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Verloren in Berlin

In Berlin begegnet man – vor allem in den Seitenstraßen – allerlei Ausrangiertem. Am Wegesrand stehen große Röhrenfernseher und schwere Computer-Monitore, die wohl von leichten Flachbildschirmen verdrängt wurden. Die ausladenden Rückseiten sind nicht selten aufgeschraubt und geben das Innere der Geräte preis, manchmal wirken sie dann wie ein offen stehender Mund, der sich niemals schließt oder wie ein ausgeweideter Tierkadaver.
An anderen Tagen flankieren verratzte Sofas, abmontierte Kinderbetten, durchgelegene Matratzen und klapprige Bücherregale die Fußwege. Der Sperrmüll ist Teil des Kiezes wie die neu errichteten Parkuhren und die Gerüste an den Häusern.

Zu dem Ausgemusterten gesellt sich das Verlorene, immer wird hier etwas verloren. Oft sind es Babyschnuller oder Kinder-Stofftiere. Vor allem im Winter, wenn man dick eingepackt ist und sich wie ein Michelin-Männchen fühlt, bedeutet jeder Verlust auch eine Erleichterung. Einzelne Handschuhe und Wollmützen liegen herum, meist mitten auf dem Gehweg. Die Menschen hier hinterlassen unfreiwillig Spuren.

Die Essensreste auf dem Boden bemerkt meine gefräßige Terrier-Hündin immer zuerst. Wenn sie beim Gassigehen weit hinter mir zurückbleibt und mein Rufen ohne Reaktion in der Kälte verhallt, ahne ich schon, dass sie sich einmal mehr über einen angenagten Schawarma, eine Wurst oder ein Pizzastück hermacht. Sie weiß, dass sie das nicht darf, schuldbewusst und zugleich befriedigt leckt sie sich beim Zurückkommen die Schnauze. Der verfressene Teil in ihr ist offensichtlich stärker als der gehorsame.

Besonders berührt bin ich, wenn ich auf einzelne, herrenlose Schuhe stoße; sie machen mir immer ein mulmiges Gefühl. Ich male mir dann aus, dass mit dem Besitzer etwas ganz Schreckliches passiert sein muss, dass ich mich gar nicht genauer vorstellen mag. In diesem Winter habe ich schon ein kleines Stiefelchen mit einem rosa Kindermotiv im Schnee gesehen. Wie das Mädchen wohl seinen Schuh verloren hatte?

Als ich vergangene Woche mit meinem Hund die Morgenrunde drehte, traf ich auf eine ganz unheimliche Szene. Auf einer Parkbank war eine Jacke an die Lehne drapiert. Mit ausgebreiteten Ärmeln sah sie aus, als ob ein Unsichtbarer drinstecken und eine Rast einlegen würde. Das Kleidungsstück war schon etwas eingeschneit, hatte in dieser Position wohl übernachtet.

Just in dieser Zeit geisterte die Nachricht durch die Medien, dass HSV-Coach Armin Veh auf der Suche nach einer Glücksbringer-Jacke ist. Weder feiner Zwirn noch Sportkluft Marke „Stallgeruch“ hatten seinem Verein in der Hinrunde eine Siegesserie sichern können.
Am anderen Tag pilgerte ich wieder an den unheimlichen Ort, vielleicht könnte die Jacke Armin Veh als Talisman dienen. Ich wollte sie ihm schicken und meinen Teil dazu beitragen, dass mein strauchelnder Verein endlich wieder auf die Beine kommt.

Aber sie war mittlerweile verschwunden, natürlich. Neuschnee hatte ihren Platz eingenommen. Im wilden Zickzack umkreiste meine Terrier-Hündin die Bank auf der Suche nach etwas Essbarem, durchpflügte mit der Schnauze den tiefen Pulverschnee. Mir war klar: In dieser Hinrunde würden die Hamburger ohne Glücksbringer auskommen müssen.


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