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Gebet, so wird euch genommen

Zweimal spielte der HSV in der Englischen Woche in Hamburg, beidemale ließ er wichtige Punkte liegen. Paradoxerweise punktete der Traditionsverein gerade in der Begegnung, in die er weniger Herzblut investierte; gegen St. Pauli kam man nämlich gerade noch einmal so mit einem blauen Auge und einem Unentschieden davon. Drei Tage später hatten die Hamburger ihr Glück aufgebraucht. Sie dominierten zwar ihr Heimspiel gegen Wolfsburg, verloren aber durch fantastische Tore von Edin Dzeko und Grafite. Ist die erste Saisonniederlage etwa schon ein Vorbote des obligatorischen Einbruchs des HSV? Das wäre ziemlich früh, es sind gerade mal fünf Spieltage absolviert.

Nicht nur Pessimisten hatten mit einer aufgeheizten, giftigen Atmosphäre gerechnet im Hamburger Stadtderby am vergangenen Sonntag. Man erwartete knochenharte Zweikämpfe und bedingungslose Härte; Aktionen, die schon beim bloßen Zuschauen wehtun würden. Dann geschah etwas, was man selbst als hoffnungsloser Romantiker nicht für möglich gehalten hätte. Die Fans aus dem St. Pauli-Block sorgten für eine feierliche Stimmung.

Zu Frank Rosts 400. Bundesligaspiel zeigten sie sich ungewohnt großzügig und bewarfen den Jubilar mit all ihrem Toilettenpapier. Im Nu hingen Klopapierrollen wie Girlanden von der Latte, ein Konfettiregen war in den Torraum niedergeprasselt. Der Arbeitsplatz des erfahrenen Torhüters sah aus wie der Gabentisch bei einem Kindergeburtstag. Netterweise wurde auf tückische Papierkugeln verzichtet, dagegen reagiert der HSV ja allergisch.

Vielleicht wollten die St. Pauli-Fans mit der zweilagigen Festdekoration auf das bescheidene Spiel des Rautenklubs hinweisen. Ihnen war wohl auch nicht entgangen, dass die Elf von Trainer Armin Veh in dieser Partie ziemlich die Hosen voll hatte und gegen die resoluten Aufsteiger zu lethargisch spielte. Der einzig Wache unter den Schlafenden war Mladen Petric bei seinem famosen Ausgleichstreffer – ein Traumtor.

In der folgenden Begegnung gegen Wolfsburg gingen die Hanseaten dann wacher, aber auch glückloser zu Werke. Im Grunde laufen die Spiele gegen den VW-Verein immer ziemlich ähnlich ab. Die Hamburger hatten gefühlt 70% Ballkontakt, nutzten ihre Torchancen nicht und fingen dann aus zwei temporeichen Gegenstößen drei Tore.

Für Grafite scheint der HSV ein willkommener Aufbaugegner zu sein. Vor allem dann, wenn sich seine Gegenspieler so düpieren lassen wie Marcell Jansen vor dem Dreizueins. Ich würde gerne wissen, wie Gerd Gottlob wohl diese Situation kommentiert hätte. Der Treffer war übrigens auch ein Gruß an Armin Veh, früherer VfL- und derzeitiger HSV-Coach. Der knurrige Augsburger hatte in seiner kurzen Amtszeit bei Wolfsburg für den Brasilianer einen ganz besonderen Platz reserviert: auf der Reservebank.

Obwohl das Spiel unglücklich verloren wurde, hat es bei mir ein besseres Gefühl hinterlassen als das fade Unentscheiden gegen den Stadtteilrivalen. Trotzdem bleibt ein bitterer Nachgeschmack zurück: Die Wolfsburger Stürmer deckten schonungslos die Anfälligkeit für Konter bei den Hamburgern auf. Im nächsten Nordderby bei den angeschlagenen Weserlingen sollte dieser Stimmungstöter behoben werden. Denn dort wartet nicht freundliches Klopapier – sondern im schlimmsten Fall die Papierkugeln des Todes.


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