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Goodbye Hertha

Von rechts kreuzte er unseren Weg und sprach uns an. In Berlin passiert das ja häufiger, an jeder Ecke wird man angequatscht. Meist für irgendein Abo, ein paar Cents, eine Zigarette.
Er sprach uns also an und ich wollte schon zu meinem obligatorischen „Nein, danke“ anheben, mit dem ich mir, seit ich in dieser Stadt lebe, die Bittenden vom Leib halte.

Doch der Mann, der meiner Freundin und mir beim Sonntagsspaziergang vor die Füße gelaufen war, wollte nichts erbetteln, im Gegenteil. „Gottseidank, ein Pärchen, ihr bringt mir Glück.“, grinste er und man hörte, das ein oder andere Bierchen heraus, das er sich schon genehmigt hatte. Sein Vorhaben kostete auch eine Menge Mut. Er hob uns einen zusammengeknüllten Fünfzigeuroschein entgegen. Wie sein Besitzer war dieser nicht im besten Zustand. „Den setze ich jetzt auf die Hertha und wenn die gewinnt, ist das meine Miete. Spuckt drauf!“

Obwohl der Hauptstadtclub uns ziemlich schnuppe ist, vollzogen meine Freundin und ich das erbetene Ritual. „Viel Glück!“, rief ich dem Mann noch hinterher. „Du wirst es brauchen.“ Doch der Hertha-Fan schlurfte schon weiter Richtung Wettbüro. Später drückte ich zum ersten Mal den Berlinern die Daumen. Doch an diesem Spieltag verlor die Hertha gegen Hoffenheim fünfzueins. Das war’s dann mit der Miete.

Da standen sie. Zwei feiste, besoffene Königskinder auf der gegenüberliegenden Seite der Straße. Getrennt durch die zweispurige Fahrbahn und den nicht enden wollenden Verkehr: zwei Hertha-Fans. Der eine hatte schon einen günstigen Moment abgepasst und war durch eine Lücke in der Auto-Kette auf die andere Seite geschlüpft. Er forderte den Anderen mit seinem ständigen „Hey, Alter, jetzt komm endlich“ im Grunde zu nichts Anderem als Selbstmord auf, denn die Fahrzeuge rauschten gerade undurchdringlich an uns vorbei. Der Aufgeforderte, der noch auf meiner Seite stand und ohne Rücksicht auf das Augenlicht seiner Mitmenschen, die Hertha-Fahne schwang, antwortete gröhlend: „Ole, ole, ole, ole“, wobei er die Zeile „Wir sind die Champions“ bezeichnenderweise ausließ.

Die beiden wirkten wie das letzte Aufgebot des Berliner Sportclubs, vom Olympiastadion hatte es sie ganz weit in den Osten verschlagen – dorthin, wo der 1.FC Union bis zu seinem Aufstieg in die zweite Liga gespielt hatte. Sie kamen vom Abstiegs-Finale gegen Nürnberg; und einer von ihnen nicht über die Straße. Ich wollte den mit der Fahne schon nach dem Ergebnis fragen, unterließ das aber. Ich sprach ihn lieber nicht an, sonst wäre es noch meine Schuld gewesen, wenn der stark angetrunkene Hertha-Fan überfahren worden wäre. Dann tat sich auch schon die nächste Lücke auf, die der Fan und ich nutzten.

Der Herthaner, der bereits ungeduldig auf der anderen Straßenseite gewartet hatte und sich als Anführer gebärdete, konnte nun endlich in Begleitung zum nahe gelegenen Burgerladen schwanken. Mürrisch ließ er sein ganzes Körpergewicht gegen die Eingangstür fallen – und prallte wie ein Crash Test Dummy daran ab. Auch ohne die Aufschrift gelesen zu haben, bemerkte er sofort: Auf der Tür stand „ziehen“.
Das Abstiegsspiel gegen Nürnberg hatte die Hertha übrigens zweizueins verloren. Das erklärt manches.


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