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Von Adolf lernen

dsc001381Bei den Bayern wollen sie jetzt einen Fußball-Lehrer, hat Uli Hoeneß letzte Woche gesagt. Man hat also  genug von ambitionierten Projektleitern, von Buddha-Statuen und Bibliotheken für Fußballer. Auch Karl-Heinz Rummenigge, der noch vor 1 1/2 Jahren dem früheren Mathe-Lehrer Ottmar Hitzfeld erklärte, Fußball sei keine Mathematik, zieht mit Uli an einer Reißleine und will für Bayern einen erfahrenen Pauker.

Die derzeitige Vertretungskraft ist ein alter Bekannter: Jupp Heynckes, von 1987-91 Leiter der Klasse FCB, erreichte mit ihr zweimal das Klassenziel deutsche Meisterschaft und kam international dreimal wenigstens bis ins Halbfinale des Landesmeistercups – heute für München unvorstellbar. Wie vor 20 Jahren steht Heynckes mit Shorts und leicht gerötetem Kopf auf dem Trainingsplatz. Lässt seine Spieler laufen, gibt den Stars Franck Ribéry und Luca Toni Anweisungen. Bei dem können die Bayern-Spieler noch was lernen, sagen die Verantwortlichen. Und dann kommt Louis van Gaal, der ist mit Alkmaar in den Niederlanden Meister geworden, der kann was.

Ich weiß ja nicht, ich muss an meinen Sportlehrer denken. Er hieß mit Vornamen Adolf und sagte immer Sätze wie „Auf geht’s Männer“ oder „Das ist Befehls- äh… Leistungsverweigerung“. Er stammt aus einer Zeit, in der tolle Sportler noch „Sportskanonen“ und starke Schüsse aufs Tor „Granaten“ genannt wurden. Ich frage mich, was ich eigentlich bei ihm gelernt habe und mir fällt  eine Szene ein.

Wie in jeder Klasse hatten auch wir einen sportlich vollkommen unbegabten Mitschüler, der noch im Alter von 15 Jahren den Körper eines Achtjährigen hatte – nur eben länger. Damit sah er so ungelenk wie eine Giraffe aus und  hätte eigentlich vom Sportunterricht befreit werden müssen. Trotzdem mühte sich „Giraffe“ so gut es ging – ohne den geringsten Erfolg: Beim Fußballspiel war er derjenige, der die Fehlpässe machte oder den Ball nicht traf. Man stellte ihn am besten in den Sturm, da war er für die eigene Mannschaft am ungefährlichsten, leider auch für die gegnerische.  Beim Bockspringen konnte er dem Team nicht schaden, sondern nur sich selbst: Es war klar, dass er immer wieder zu kurz springen und „voll auf die Eier“ fallen würde. Dann kam das Kugelstoßen und wir fürchteten, die schwere Eisenkugel würde dem Fliegengewicht irgendwann auf die Füße oder ein anderes Körperteil fallen. Doch glücklicherweise passierte nie etwas. Insgesamt war der Sportunterricht eine ziemlich trostlose Veranstaltung für den Mitschüler.

Irgendwann in Leichtathletik, ich weiß nicht mehr, ob beim Weit- oder Hochsprung, versemmelte „Giraffe“ seinen Sprung und wir kommentierten das hämisch – nichts Neues also. Da brach es aus Adolf plötzlich heraus, er sagte solche Sachen wie, dass wir unseren Mitschüler respektieren und nicht fertig machen sollen, dass er sein bestes gebe und wo bleibe denn überhaupt unsere Kollegialität und Fairness. Irgendwie erinnerte der Ton an Trapattonis Wutrede, nur in gutem Deutsch und ohne Struuunz! Aber auch hier wusste man nicht recht, was er denn wirklich beklagte: die Tatsache, dass wir unkollegial waren oder dass gerade er der Sportlehrer dieser absoluten „Sportsniete“ sein musste.

Unser Mitschüler versemmelte natürlich auch seinen nächsten Sprung. Diesmal aber nahmen wir uns die Moralpredigt unseres Lehrers zu Herzen und respektierten „Giraffe“. Wir hatten gelernt: Lautstark beklatschten wir seinen Fehlversuch.


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