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Italienspiele – Birgit Schönaus Buch „Calcio“

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In meiner Kinder- und Jugendzeit waren die „Italienspiele“, also die Begegnungen der italienischen Liga mit deutscher Beteiligung, die Höhepunkte der ansonsten öden Sportschau am Sonntag. In den gut fünfminütigen Beiträgen erlebte ich eine ganz andere Fußballwelt und staunte. Die Serie A war damals die beste Fußball-Liga Europas und dort spielten auch die besten deutschen Fußballer. Heute trauen sich deutsche Stars nicht mehr über die Alpen und wechseln lieber zum FC Bayern, zum Beispiel Mario Gomez. Damals trugen Karl-Heinz Rummenigge, Hansi Müller, Lothar Matthäus und Jürgen Klinsmann jedoch stolz das fremde, schwarz-blau gestreifte Dress von Inter Mailand. In Italien hatten alle Spitzenclubs Längsstreifen (Inter, Milan, Juve), was edel, vor allem aber aggressiv und verwegen wirkte. Auf den Zuschauerrängen, die ständig in dichten Rauch und Qualm gehüllt waren, herrschte ein beeindruckendes Chaos. Die Fans hüpften und jubelten inmitten bengalischer Feuer und Leuchtraketen. Disziplinierter waren die Akteure auf dem Spielfeld – meist hielt die Abwehr, jeder wusste, es würde nullnull ausgehen, vielleicht auch einsnull, wenn einer unserer Jungs traf. Bemerkenswerterweise gewann ausgerechnet Hans-Peter Briegel, die „Walz von der Pfalz“, als einziger Deutscher die italienische Meisterschaft und wurde dafür sogar in Deutschland zum Fußballer des Jahres gewählt. Bei Hellas Verona machte er einfach das gleiche, was ihn schon auf dem Betzenberg ausgezeichnet hatte: 90 Minuten die Linie rauf und runter rennen.

Schon sehr früh begriff ich: Der italienische Fußball ist ein Spektakel. Diese Meinung teilt auch Birgit Schönau in ihrem Buch „Calcio – Die Italiener und ihr Fußball“. Die Journalistin und Italien-Expertin erzählt von Erfolgen und Niederlagen der Squadra Azzurra und stellt die wichtigsten Vereine der Serie A vor – aus den Metropolen und der Provinz. Die Tifosi, die fanatischen Fans, spielen ebenso eine Rolle wie der Einfluss der Medien. Birgit Schönau schafft es auch, alte Legenden und Anekdoten aufleben zu lassen; zum Beispiel porträtiert sie große Spielerpersönlichkeiten wie Gigi Riva, Roberto Baggio, Diego Maradona oder Francesco Totti.

Kompakt und auf relativ geringem Raum (223 Seiten) arbeitet sie ein ziemlich weites Feld ab. Insgesamt ist „Calcio“ ein gut geschriebenes und vor allem unterhaltsames Buch. Trotzdem hätte ich mir auch Statistiken der Nationalmannschaft oder Fotos aus alten Zeiten gewünscht. Da es 2004 veröffentlicht wurde, fehlen die neuesten Tendenzen im italienischen Fußball. Eine neue, erweiterte Auflage müsste den größten Fußballskandal in der italienischen Geschichte um den ehemaligen Juventus-Manager Luciano Moggi und seine mafiösen Kontakte berücksichtigen. Moggi flog 2006 auf, kurz vor der WM, die Italien dann aus Trotz gewann. Außerdem hat sich die Serie A von der besten Liga der Welt zum Abstellgleis für alternde, ausgebrannte Stars entwickelt. Ronaldinho, David Beckham und Fabio Cannavaro verbringen hier ihre Altersteilzeit. Andererseits verlassen junge, aufstrebende Stars das Land, um in Spanien oder England Karriere zu machen, das zeigt der Transfer von Kaká von AC Mailand nach Real Madrid. Eine Ausnahme macht Zlatan Ibrahimovic, der zwar mit dem FC Barcelona flirtet, wohl aber bei Inter bleiben wird. Präsident Massimo Moratti, der als letzter Mäzen des Calcio unvermindert sein Geld in den Verein steckt, wird dem exzentrischen Stürmer wohl ein Angebot machen, das er nicht ablehnen kann. Trotzdem wird nicht nur die Liga immer mehr zu einem Altherrenclub. Auch der Nationalmannschaft fehlen junge Talente und ein Trainer, der dem italienischen Fußball neue Impulse gibt. Von dem derzeitigen Coach, dem Weltmeister Marcello Lippi, ist dieser Wandel nicht zu erwarten.

Birgit Schönau, „Calcio. Die Italiener und ihr Fußball.“ KiWi Köln 2004.


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