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Van Kuschelrooy

Kein Wunder, dass Ruud van Nistelrooy am 23. Spieltag gegen Eintracht Frankfurt verletzt zuschauen musste und der HSV nicht viel zustande brachte. Offiziell heißt es zwar, er laboriere an einer Oberschenkelverhärtung. Doch ich befürchte, der Topstürmer muss erst einmal die Nebenwirkungen der recht heftigen Liebesbeweise auskurieren, die ihm in den letzten Tagen von allen Seiten der Liga zuteil geworden waren. Das sind blaue Flecken, Quetschungen und Zerrungen vom permanenten Drücken, Herzen und Ansichziehen.

Der Niederländer rotiert momentan wie ein Musik-Hit durch die Fußball-Medien. Im Fernsehen präsentiert er die Europa League, er lächelt auf den Titeln der Fachmagazine und selbst die ansonsten so unterkühlten Hamburger gehen auf Kuschelkurs mit ihrer neuen 22. Nach dem entscheidenden Dreizueins gegen den VfB Stuttgart warfen sich Feld- wie Reservespieler freudetrunken auf den Torschützen und begruben ihn unter sich; der Menschenhaufen erinnerte an ein Rugbyspiel, wobei van Nistelrooy das Ei war, das die Hanseaten sicher stellten. Auch Trainer Bruno Labbadia herzte kumpelhaft seine Stürmerperle. Als ehemaliger Goalgetter war der Fußball-Lehrer wohl besonders angetan von der Abgebrühtheit seines neuen Stars. Innerhalb von 90 Sekunden und mit nur zwei Ballberührungen hatte „Van the man“ nicht nur den Kritikern beim kicker gezeigt, dass seine Tore auch im Spätherbst seiner Karriere wie welke Blätter von den Bäumen fallen.

Über seinen Qualitätsfußball sind die Hamburger momentan so erleichtert, dass sie ihren neuen Liebling nur noch knuddeln möchten. Von Babies und kleinen Kinder ist ja bekannt, dass Kuscheltiere des Nachts beruhigend wirken und sie damit besser einschlafen können. Diese „Teddybär-Funktion“ übernimmt neuerdings der Weltklassespieler für den in der Vergangenheit so sehr geplagten Rautenverein, der nun schon 23 Jahre lang von einem Titel träumt und in dem Ruf steht, sich im entscheidenden Augenblick in die Hosen zu machen. Neben vernünftigen Gesichtspunkten, die im Vorfeld für oder gegen die Verpflichtung des Niederländers sprachen, wiegt meiner Ansicht nach der symbolische Wert, den van Nistelrooy für den Verein hat, weit mehr.

Der Gefeierte jedenfalls nimmt diesen ganzen Rummel gelassen. Er wirkt zwar nicht ganz so emotionslos fischig wie einst das Phantom Roy Makaay bei den Bayern. Doch auch in seinem Gesicht liegt manchmal eine Spur von Unverständnis hinsichtlich des Aufhebens, das um seine Person gemacht wird, so als ob er sagen wolle: „Hey, fürs Toreschießen habt ihr mich ja geholt. Ich mach doch nur meinen Job.“ Trotz dieser lobenswerten Bescheidenheit wird beim HSV weiter an van Nistelrooy gedrückt und gezerrt. Ja, auch das beste Teddy-Leben hat seine Schattenseiten. Nicht selten werden dem Bärchen von allzu zärtlichen Kleinkindern Augen und Ohren ausgerissen oder das Fell bis zur Unkenntlichkeit versabbert. Und wenn das Stofftier dann ein paar Jährchen auf dem Buckel hat, landet es in einer Ecke oder aus hygienischen Gründen auf dem Friedhof der Kuscheltiere.

Solch radikale Recyclingmaßnahmen drohen dem ehemaligen Welttorschützen beim HSV in nächster Zeit sicher nicht. Zu einer bedrohten Tierart wird hingegen Dino Hermann, das Vereins-Maskottchen. Er wird wohl bald abgelöst werden: von Ruud dem Kuschelbären.


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