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Geißbock in der Katakombe

Letzten Samstag hat mich mein Kumpel Marcel eingeladen, in seiner Köln-Kneipe im Prenzlauer Berg Fußball zu schauen. Eigentlich bin ich eher der Sportschau-Individual-Kucker und mein Lieblingsverein ist nicht Köln, sondern seit den goldenen 80ern der HSV. Doch da mein Kumpel das Herz am rechten Fleck hat und es zudem gegen den FC Bayern ging, sagte ich zu. Dabei erlebte ich mal wieder die Faszination des Kneipen-Kuckens und kenne nun fast das ganze Team des 1.FC auswendig.

Über eine Treppe gelangten wir in den unteren, den Raucherraum der Fußballkneipe, der einer Katakombe ähnelte. Hier war es dunkel und kalt; nur der Beamer, der die Bilder der Vorberichterstattung an eine Leinwand warf, gab ein bisschen Licht und nach einer Heizung suchte man vergeblich. Es war noch niemand da und in dem Kellergewölbe herrschte eine eigentümliche Feierlichkeit. Harte Holzstühle ohne Sitzkissen standen in mehreren Reihen hintereinander, an den Seitenwänden verlor sich der ein oder andere abgewrackte, durchgesessene Sessel. Der Raum sprach für sich und sagte: Mädchen, hier wirst du nicht glücklich.

Heute wird’s sowieso nicht so voll, sagte Marcel. Einige Köln-Fans waren zur Unterstützung ihres Teams nach München gereist und die meisten feierten in der Domstadt, denn übermorgen war Rosenmontag. Trotzdem war zum Anpfiff kein Sitzplatz mehr frei und auch im Nichtraucherbereich oben drängten sich die Fans um die Leinwände. Glücklicherweise hatten wir uns schon früh einen guten Platz gesichert, von dem aus wir den ersten Andrang der Bayern inklusive nicht gegebenem Klose-Tor verfolgten.

Marcel hatte mich für dieses Spiel im Handumdrehen zum Kölner gemacht, indem er mir seinen FC-Schal umlegte. Und als die beiden Tore für Kölle fielen, sah er in mir gar einen Glücksbringer für die Geißbock-Elf.

Nach dem 2:0 wurden begeisterte Fangesänge angestimmt und Fußballer- und Vereinsnamen skandiert. Jetzt weiß ich, dass „Mondragon“ und „Geromel“ keine Fantasy-Figuren von Tolkien sind. Auch Karnevalslieder konnte man hören. Mein Kumpel, der aus der selben Stadt in Schwaben kommt wie ich, gab übrigens zu, dass auch er bis auf „Kölle Alaaf“ nichts von den kölnischen Texten versteht. Trotzdem ist er Kölner im Herzen. Die Stimmen mussten natürlich auch geölt werden. In regelmäßigen Abständen stieg die Bedienung mit einem Träger voll Kölsch in die Katakombe herunter und mit geleerten Gläsern wieder hoch.

Irgendwann in der zweiten Hälfte hatte sich ein blondes Mädchen, wohl Freundin eines Fans, in den Raucherkeller verirrt und von da an wurde das Spiel zerfahrener.

Das gab ihr die Gelegenheit den Fehler zu machen, den viele Frauen begehen: Sie stellte den Unterhaltungswert der Partie in Frage: So ein langweiliges Spiel, meinte sie. Eigentlich hätte ihr Freund nun sagen müssen: Mädchen, hier wirst du nicht glücklich. Stattdessen erklärte er ihr mit beneidenswerter Geduld und kölnischem Charme: „Das ganze Spiel lebt von der Spannung. Wenn die Bayern jetzt ein Tor schießen, dann klingelt der Kasten.“

Am Ende schossen die Bayern doch noch das Anschlusstor, aber zum Ausgleich kamen sie nicht mehr. Mit dem Schlusspfiff stand die Geißbock-Katakombe Kopf. Man fiel sich ausgelassen in die Arme, sang „Uefa-Cup“ und genoss das Glück des gemeinen Fußballfans nördlich des Weißwurst-Äquators, der nur zwei Festtage kennt: wenn die eigene Mannschaft gewinnt und der FC Bayern verliert.


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