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Mensch, Jonathan!

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Im Alten Testament ist Jonatan – in der Lutherbibel ohne „h“ geschrieben – zugleich Sohn des israelitischen Königs Saul und bester Freund von David, dem Nachfolger auf dem Thron. Er übernimmt die wahrlich nicht beneidenswerte Aufgabe des Vermittlers zwischen den beiden Parteien.

Es ist ein einseitiger Konflikt, der zu Lasten des Königs geht. Gott hat sich bereits von Saul abgewendet, weil dieser ungehorsam war. Er hatte einen unterworfenen Stammesführer sowie dessen beste Schafe und Rinder geschont, sich also selbst an der Beute bereichert und nicht – wie von Gott befohlen – alle Feinde und deren Tiere getötet. Er hatte es sich mit dem alttestamentarischen Jahwe verscherzt und mit dem war in manchen Situation nicht gut Kirschen essen.

Zusätzlich heißt es, der böse Geist sei über Saul gekommen, möglicherweise handelt es sich hier um eine manisch-depressive Erkrankung. Dieses Leiden ist der Grund, weshalb der junge David an Sauls Hof geschickt wird, er soll durch das Harfespiel dem Kranken Linderung verschaffen. Wir haben es also mit einer frühen Form der Musiktherapie zu tun, die jedoch im Falle des mitunter sehr cholerischen Herrschers nicht anschlägt, da der vermeintliche Therapeut aus Bethlehem die Krankheit noch verstärkt.

Der junge Mann erweist sich nämlich nicht nur als feingeistiger Musiker sondern auch als erfolgreicher Kämpfer im legendären Duell gegen den Philister-Riesen Goliat. Das steigert sein Ansehen am Hof dermaßen, dass die Frauen skandieren:
„Saul hat tausend erschlagen, aber David zehntausend.“ (Sam.18, 7).

Mit Argwohn beobachtet der König den kometenhaften Aufstieg des Jünglings. Er fürchtet, David wolle ihm den Thron streitig machen. Deshalb will der Herrscher den Konkurrenten beseitigen und trachtet ihm nach dem Leben. Zweimal kann David im letzten Moment den Spießen ausweichen, die der wütende Herrscher gegen ihn wirft. Dann spitzt sich der Streit so zu, dass David vom Hof fliehen muss.

Während dessen Abwesenheit legt Jonatan bei seinem Vater ein gutes Wort für David ein, bittet ihn, von seinen Mordplänen gegen den Jüngling abzulassen. Seinem Freund hingegen verrät er die Tötungsabsichten des Vaters und teilt ihm mit, ob er bleiben oder die Gegend verlassen soll: Die drei abgeschossenen Pfeile geben Auskunft über die Stimmung des launischen Anführers.

Am Ende hat die Mission des Königssohns Erfolg: Zwischen dem Vater und dem Freund kommt es zu keinem Blutvergießen. Saul und Jonatan hingegen werden in einer Schlacht von den feindlichen Philistern getötet, was David zwar ernsthaft betrauert, ihm aber auch den Weg zum Thron der Israeliten ebnet. Das Wirken Jonatans bleibt zwar im Schatten der glanzvollen Taten, die von der Lichtgestalt David berichtet werden. Interessanterweise illustriert diese Geschichte aber auch den Gedanken, dass ein kompetenter Schlichter kein Greis sein muss, der seine Alterszeit in Talkshows verbringt. Er muss nur das Wissen und Gefühl für das Gute einer Sache haben.

Jonathan ist auch der Protagonist der gleichnamigen Erzählung des expressionistischen Dichters Georg Heym. Sie erzählt die Geschichte eines Jungen, der sich als Maschinist auf einem Dampfer bei einem Arbeitsunfall beide Beine gebrochen hat und nun im Krankenhaus liegt. Die Sterilität und Anonymität dieser Institution lasten auf dem kindlichen Helden ebenso wie sein sich zunehmend verschlechternder körperlicher Zustand.

In Erinnerungen, Fieberfantasien an die exotische Welt Asiens und Afrikas kann er zwar zeitweilig der Klinik-Tristesse entkommen; auch der kurze Kontakt zu seiner Bettnachbarin, einem jungen Mädchen, erfüllt ihn mit einem Funken Hoffnung. Am Ende kann den jungen Mann aber nicht einmal die Amputation beider Beine retten, im Gegenteil: Der medizinische Eingriff beraubt Jonathan der Eigenschaft, Mensch zu sein – seine Wahrnehmung wird hier eindrucksvoll nachgezeichnet:

„Wo vorher seine Beine gewesen waren, war jetzt ein dickes blutiges Bündel von weißen Tüchern, aus denen sein Leib aufragte wie der Körper eines exotischen Gottes aus einem Blumenkelch.“

Das offene Ende der Geschichte legt nahe, dass der Held am Ende stirbt. Er schleppt sich in seiner Vorstellung „über die Felder, über Wüsten, während das Gespenst ihm voranflog, immer weiter durch Dunkel, durch schreckliches Dunkel.“

So wüst und öde mag wohl auch der Weg über 20, 30 Meter auf Jonathan Pitroipa gewirkt haben im Spiel des HSV gegen den FC Bayern. Mutterseelenallein schoss der Hamburger auf den Kasten des FC Bayern zu, wo bereits der ehemalige HSV-Torhüter Hansjörg Butt wartete.

Pitroipas schmächtige Figur erlaubt ihm wieselflinke Bewegungen, mit denen er den meisten Verteidigern der Liga davonsprinten kann. Die schmale Statur lässt den Stürmer aus Burkina Faso aber auch mit 24 Jahren noch wie einen Jugendlichen, „eine halbe Portion“, wirken, dem in Zweikämpfen bisweilen die Standfestigkeit fehlt.

Nach dem Spiel wird Trainer Armin Veh mit bewundernswerter Gelassenheit sagen, Jonathan habe die falsche Entscheidung getroffen. Er hätte besser sein hohes Tempo ausnützen und wie ein Hochgeschwindigkeitszug rechts am Torhüter vorbei Richtung kurzes Eck preschen sollen. Jonathan Pitroipa entschied sich aber für einen Schuss ins lange Eck und traf den Pfosten.

Acht Zentimeter, so breit ist nach dem FIFA-Reglement der vertikale Torbalken, trennten die Hanseaten vom verdienten Sieg. Den Bayern blieb damit eine erneute Niederlage erspart. Der burkinische Wirbelwind ließ hingegen wieder einmal eine Gelegenheit aus, Star des Abends zu werden und den HSV weiter nach vorne zu bringen.

Der biblische Jonatan hat seinen festen Platz in den Geschichtsbüchern und auch Georg Heyms Protagonist ist noch heute Literaturliebhabern ein Begriff.
Ob Jonathan Pitroipa den HSV-Fans einmal in guter Erinnerung bleibt, hängt nicht zuletzt von einem Umstand ab: seiner zukünftigen Treffsicherheit.

Quellen:
Lutherbibel Standardausgabe. Stuttgart 1985.
Georg Heym: Dichtungen und Schriften. Band 2, Hamburg, München 1960 ff., S. 38-52.

Ene meene muh, und raus bist du!

Nürnberg, wir kommen. Eure Bratwürste, Lebkuchen und Albrecht-Dürer-Bilder sind bereits mit Nadeln durchstochen. Auch ein Altar ist aufgebaut: Auf ihm befinden sich zahlreiche Utensilien, die die Fußballgötter gnädig stimmen und die bösen Geister vertreiben sollen: das Ticket des letzten HSV-Sieges in der Liga, ein Hühnerfuß mit schwarz-blau-weiß bemalten Krallen, die Richtung Hamburg zeigen und zu guter letzt die Asche der ominösen Papierkugel in einem Aschenbecher mit Vereinslogo.
Dieser Voodoo-Zauber mag für den aufgeklärten Europäer zwar verschroben wirken; mir kann er aber momentan nicht stark genug sein, um die Unglücksserie der Hanseaten zu beenden. Vertrauter mit diesen Praktiken ist man ja in Schwarzafrika, wie Thilo Thielke in einem Kapitel seines Buchs Traumfußball – Geschichten aus Afrika anschaulich beschreibt. Da wird das Spielfeld mancherorts durch Pinkelrituale oder mit Tinkturen von Eidotter und Kokosnussschalen präpariert. Besonderes Interesse gilt dabei natürlich dem Torraum. Einige Torhüter verlassen sich weniger auf die eigenen Fähigkeiten oder die ihrer Abwehrspieler. Deshalb „vernageln“ sie ihren Kasten durch verwunschene Torwarthandschuhe, die im Netz baumeln und zu „magic hands“ werden. Oder sie bestreichen Pfosten und Torlinie mit geheimen Pulvern, damit sich das Gehäuse zusammenzieht und verkleinert, wenn der Ball angeflattert kommt.

Auch in Deutschland gehört der Aberglaube zum Fußball. Hier erleichtern sich die Fans zwar nicht auf den Rasen, versuchen aber ebenfalls durch Pinkelrituale das Spiel zu beeinflussen, indem sie zum mannschaftsdienlichen Urinieren gehen. Denn bekanntlich fallen die Tore gerade dann, wenn man mal austreten ist.

Und die Fußballer? Manche betreten das Spielfeld immer nur mit dem rechten Fuß zuerst. Andere werden vor dem Spiel zum Mönch und verzichten auf Sex oder schicken kurz vor Anpfiff noch schnell ein Stoßgebet gen Himmel. Wieder andere rasieren sich während einer Siegesserie nicht, auch wenn sie dann wie der schrullige Zauberer Catweazle aus der gleichnamigen britischen Fernsehserie aussehen.

Mein persönlicher Aberglaube verbietet mir mittlerweile, zum Fußballgucken in meine HSV-Stammkneipe zu gehen. Denn immer wenn ich dort war, spielten die Hamburger so schlecht, dass ich kaum hinschauen konnte: das letzte Mal gegen Hannover. Auch die Bundesliga-Konferenz im Radio brachte mir kein Glück und bleibt deswegen in Zukunft stumm. Vom Debakel gegen Gladbach und den „Dante!“-Rufen des Kommentators habe ich immer noch ein schreckliches Ohrensausen. Gleiches gilt für den Live-Ticker im Internet, der sich für mich nach dem Bochum Spiel ausgetickert hat. Selbst der Videotext textet seit den Kuranyi-Festspielen und dem Dreizudrei gegen Schalke kein verdammtes Unentschieden mehr. Kneipen-TV, Radio, Internet und Videotext – das alles boykottiere ich, da sie schon sieben Spiele lang im Grunde nur eins aussenden: Unglücksbotschaften für den HSV.

Gut, wenn es den Hamburgern hilft, opfere ich mich und verfolge die Spiele nicht mehr live. Stattdessen widme ich mich in dieser Zeit irgendwelchen Ersatzhandlungen, die bloß nichts mit Fußball zu tun haben, wie Handtücher bügeln, Sellerieschnitzel braten oder mit dem Hund Gassi gehen. Ich achte dann auch pedantisch darauf, dass der Hund mit der rechten Vorderpfote zuerst den Hof betritt.

Und der HSV sollte vielleicht die abergläubische Atmosphäre im Fußball zukünftig mitberücksichtigen und naturreligiöse Riten in seine Spielphilosophie integrieren. Dann könnte schon in der nächsten Saison auf dem Mannschaftsfoto neben dem Leistungsdiagnostiker und dem Osteopathen auch ein Voodoo-Priester stehen.


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