Posts Tagged 'Milan'

Das Schaf im Wolfspelz

Niemand kann der Hertha den Vorwurf machen, sie hätte es gestern in ihrem Europa League-Spiel nicht zumindest versucht. Wirklich, sie wollte ein ebenbürtiger Gegner sein und Sporting Lissabon das Feld nicht kampflos überlassen. Der FC Bayern München hatte in der vergangenen Saison ja bereits gezeigt, dass die Portugiesen verwundbar sind, und ihnen zwei Mal richtig das Fell über die Ohren gezogen. Aber an der Spree glaubte man nicht mehr an einen derartigen Jagderfolg und setzte demgegenüber auf listige, psychologische Finten, die den Gegner verwirren und verunsichern sollten.

Zum Beispiel ließ der Club einen gewissen Kaka auflaufen, der jedoch, wie man schnell feststellen konnte, mit dem Mittelfeld-Ass von Real Madrid weder verwandt noch verschwägert ist. Dem Hertha-Kaka fehlt nämlich leider genau das, womit sein Namensvetter aus der Primera Division die Welt verzaubert: das Fußball-Gen.
Doch wenigstens auf die quer gestreiften Sporting-Trikots gaben die Berliner eine freche Antwort: Ihr längs gestreiftes, schwarz-rotes Auswärtsdress, das ganz zufällig an das Heimtrikot von AC Mailand erinnert. Auch wenn die Farben von Milan momentan genauso wenig furchteinflößend wirken wie die der Hertha: die Verwirrung war grandios.
Und zum Schluss musste man sogar vermuten, die Herthaner haben einen Hund ins Stadion eingeschleust. Ununterbrochen hallte aufgeregtes Gekläffe durch die Arena. Sollte das etwa eine Weddinger-Hinterhof-Atmosphäre ins Stadion zaubern? Wo noch ehrlich im Käfig gebolzt wird und Hunde ihr Maul mindestens so weit aufreißen dürfen wie ihre Herrchen.

Die Zielsetzung dieser großen Illusion liegt auf der Hand: Sporting Lissabon sollte eingeschüchtert werden und das Gefühl bekommen, der Gegner sei kein unterdurchschnittliches Bundesligateam, sondern der AC Mailand. Und in dessen Reihen hat bekanntlich der Topstar Kaka vor gar nicht allzu langer Zeit gewirbelt. Hertha spielte also das Schaf im Wolfspelz. Schade nur, dass der Wolf Milan momentan große Zahnprobleme hat und auch nicht mehr kräftig zubeißt. Deshalb ging das raffinierte Verwirrspiel nicht auf: Hertha verlor erneut, wenn auch nur knapp mit Einszunull.

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Italienspiele – Birgit Schönaus Buch „Calcio“

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In meiner Kinder- und Jugendzeit waren die „Italienspiele“, also die Begegnungen der italienischen Liga mit deutscher Beteiligung, die Höhepunkte der ansonsten öden Sportschau am Sonntag. In den gut fünfminütigen Beiträgen erlebte ich eine ganz andere Fußballwelt und staunte. Die Serie A war damals die beste Fußball-Liga Europas und dort spielten auch die besten deutschen Fußballer. Heute trauen sich deutsche Stars nicht mehr über die Alpen und wechseln lieber zum FC Bayern, zum Beispiel Mario Gomez. Damals trugen Karl-Heinz Rummenigge, Hansi Müller, Lothar Matthäus und Jürgen Klinsmann jedoch stolz das fremde, schwarz-blau gestreifte Dress von Inter Mailand. In Italien hatten alle Spitzenclubs Längsstreifen (Inter, Milan, Juve), was edel, vor allem aber aggressiv und verwegen wirkte. Auf den Zuschauerrängen, die ständig in dichten Rauch und Qualm gehüllt waren, herrschte ein beeindruckendes Chaos. Die Fans hüpften und jubelten inmitten bengalischer Feuer und Leuchtraketen. Disziplinierter waren die Akteure auf dem Spielfeld – meist hielt die Abwehr, jeder wusste, es würde nullnull ausgehen, vielleicht auch einsnull, wenn einer unserer Jungs traf. Bemerkenswerterweise gewann ausgerechnet Hans-Peter Briegel, die „Walz von der Pfalz“, als einziger Deutscher die italienische Meisterschaft und wurde dafür sogar in Deutschland zum Fußballer des Jahres gewählt. Bei Hellas Verona machte er einfach das gleiche, was ihn schon auf dem Betzenberg ausgezeichnet hatte: 90 Minuten die Linie rauf und runter rennen.

Schon sehr früh begriff ich: Der italienische Fußball ist ein Spektakel. Diese Meinung teilt auch Birgit Schönau in ihrem Buch „Calcio – Die Italiener und ihr Fußball“. Die Journalistin und Italien-Expertin erzählt von Erfolgen und Niederlagen der Squadra Azzurra und stellt die wichtigsten Vereine der Serie A vor – aus den Metropolen und der Provinz. Die Tifosi, die fanatischen Fans, spielen ebenso eine Rolle wie der Einfluss der Medien. Birgit Schönau schafft es auch, alte Legenden und Anekdoten aufleben zu lassen; zum Beispiel porträtiert sie große Spielerpersönlichkeiten wie Gigi Riva, Roberto Baggio, Diego Maradona oder Francesco Totti.

Kompakt und auf relativ geringem Raum (223 Seiten) arbeitet sie ein ziemlich weites Feld ab. Insgesamt ist „Calcio“ ein gut geschriebenes und vor allem unterhaltsames Buch. Trotzdem hätte ich mir auch Statistiken der Nationalmannschaft oder Fotos aus alten Zeiten gewünscht. Da es 2004 veröffentlicht wurde, fehlen die neuesten Tendenzen im italienischen Fußball. Eine neue, erweiterte Auflage müsste den größten Fußballskandal in der italienischen Geschichte um den ehemaligen Juventus-Manager Luciano Moggi und seine mafiösen Kontakte berücksichtigen. Moggi flog 2006 auf, kurz vor der WM, die Italien dann aus Trotz gewann. Außerdem hat sich die Serie A von der besten Liga der Welt zum Abstellgleis für alternde, ausgebrannte Stars entwickelt. Ronaldinho, David Beckham und Fabio Cannavaro verbringen hier ihre Altersteilzeit. Andererseits verlassen junge, aufstrebende Stars das Land, um in Spanien oder England Karriere zu machen, das zeigt der Transfer von Kaká von AC Mailand nach Real Madrid. Eine Ausnahme macht Zlatan Ibrahimovic, der zwar mit dem FC Barcelona flirtet, wohl aber bei Inter bleiben wird. Präsident Massimo Moratti, der als letzter Mäzen des Calcio unvermindert sein Geld in den Verein steckt, wird dem exzentrischen Stürmer wohl ein Angebot machen, das er nicht ablehnen kann. Trotzdem wird nicht nur die Liga immer mehr zu einem Altherrenclub. Auch der Nationalmannschaft fehlen junge Talente und ein Trainer, der dem italienischen Fußball neue Impulse gibt. Von dem derzeitigen Coach, dem Weltmeister Marcello Lippi, ist dieser Wandel nicht zu erwarten.

Birgit Schönau, „Calcio. Die Italiener und ihr Fußball.“ KiWi Köln 2004.


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