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Cristiano „Holzhacker“ Ronaldo

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Foto: TG Böckingen

Frustkäufe sind gut für die Psyche, sagt man. Je mehr der Artikel kostet, desto besser. Wenn das stimmt, dann muss Real Madrid gerade wie im Drogenrausch über beide Backen strahlen:   94 Millionen Euro für Cristiano Ronaldo bedeuten den teuersten Frustkauf der Fußball-Geschichte. Es gibt kein Problem, das sich nicht mit Geld lösen ließe, so die unausgesprochene Botschaft der Verantwortlichen von Real. Und wenn die spanischen Banken so eifrig Kredite geben…

Wenn ich Cristiano Ronaldo sehe, muss ich nicht an Dollar-, Euro- oder Yen-Zeichen denken, sondern an einen ehemaligen Fußball-Kumpel aus meiner Kindheit. Er hieß mit Nachnamen Holzacker, wir nannten ihn aber „Holzhacker“, obwohl er eine feine Technik hatte und der typische zentrale Mittelfeldspieler – „der Zehner“ – war.

Ich spielte mit ihm in der E-Jugend bei der TG Böckingen, einem Vorortverein meiner Heimatstadt Heilbronn. Holzhacker war schon als kleiner Hosenscheißer ein Schönling: blondes, strähniges Haar, braungebrannte Haut, eine schlanke Figur und elegante Bewegungen – der Traum aller acht- und neunjährigen Mädchen. Wenn er schwitzte und sich anstrengte, bekam er rote Flecken unter den Augen. Das sah dann immer aus wie rote Schminke, was zu ihm passte, denn auf dem Platz benahm er sich wie eine Diva. Er schmollte, stänkerte und war immer nah am Wasser gebaut, wenn er nicht gleich das bekam, was er wollte: nämlich den Ball.

Zu dieser Zeit bezeichnete man Portugal noch als Fußball-Entwicklungsland und Cristiano Ronaldo existierte noch nicht mal als Einzeller – Holzhacker war also der unbekannte Prototyp des portugiesischen Wunderstürmers. Auch er umgab sich manchmal mit einer Bikinischönheit, seiner älteren Schwester. Sie war 16 oder 17 Jahre alt – für einen E-Jugend-Kicker eine erfahrene Frau und unerreichbar. Im Sommer sonnte sie sich im Schwimmbad,  immer auf der Steintreppe vor dem Sprungbecken – im knappen, weißen Bikini. Meist wurde dann die Schlange vor dem Dreimeter-Sprungbrett immer länger. Denn jeder halbwegs sportliche Junge über 14 wollte mit einem besonders verrückten Sprung auf sich aufmerksam machen. Für Holzhackers Schwester hätte sich wirklich jeder auch in ein leeres Becken gestürzt.

Einmal lernte ich beim Fußball mit Holzhacker sogar ein unbekanntes Wort kennen, das so geheimnisvoll wie die Abseitsregel war: „Blutagus“. In einem Spiel wollte der Schönling einen Gegenspieler elegant umdribbeln, bekam dann aber einen brachialen Tritt gegen das Bein verpasst. Er ging zu Boden, hielt sich das Knie. Dicke Diven-Tränen kullerten die Wangen herunter, raues Wimmern war zu hören – unser Mittelfeld-Ass hatte Schmerzen und musste ausgewechselt werden. Er wurde feierlich vom Platz getragen, denn er hatte einen „Blutagus“, wie unser Trainer sagte, was damals für mich soviel bedeutete wie „Spunk“ für Tommi und Annika. Erst einige Zeit später wurde mir das Wort erklärt und es verlor seine Faszination: „Bluterguss“. Wir spielten also ohne unseren Zehner weiter und gewannen trotzdem. Obwohl Holzhacker unser zentraler und wichtigster Spieler war, hatte ich das Gefühl, wir spielten ohne ihn besser. Doch schon im nächsten Spiel war er wieder auf dem Platz: fluchte und schmollte, den Krokodilstränen nah.


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