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Ene meene muh, und raus bist du!

Nürnberg, wir kommen. Eure Bratwürste, Lebkuchen und Albrecht-Dürer-Bilder sind bereits mit Nadeln durchstochen. Auch ein Altar ist aufgebaut: Auf ihm befinden sich zahlreiche Utensilien, die die Fußballgötter gnädig stimmen und die bösen Geister vertreiben sollen: das Ticket des letzten HSV-Sieges in der Liga, ein Hühnerfuß mit schwarz-blau-weiß bemalten Krallen, die Richtung Hamburg zeigen und zu guter letzt die Asche der ominösen Papierkugel in einem Aschenbecher mit Vereinslogo.
Dieser Voodoo-Zauber mag für den aufgeklärten Europäer zwar verschroben wirken; mir kann er aber momentan nicht stark genug sein, um die Unglücksserie der Hanseaten zu beenden. Vertrauter mit diesen Praktiken ist man ja in Schwarzafrika, wie Thilo Thielke in einem Kapitel seines Buchs Traumfußball – Geschichten aus Afrika anschaulich beschreibt. Da wird das Spielfeld mancherorts durch Pinkelrituale oder mit Tinkturen von Eidotter und Kokosnussschalen präpariert. Besonderes Interesse gilt dabei natürlich dem Torraum. Einige Torhüter verlassen sich weniger auf die eigenen Fähigkeiten oder die ihrer Abwehrspieler. Deshalb „vernageln“ sie ihren Kasten durch verwunschene Torwarthandschuhe, die im Netz baumeln und zu „magic hands“ werden. Oder sie bestreichen Pfosten und Torlinie mit geheimen Pulvern, damit sich das Gehäuse zusammenzieht und verkleinert, wenn der Ball angeflattert kommt.

Auch in Deutschland gehört der Aberglaube zum Fußball. Hier erleichtern sich die Fans zwar nicht auf den Rasen, versuchen aber ebenfalls durch Pinkelrituale das Spiel zu beeinflussen, indem sie zum mannschaftsdienlichen Urinieren gehen. Denn bekanntlich fallen die Tore gerade dann, wenn man mal austreten ist.

Und die Fußballer? Manche betreten das Spielfeld immer nur mit dem rechten Fuß zuerst. Andere werden vor dem Spiel zum Mönch und verzichten auf Sex oder schicken kurz vor Anpfiff noch schnell ein Stoßgebet gen Himmel. Wieder andere rasieren sich während einer Siegesserie nicht, auch wenn sie dann wie der schrullige Zauberer Catweazle aus der gleichnamigen britischen Fernsehserie aussehen.

Mein persönlicher Aberglaube verbietet mir mittlerweile, zum Fußballgucken in meine HSV-Stammkneipe zu gehen. Denn immer wenn ich dort war, spielten die Hamburger so schlecht, dass ich kaum hinschauen konnte: das letzte Mal gegen Hannover. Auch die Bundesliga-Konferenz im Radio brachte mir kein Glück und bleibt deswegen in Zukunft stumm. Vom Debakel gegen Gladbach und den „Dante!“-Rufen des Kommentators habe ich immer noch ein schreckliches Ohrensausen. Gleiches gilt für den Live-Ticker im Internet, der sich für mich nach dem Bochum Spiel ausgetickert hat. Selbst der Videotext textet seit den Kuranyi-Festspielen und dem Dreizudrei gegen Schalke kein verdammtes Unentschieden mehr. Kneipen-TV, Radio, Internet und Videotext – das alles boykottiere ich, da sie schon sieben Spiele lang im Grunde nur eins aussenden: Unglücksbotschaften für den HSV.

Gut, wenn es den Hamburgern hilft, opfere ich mich und verfolge die Spiele nicht mehr live. Stattdessen widme ich mich in dieser Zeit irgendwelchen Ersatzhandlungen, die bloß nichts mit Fußball zu tun haben, wie Handtücher bügeln, Sellerieschnitzel braten oder mit dem Hund Gassi gehen. Ich achte dann auch pedantisch darauf, dass der Hund mit der rechten Vorderpfote zuerst den Hof betritt.

Und der HSV sollte vielleicht die abergläubische Atmosphäre im Fußball zukünftig mitberücksichtigen und naturreligiöse Riten in seine Spielphilosophie integrieren. Dann könnte schon in der nächsten Saison auf dem Mannschaftsfoto neben dem Leistungsdiagnostiker und dem Osteopathen auch ein Voodoo-Priester stehen.


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