Posts Tagged 'Troja'

Vamos a la playa

Deutschland friert momentan fest. Am Wochenende ging es nicht nur darum, Schneesturm „Daisy“ zu überstehen, sondern auch Roland Emmerichs Katastrophenfilm „The day after tomorrow“. Ganz andere Sorgen plagten unsere Bundesligastars: Sonnenbrand und Sand in Badehosen und Adiletten. Denn mit Ausnahme von Leverkusen, Hoffenheim, Bochum und Hannover, die tapfer zuhause im ewigen Eis probten, verschlug es die Mannschaften zum Winter-Trainingslager in südliche Gefilde.

Bayern München und die Weserlinge jetteten nach Dubai, wo sie im Treppenhaus des Burj Tower erstmal Kondition bolzen konnten: Einmal die 11.300 Stufen hoch und runter stählt die Oberschenkel- und Gesäßmuskulatur. Ein hartes Ausdauertraining ließ sicherlich auch Felix „Quälix“ Magath seine Schalker Jungs absolvieren. Als Belohnung genossen die Königsblauen an der spanischen Costa de la Luz die obligatorische Paella mit pappsüßem Sangria – selbstverständlich all inclusive. Gleich um die Ecke feierte die Berliner Hertha ihre schwer erkämpften 6 Punkte der Hinrunde und den letzten Tabellenplatz in einem 5-Sterne-Ressort auf Malle.

Der HSV trainierte, wie auch andere Bundesligateams, in Belek an der türkischen Riviera – einer Trabantenstadt unweit der Touristenmagnete Antalya und Alanya. In dem Ort gibt es einen Freizeit- und Vergnügungspark. Er heißt Troy Aquapark; und das obwohl sich das legendäre Troja dem Archäologen Heinrich Schliemann zufolge im Nordwesten des Landes befindet. Diese Touristenattraktion ist wie das sagenhafte hölzerne Pferd ein riesiger, aber effektiver Schwindel. Vielleicht lässt sich Bruno Labbadia von den Alten Griechen inspirieren und wendet in der Rückrunde genauso gute Tricks an wie der listenreiche Odysseus oder wie die Marketingspezialisten aus Belek. Führen die Strategien dann zum lang ersehnten Titel, wird man Labbadia in Hamburg mindestens zum Halbgott machen.

Advertisements

Der feine Unterschied – Gunter Gebauers Buch „Poetik des Fußballs“

DSC00188Die einen nennen sie „Spiele auf hohem taktischen Niveau“, für die anderen sind es einfach nur „Schweinespiele“. Gemeint sind Begegnungen, in denen beide Mannschaften gleichstark sind. Hier wird erbittert um jeden Zentimeter Rasenfläche gekämpft, der Ball wandert wie beim Tennis von der einen auf die andere Seite, ohne dass etwas Nennenswertes passiert, denn die Kontrahenten heben sich in ihren Wirkungen gegenseitig auf, sie neutralisieren sich. Oft gehen diese zähen Begegnungen unentschieden aus, manchmal rumpelt sich aber doch ein Team zum Sieg. Nach dem Spiel wird dann die Frage heftig diskutiert: Woran lag’s? Was hat am Ende den Unterschied ausgemacht?

Gunter Gebauer, Professor für Philosophie und Sportsoziologie an der FU Berlin, hat in seinem Buch „Poetik des Fußballs“ auf diese Frage eine kluge Antwort. Wenn sich zwei gleich starke Mannschaften gegenüberstehen, komme die „metis“ zum Tragen, eine antike Vorstellung. Diese besagt, dass es nicht nur auf die Qualität des Spiels ankomme, sondern auch auf die List, mit der die Regeln „umgebogen, unterlaufen, umdefiniert und zu den eigenen Gunsten genutzt wird.“ Am Ende siegt nicht der Bessere sondern der Cleverere, Schweinespiele werden von Schweinen gewonnen. In dieselbe Richtung geht auch Lukas Podolskis von der Deutschen Akademie für Fußballkultur gekürter Spruch: „So ist Fußball. Manchmal gewinnt der Bessere.“

Die „metis“ geht auf den zehnjährigen Krieg von Troja gegen Griechenland zurück, auch ein zähes „Schweinespiel“, das Odysseus durch seinen listigen Geniestreich des überdimensionalen Pferdes für Griechenland entschied. Allerdings musste er später für diesen Regelverstoß büßen und zehn Jahre über die Meere irren, bis er wieder zurück nach Hause durfte. Der listigste Regelverstoß der Fußballgeschichte ist Diego Maradonas Tor im Viertelfinale der WM 1986 gegen England, das durch „die Hand Gottes“ erzielt wurde. Am Ende gewann Argentinien die Weltmeisterschaft. Doch von da an glich Maradonas Leben einer unruhigen Odyssee. Bis heute ist er nicht in ruhige Gewässer heimgekehrt, auch als Trainer bei der argentinischen Nationalmannschaft bekommt er ordentlich Gegenwind, da die Ergebnisse durchwachsen sind.

Neben dem ständigen Ausbeulen und Aushöhlen der Regeln macht meiner Ansicht nach auch die „hybris“ der genialen Spieler den feinen Unterschied. „hybris“ ist ein Herausfordern des Schicksals und der Götter, eine Provokation. Zinedine Zidane zum Beispiel erzielte im Finale der WM 2006 gegen Italien das Einszunull nicht durch einen konventionellen Strafstoß. Er schoss nicht halbhoch in die Ecke oder in die Mitte, nachdem er den Torwart verladen hatte. Nein, er setzte den Ball an die Unterkante der Latte, wovon er hinter die Linie und zurück ins Spielfeld sprang. Günther Netzer zeigte seine Dominanz und die der deutschen Mannschaft im sagenhaften Spiel im Viertelfinale der EM 1972 gegen England in Wembley auf andere Weise. Immer wieder startete er Sololäufe durch die Mitte an zwei, drei englischen Spielern vorbei, so aufreizend, dass es auch dem biederen TV-Kommentator zu viel wurde: „Jetzt müsste Netzer doch mal abspielen…“. Gipfel der Provokationen war der sehr glücklich verwandelte Elfmeter zum Zweizueins: ein Billard-Tor, das Torhüter Gordon Banks an den Innenpfosten lenkte, wovon der Ball an den Kopf des Keepers und dann über die Linie sprang. Das letzte provokative Tor war Grafites Hackentrick aus der letzten Saison zum Fünfeins für Wolfsburg gegen den FC Bayern. Der spätere Torschützenkönig ließ dabei die gesamte Hintermannschaft des Rekordmeisters wie ein Schülerteam aussehen.

Gunter Gebauer, „Poetik des Fußballs“. Campus Verlag Frankfurt/Main, New York 2006.


Sozial

Beliebteste Artikel

Archiv

Hartplatzhelden unterstützen
Advertisements