilig gilt. Die Fußballelf sei also nichts anderes als die Personifikation der Übertretung göttlicher Gebote, eine karnevaleske „verkehrte Welt“. Wird ein Team um einen Spieler dezimiert, ist die heilige Ordnung wieder hergestellt und man kann mit Unterstützung der Fußballgötter endlich befreit aufspielen. Nachträglich müsste der HSV also Marko Marin danken, dass er sich wie ein verschwitztes Handtuch hat auf den Boden fallen lassen, und so die rote Karte für Jerome Boateng provozierte. Damit hatten die Rothosen den Sieg in der Tasche.

Außer Zahlenmystik finden sich in dem unterhaltsamen Buch Porträts von Spielerlegenden: Gewürdigt werden unter anderem der Österreicher Mathias Sindelar, den man wegen seines feingliedrigen Körperbaus „den Papierenen“ nannte, und der Brasilianer Garrincha – er war als Kind sehr schmächtig, litt an Kinderlähmung und wurde dennoch ein begnadeter Rechtsaußen. Auch allerlei Kurioses hat der Autor zusammengetragen: Zum Beispiel die Anekdote von einem Schiedsrichter, dem in einem Spiel gleich drei Uhren kaputt gegangen sind, nichtsdestotrotz hat er die Partie rechtzeitig abpfeifen können. Oder das eigentümliche Essverhalten des Blonden Engels Bernd Schuster: Er verdrückte vor und nach dem Spiel immer seine Lieblingsmahlzeit: Gurkensalat nach Art von Mutti.

Rainer Moritz (Hg), „Vorne fallen die Tore.“ Fischer Verlag Frankfurt/Main 2006.

Finale auf Sibirisch

So macht Winterfußball Spaß. Im Stadion Gefriertruhenkälte, der Schnee liegt wie gefrorener Zuckerguss auf dem Spielfeld, so dass sich die Spieler wie auf einem vereisten See bewegen. Ihr Atem dampft, die Kälte beansprucht die Lunge. Handschuhe und Rollkragenpulli wärmen so gut es geht. Doch die Nasen, Wangen und Ohren sind rot wie der Ball. Fremd sieht das Spielgerät im Schneegestöber aus und es verhält sich auch so: springt tückisch hin und her und ist nur schwer zu kontrollieren. Zum Glück ist die Fernbedienung zuhause im warmen Wohnzimmer berechenbarer. Selten rutscht sie mir aus der Hand. Ja, es ist wirklich schön, sein Team in den heimischen vier Wänden gewinnen zu sehen.

Der letzte Spieltag der Hinrunde zeigte wieder einmal, dass Fußball im Winter einen besonderen Reiz hat. Denn während Deutschland am Wochenende in winterlicher Kälte bibberte, wurde in der Bundesliga noch der Herbstmeister ausgespielt. In einem spannenden Finale zeigte Leverkusen beim Sieg gegen starke Gladbacher ungewöhnlich viel Biss beim Abschütteln seines Zweitnamens Vizekusen: Glückwunsch zur Herbstmeisterschaft! Und auch die folgenden vier Teams in der Tabelle haben eiskalt zugeschlagen. Herrlich wie der HSV im Derby die Grünen Weserlinge schockgefrostet und damit die Papierkugel Gottes ein für allemal pulverisiert hat. Nehmen Sie das, Herr Wiese, und grüßen Sie recht herzlich Ihr Stamm-Solarium, wenn Sie sich wieder auftauen lassen.

Die Liga macht nun einen Monat lang Winterpause. Zeit zum Erholen für Hamburgs Langzeit-Invaliden Alex Silva, Collin Benjamin, Paolo Guerrero und Zé Roberto. Aber wenn diese Leistungsträger erst einmal wieder fit sind, dann sollten sich die ersten Gegner im nächsten Jahr – Freiburg, Dortmund und Wolfsburg – jetzt schon richtig warm anziehen.


Sozial

Beliebteste Artikel

Archiv

Hartplatzhelden unterstützen