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Ein Tor wie ein Gedicht

Der Spielzug, den die Dortmunder Jungspunde in der 70. Minute auf den heimischen Rasen zeichneten, war Poesie von Körper und Ball, Ballspielkunst in seiner reinen Form. Die Aktion steht stellvertretend für das intelligente und inspirierte Auftreten der Dortmunder in der bisherigen Saison.

Mats Hummels gewinnt auf der Höhe der Mittellinie das Kopfballduell gegen Joris Mathijsen. Der Ball landet bei Jinji Kagawa, der gelben Gefahr aus dem Land der aufgehenden Sonne, und der Japaner legt postwendend den Hebel auf Angriff um, schickt Mario Götze auf dem rechten Flügel auf die Reise. Bis weit in den gegnerischen Strafraum dringt er vor und schiebt klug das Leder an HSV-Torhüter Jaroslav Drobny vorbei an den langen Pfosten, wo bereits Kevin Großkreutz heranprescht. Der setzt dem bisher Gezeigten noch die Krone auf, denn er trifft eine Entscheidung, die man nur mit einem Wort beschreiben kann: genial.

Er hält nicht blindlinks aufs kurze Eck im Gottvertrauen, dass die Kugel schon irgendwie an dem Hamburger Abwehrspieler vorbei ins Tor trudeln wird. In der aktuellen Form vertraut der 22-Jährige nicht Gott sondern seinem Torjäger. Schiebt den Ball uneigennützig mit dem Außenrist zurück an den Rand des Fünfmeterraums, direkt zu Lucas Barrios, weil der einfach besser postiert ist und nur noch seinen Fuß hinhalten muss.

Selbst für einen eingefleischten HSV-Fan wie mich war es im Nachhinein eine Freude, den Ball so munter im Strafraum zirkulieren zu sehen, selbst wenn das auf Kosten meines Vereins ging. Nicht nur körperlich war das jugendliche Sturm-und-Drang-Team von Jürgen Klopp dem Gegner überlegen. Vor allem geistig schalteten sie den berüchtigten kleinen Moment schneller, der die Spitze vom Mittelmaß trennt.

Widerlegt sind Kritiker aus den Anfangsjahren des Fußballs, wonach die „Fußlümmelei“, wie der Stuttgarter Professor Karl Planck das Spiel an der Wende zum 20. Jahrhundert nannte, einen schädlichen Einfluss auf die Jugend habe. Andere Stimmen sprechen noch in den 30er Jahren von einem „blödsinnigen Herumgelaufe und Herumgetrete“, einem Spiel von „abstoßender Rohheit“, das zudem das Schuhwerk ruiniere. (Moritz, S.61).

Heute wissen wir, dass das Ballspiel die Jugendlichen eher fördert: Es kann Teamfähigkeit sowie motorische Begabungen ausbilden und verfeinern. Eine Aufwertung dieses Sports wird unter anderem durch den Begriff „Spielintelligenz“ ausgedrückt, eine Eigenschaft, die man Akteuren wie Lionel Messi, Mesut Özil oder eben dem Dortmunder Nuri Sahin zuspricht.

Erfolgreiche Teams haben ein geringes Durchschnittsalter. Dieser Trend trifft auf das DFB-Team ebenso zu wie auf die Top-Mannschaften der Bundesliga. Zu diesem Kreis zählen die wieder einmal zu zögerlichen und zu sehr auf Sicherheit bedachten Hamburgern momentan nicht. Ihnen wurde in der Partie gegen den Tabellenführer plastisch vorgeführt, wie erfrischend intelligenter Fußball sein kann, und wo die Grenzen des Rautenklubs in dieser Spielzeit liegen.

Gegen die dynamische Jugendbewegung aus Westfalen konnten die Hanseaten nur ihr Alibi-Talent Heung-Min-Son aufbieten, das zwar kurzzeitig ein frisches Lüftchen in den Angriff brachte, aber letztlich von dem gemächlichem Tempo seiner betagten Mannschaftskameraden ausgebremst wurde.

Armin Veh, der leidende HSV-Coach, kritisierte dann auch nicht das Alter, sondern die leidenschaftlose Vorstellung seiner Elf, sie habe kein Herz gezeigt. Wenn schon feine Poesie derzeit aufgrund der dünnen Personaldecke an der Alster nicht möglich ist, so sollten die teuren Kicker wenigstens die Ärmel hochkrempeln und einmal wieder richtig malochen: Grasfresserlyrik wäre angesagt.

Quelle: Rainer Moritz (Hg), „Vorne fallen die Tore.“ Fischer Verlag Frankfurt/Main 2006.

Zehn gewinnt – Das Lesebuch „Vorne fallen die Tore“ von Rainer Moritz

Das Spiel elf gegen zehn nach einem Platzverweis hat seine eigenen, bisweilen paradoxen Gesetze. Eines davon besagt, dass ein Team in Unterzahl unberechenbar und keineswegs besiegt ist; manchmal agiert die dezimierte Mannschaft sogar wie in einem Rausch. Jeder Spieler läuft noch ein paar Schritte mehr als vorher, ist deshalb den entscheidenden Tick schneller am Ball und passt diesen postwendend zum nächsten freien Mitspieler. Die Kombinationen laufen plötzlich wie am Schnürchen, man führt den Gegner vor, der zu elft gehemmt wirkt und ein ums andere Mal ins Leere rutscht. Nicht selten bedeutet der vermeintliche Vorteil für die vollzählige Mannschaft eine Last. Diese wird sogar größer, wenn der Kontrahent zu zehnt ein Tor erzielt – wie im letzten Hinrundenspiel des HSV gegen die Weserlinge geschehen. Gut 60 Minuten lang wehrten sich die Hamburger erfolgreich gegen zahlenmäßig überlegene Bremer. Und am Ende fragte man sich an der Weser konsterniert, warum man um alles in der Welt verloren hat.

Rainer Moritz gibt in seinem Lesebuch Vorne fallen die Tore darauf eine Antwort. Die Zahl „elf“ ist nach Aussage von Brauchtumsforschern im christlichen Verständnis ein Sinnbild für die Sünde des Menschen, denn sie übersteigt die Zehn, die seit dem Dekalog als heilig gilt. Die Fußballelf sei also nichts anderes als die Personifikation der Übertretung göttlicher Gebote, eine karnevaleske „verkehrte Welt“. Wird ein Team um einen Spieler dezimiert, ist die heilige Ordnung wieder hergestellt und man kann mit Unterstützung der Fußballgötter endlich befreit aufspielen. Nachträglich müsste der HSV also Marko Marin danken, dass er sich wie ein verschwitztes Handtuch hat auf den Boden fallen lassen, und so die rote Karte für Jerome Boateng provozierte. Damit hatten die Rothosen den Sieg in der Tasche.

Außer Zahlenmystik finden sich in dem unterhaltsamen Buch Porträts von Spielerlegenden: Gewürdigt werden unter anderem der Österreicher Mathias Sindelar, den man wegen seines feingliedrigen Körperbaus „den Papierenen“ nannte, und der Brasilianer Garrincha – er war als Kind sehr schmächtig, litt an Kinderlähmung und wurde dennoch ein begnadeter Rechtsaußen. Auch allerlei Kurioses hat der Autor zusammengetragen: Zum Beispiel die Anekdote von einem Schiedsrichter, dem in einem Spiel gleich drei Uhren kaputt gegangen sind, nichtsdestotrotz hat er die Partie rechtzeitig abpfeifen können. Oder das eigentümliche Essverhalten des Blonden Engels Bernd Schuster: Er verdrückte vor und nach dem Spiel immer seine Lieblingsmahlzeit: Gurkensalat nach Art von Mutti.

Rainer Moritz (Hg), „Vorne fallen die Tore.“ Fischer Verlag Frankfurt/Main 2006.


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