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Ein verlorener Tag

Man munkelt, dass Erdbebenforscher gestern Erschütterungen im Raum Wien gemessen haben. Ernst Happel, der Übertrainer des HSV, hat sich wohl in seinem Grab herumgedreht. Denn das Nullzudrei seines ehemaligen Meistervereins gegen Rapid war ihm wohl doch zuviel des Guten. Andererseits hatte der kettenrauchende Coach als Aktiver bei Rapid gespielt und wurde auch dort zur Legende, weshalb das Stadion seinen Namen trägt. Vielleicht kamen also die Erschütterungen von den unterirdischen Freudensprüngen des früheren Verteidigers, aber das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Dafür war der Österreicher für den Rautenverein zu prägend und stilbildend. Man erinnere sich nur an die Einführung des Pressings an der Alster, das den Gegner schon früh unter Druck setzte und den Sieg des Landesmeisterpokals sowie zweier deutscher Meisterschaften begründete.

Ausgerechnet im Ernst-Happel-Stadion musste Hamburg also eine herbe Niederlage erleiden und gerät nun in der Europa League in Zugzwang. Aus HSV-Perspektive bleibt festzuhalten, dass viel falsch gelaufen ist – seit 1683. Es wäre besser gewesen, wenn Wien in diesem Jahr türkisch geworden wäre – denn in Istanbul haben die Rothosen letzte Saison im UEFA-Cup famos gewonnen. Dass die Donaustadt doch noch vor den Osmanen gerettet wurde, lag am Hauptbefehlshaber des christlichen Heeres: Johann III. Sobieski, König von Polen. Mich würde nun brennend interessieren, wie der werte Herr Trochowski zu der tollen Tat seines quasi Landsmanns steht – heute, einen Tag nach der Pleite gegen die Ösis.

Bruno Labbadia ist ebenfalls an der Festung Wien gescheitert und die Österreicher freuen sich wieder einmal wie ein Schnitzel darüber, dass sie einen deutschen Verein besiegt haben. So schnell werden die den kleinen-Bruder-Komplex nicht los, befürchte ich. Labbadia dürfte derweil andere Sorgen haben. Er steht im Schatten des Übervaters Happel und wird beweisen müssen, dass der berühmteste Spruch des Grantlers auch für den HSV der Saison 2009/10 zutrifft: „Ein Tag ohne Fußball ist ein verlorener Tag.“

Die Neuen

Letzte Woche stockte mir kurz der Atem. Auf kicker online las ich „Mega Deal des HSV.“ Ich dachte schon, Rafael van der Vaart kommt endlich wieder vom Bankdrücken aus Madrid zurück. Oder Khalid Boulahrouz boxt sich vom Neckar bis zur Alster durch. Nein, die Hamburger verpflichteten den wichtigsten Spieler der WM 2009: Igor Vori. – Igor Vori? WM 2009? Ich begriff langsam, dass es hier nicht um Fußball sondern um Handball ging. Denn nur die überaus erfolgreichen Handballer sind beim HSV derzeit in der Lage, Mega Deals zu stemmen.

Solche Coups gibt’s bei den Fußballern schon lange nicht mehr. Die letzte wirklich Aufsehen erregende Verpflichtung war die von Franz Beckenbauer 1980, damals zweifellos ein Schlag ins Gesicht für den FC Bayern. Aber wer – außer einer mittelgroßen Elefantenherde – kann sich daran noch zurückerinnern?

Diese Saison gibt es drei Neuzugänge: Zé Roberto von Bayern, der Bielefelder Robert Tesche und Eljero Elia von Twente Enschede, dem Verein, der in der letzten Uefa-Cup-Saison zwei gratis Lehrstunden von den Rothosen erhielt. Die Neuen sind ordentliche Verstärkungen, eine gute Mischung aus Jung und Alt, Dynamik und Technik, aber sie hauen den erwartungsfrohen Fan nicht gerade vom Hocker.

Auf einen zentralen Spielgestalter im Stile van der Vaarts verzichtet man beim HSV auch in der neuen Spielzeit. Denn bei Trainer Labbadia ist das einzigartige 4-1-3-2 System der Star. Wenn das aber nicht richtig klappt, wird an dem kreativen Loch in der Mitte wahrscheinlich am meisten herumgemeckert – und an den Leistungsschwankungen von Piotr Trochowski. Vielleicht zwitscherte es darum von den Dächern, dass Michael Ballack nach Hamburg käme – eine vollkommen abstruse Meldung. Denn der HSV will ja nächste Saison einen Titel holen; Zweiter werden kann Ballack auch mit Chelsea.

Hoffentlich reicht der Kader diese Saison aus, um dieses Ziel zu verwirklichen. Ansonsten muss Igor Vori den Handball beiseite legen und die Fußballschuhe schnüren.

Ganz großes Theater

Beim HSV wird gerade ganz großes Theater gespielt. Man weiß zwar nicht genau, ob es sich dabei um eine Komödie oder eine Tragödie handelt, doch für Unterhaltung ist bestens gesorgt. Es gibt Intrigen und Ränke, ein Hauen und Stechen – nicht gegen Gegner, sondern gegen die eigenen Mannen. Der Verein nennt das „Vorbereitung auf die nächste Bundesligasaison.“ Die Konkurrenz darf sich entspannt zurücklehnen – von diesem HSV droht keine Gefahr.

Im Mittelpunkt stehen zwei ungleiche Helden: der impulsive Präsident Bernd Hoffmann und der introvertierte Sportchef Dietmar Beiersdorfer, der letzte Woche aus dem Amt gehievt wurde. Nachdem der ganz große Wurf auch dieses Mal nicht gelang, wollte der Präsident auch in sportlichen Dingen ein Wörtchen mitreden. Ist doch klar, was dem HSV fehlt! Ein ordentlicher Sechser. Mit dem Sechser hat Hoffmann schließlich schon zig Deutsche Meisterschaften gewonnen – beim Bundesliga Manager-Spiel auf der Playstation. Beiersdorfer gingen Hoffmanns Playstation Tipps zu weit, doch er verlor den Machtkampf gegen den Gegner im eigenen Lager. Damit ist die Aufarbeitung der letzten Saison für die Hamburger wohl abgeschlossen.

„Das ist nicht mehr mein HSV. Der HSV hat seine Seele verkauft!“, trauert der ausgebotete Sportchef in der Presse und man spürt, dass ihm die Raute im Herzen blutet. Er richtet sich mit diesen Worten auch an eine große Fraktion im Verein, die er stets hinter sich wusste: die HSV Supporters. Ich bin gespannt, wie sie sich in Zukunft gegenüber dem Präsidenten, dem Trainer und dem neuen Sportchef verhalten.

In diese Schlangengrube steigt nun der neue Trainer Bruno Labbadia herab, selbst bekannt als harter Hund. Er wollte mit Leverkusen heraus aus der Komfortzone. Solch eine Zone wird er in Hamburg vergeblich suchen. Denn da wird ja momentan zuerst großes Theater und dann vielleicht auch ein bisschen Fußball gespielt. Hoffentlich wünscht sich Labbadia nicht bald das Leverkusener Phlegma und die Komfortzone zurück.

Herr Labbadia, kommen Sie zum HSV?

Das wird doch alles von den Medien hochsterilisiert!

Bruno Labbadia, neuer Trainer beim HSV?

Wie bei GZSZ

Vizekusen hat am Samstag beim DFB-Pokal-Finale seinem Namen wieder alle Ehre gemacht und höflicherweise den Gegner gewinnen lassen. Einen Akteur muss man aus Trainer Bruno Labbadias Elf aber lobend herausheben. Einen, der sich mit Engagement, Leidenschaft und eisernem Willen bis zum Schluss gegen die drohende Niederlage gestemmt hat: Bruno Labbadia selbst. Wie er im feinen Zwirn am Spielfeldrand entlangtigerte und sich immer wieder über Stefan Kießling ärgerte, der zum xten Mal einen Schritt zu spät kam und an der Flanke ganz elegant vorbeisegelte – Wahnsinn!

Solch vorbildlicher Einsatz wird wohl schon bald mit der Entlassung belohnt, der frühere Stürmer kommt ziemlich wahrscheinlich zum HSV. Das Verhältnis von Labbadia zu weiten Teilen der Leverkusener Mannschaft soll gestört sein. Ein Grund: Seine Ansprachen seien für die Spieler zu hart. Auch bei Gladbach wurde der raue Umgangston von Trainer Hans Meyer gerügt. Das gesamte Team schrieb einen Beschwerdebrief an den Präsidenten und Jungstar Marko Marin beklagte sich in der Presse über Meyers ironische Sticheleien. Das war dem erfahrenen Coach dann doch zuviel Kindergeburtstag und er schmiss nun nach erreichtem Klassenerhalt hin. Auch Lukas Podolski ließ sich in der Nationalmannschaft den lauten Rüffel von Michael Ballack nicht kommentarlos gefallen und wischte zurück.

Fußball-Leiter und Kapitäne haben’s heutzutage genauso schwer wie Lehrer und Eltern: Irgendwie akzeptieren die Jungen keine Autoritäten mehr. Ein Berg von Erziehungsbüchern will ratlosen Pädagogen zu Hilfe kommen: In ihnen werden Kinder als Tyrannen bezeichnet, die Disziplin wird gelobt und man ist auf der Suche nach der guten Schule. Auch Matthias Sammer fordert von jungen Spielern, dass sie Autoritäten wieder mehr anerkennen sollen – auf dem Platz, aber auch im normalen Leben. „Das hätten wir uns früher nicht getraut“, ist der Standard-Satz der älteren, fassungslosen Generation, die sich in Hierarchien gefügt hat und das auch von den Jungen erwartet. Doch die spielen die Alten gegeneinander aus, schreiben Beschwerdebriefchen, petzen bei der Presse und pinkeln den Leitwölfen ans Bein. Sie tricksen, als ob sie sich mitten in einer Daily Soap befinden, wo die Intrige ein ganz normales Mittel zum Erreichen der persönlichen Ziele ist. Die Jungen sind nämlich nicht durch moralinsaure Ratgeber sozialisiert, sondern mit „Verbotene Liebe“, „Marienhof“ und „Unter Uns“ groß geworden und haben aus den Serien viel gelernt. Nun ist es Zeit, dass Trainer, Lehrer und Eltern ihre Erziehungsschinken einmotten und umdenken.

Vielleicht treffen sich Bruno Labbadia, Hans Meyer und Michael Ballack schon bald zu einem Videoabend und schauen sich ein paar Folgen GZSZ an. Denn das nächste Beschwerdebriefchen kommt bestimmt.


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