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Lascher Beamer

Auch im letzten Spiel gegen den 1.FC Köln erwischte der HSV einen Blitzstart. Keine Bundesliga-Mannschaft trifft bekanntlich so oft in der ersten Viertelstunde wie die Hamburger. Doch noch bevor sich diese gewohnten Szenen abspielen konnten, gab es ein ungewohntes Problem im Keller der Köln-Stammkneipe „Schwalbe“, wohin mein Kumpel Marcel mich zum Fußballschauen eingeladen hatte. Die Spucke in der Pfeife von Schiedsrichter Michael Weiner war nach dem Anpfiff noch nicht getrocknet, da fiel das Bild plötzlich aus. Der Beamer sei überhitzt, entschuldigten sich die Tresenkräfte. Das sprach ja nicht unbedingt für die Belastbarkeit des Geräts, war doch gerade erst eine Minute absolviert.

Uns Fußballfans blieb in der spannenden Anfangsphase also nur der Ton der Sky-Berichterstattung, dem wir gebannt – vor der leeren, weißen Leinwand sitzend – lauschten: von wegen video killed the radiostar. Wir hörten, dass beim ersten Angriff der Hamburger auch Kölns Keeper Faryd Mondragon nicht ganz im Bilde war, was Marcell Jansen eiskalt ausnutzte: Tor für den HSV! Mein Jubel hallte durch den Keller und mischte sich mit dem „Jaaaa!!!“ eines weiteren Hamburg-Fans. Ansonsten herrschte Totenstille, die Domstädter waren erst mal bedient.

Kurz darauf war das Bild endlich zurück und mit ihm ein dramatisches Spiel, bei dem es gerechterweise keinen Sieger gab. Als die beiden Treffer von Pfeil-und-Bogenschütze Mladen Petric zum Zwei- und Dreizueins fielen, hatte der anfällige Beamer Gelegenheit, sich etwas abzukühlen. Dank der zeitweilig recht frostigen Stimmung bei den FC-Fans. Trotzdem muss man der Geißbock-Elf zugute halten, dass sie bis zum Schluss gekämpft hat und vor allem im Spiel nach vorne überzeugen konnte.
Nach dem Ausgleichstor von Adil Chihi zwei Minuten vor Schluss gab es in der „Schwalbe“ kein Halten mehr. Mitten im Jubel setzte der Projektor ein weiteres Mal aus. Doch diesmal war wohl Marcel der Übeltäter, wie er selbst mutmaßte. Anscheinend kann nicht nur Überhitzung einen Bildausfall verursachen, sondern auch rhythmisches Freudenklopfen gegen die Kellerdecke.
So bekam ich auch den ersehnten ersten Auftritt von Ruud van Nistelrooy für den HSV leider gar nicht mit. Viel konnte er sowieso nicht reißen, dafür kam seine Einwechslung zu spät. Nicht umsonst hat ein Spiel 90 Minuten; ich freue mich auf seinen ersten richtigen Einsatz.

Bis dahin sollten die Techniker beim HSV endlich ein Mittel gegen das Hauptproblem der Mannschaft gefunden haben: den obligatorischen Leistungsausfall ab der 65./70. Spielminute. Ansonsten ist die Labbadia-Elf zukünftig ebenso wenig ernst zu nehmen, wie ein Beamer, der nach einer Minute ausfällt. Diesen wird man ganz sicher nicht für die großen Spiele in der Champions League einsetzen.

Lauter Schwalbenkönige

Vielleicht lag es an dem dunklen Keller, den harten Holzstühlen und Bierbänken, die um das helle Licht der Leinwand platziert waren. An dem Gestank von Zigaretten, Bier und Schweiß, der in der stickigen Luft fest hing und aus uns Zuschauern eine verschworene, von Sauerstoff abgeschnittene Bruderschaft machte. Die Rheinischen Frohnaturen trugen sicherlich auch ihren Teil dazu bei. Sowie die fröhlichen Gemüter, die ebenfalls eine brennende Leidenschaft für den FC zeigten, obwohl sie nicht einmal aus dem Rheinland stammen. Einer von ihnen ist mein Kumpel Marcel, ein Schwabe, der die Geißböcke seit frühester Kindheit tief im seinem Herzen trägt. Gut möglich, dass auch die Schadenfreude eine Rolle spielte: Den so großen und arroganten FC Bayern endlich wieder verlieren zu sehen. Wahrscheinlich ist die Antwort aber viel einfacher: Ich hatte schlichtweg ein paar Kölsch zuviel, geht ja schneller als man denkt.

Ich muss gestehen, im Nachhinein kann ich gar nicht mehr recht erinnern, was mich so faszinierte, als ich Marcel zum ersten Mal in seine FC Köln-Kneipe „Schwalbe“ begleitet hatte. Gezeigt wurde das Spiel gegen den FC Bayern in der Saison 08/09. Etwas hatte mich damals gepackt und das lässt mich bis heute nicht mehr los. Dieses Kneipenspiel war für mich der Anstoß zum Schreiben über Fußball und für dieses Blog. Komischerweise ging der Impuls vom 1. FC Köln und nicht von meinem Verein, dem HSV, aus.

In Gunter Gebauers Buch Poetik des Fußballs bin ich auf eine Erklärung gestoßen, warum Fußballschauen in der Öffentlichkeit so attraktiv ist. Der Kulturwissenschaftler beschreibt zwar die Situation im Stadion, doch meiner Meinung nach gilt Gebauers These auch für die Fußballstammkneipe:
Beim Zuschauen verschmelzen Fan und Spieler zu einem Körper. Die Anhänger leiden mit dem eigenen Team mit, sie fühlen das Foul am eigenen Mann schmerzhaft nach und dürfen – im Gegensatz zu den Akteuren auf dem Platz – ihrer Empörung freien Lauf lassen. Der Kneipengucker ist mitten drin im Spiel, es zuckt in seinen Beinen und er schreit den Bildschirm an mit Anweisungen wie „Spiel ab!“ oder „Schieß!“, weil er glaubt dadurch seiner Mannschaft im entscheidenden Moment helfen und die eigene Nervosität kontrollieren zu können. Bei meinem Besuch in der „Schwalbe“ hat das hervorragend geklappt. Der FC hatte zweizueins gegen die Bayern gewonnen, auch weil die Kölner Fans zahlreiche rheinische Gesänge angestimmt hatten.

Am heutigen 21. Spieltag steige ich wieder einmal hinab in die Höhle des Geißbocks, das Auswärtsspiel des HSV gegen Köln ist auch für mich ein Gastspiel. Diesmal schreie ich verständlicherweise nicht für den FC und bin auch nicht dessen Glücksbringer. Mein Jubel wird allein den Hamburger Toren gelten. Danach bekomme ich vom Wirt sicher Kölsch-Verbot, und mir wird meine Fahrradklingel verstellt. Aber das ist es mir wert.


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