Archive for the 'International' Category



Nichts für Krimifans

Kein Durbridge in Durban.

ARD-Kalauer-Legende Gerhard Delling zur 1. Hälfte des Spiels Brasilien gegen Portugal.

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Englands liebste Nervtöter

Diese Vuvuzelas sind nur zu einem Zehntel so nervig wie der Gedanke, dass Deutschland wieder ins Finale kommen wird.

Der Daily Mirror nach dem Gute-Laune-Start der Deutschen gegen Australien.

Dschafar Aladdin Özil

Gruppe C – 3. Spieltag

Ghana – Deutschland 0:1

Es war eine Szene wie aus einem Bewerbungsvideo von Michael Ballack. 1000 Zentner Wut schleuderte der DFB-Kapitän mit seinem brachialen Freistoß in das österreichische Tor. Sein Gesicht wurde so vom Druck des Schusses verzerrt, dass sich niemand gewundert hätte, wenn der Görlitzer noch an Ort und Stelle grün angelaufen wäre. Kurzzeitig war er zu dem Marvel-Comics-Helden Hulk mutiert, um mit dessen übermenschlicher Kraft seine Mission zu erfüllen: das „Viertelfinale“. Dabei standen ihm die tapferen Österreicher im Weg. Bis zu diesem Geschoss. Der Treffer bei der EM 2008 ist Michael Ballacks Denkmal. Es stammt aus der Vorrunde, nicht aus einem großen Finalspiel, was bezeichnend ist für die ungekrönte 13.

Nun hat Mesut Özil mit dem feinen Einszunull gegen Ghana ein eigenes Meisterstück geschaffen. In seinem Gesicht sehen wir nicht die urtümliche Wut des ewigen Zweiten. Seine Mimik verrät vielmehr Klugheit und Verschlagenheit. Die Augenbrauen richten sich zu den Schläfen hin bedrohlich auf wie zwei Königskobras. Darunter liegen die froschigen Augen über der gespitzten Nase. Der Mund ist offen und erinnert an einen Fisch. Özil sieht bei seinem Traumtor dem Bösewicht Dschafar, dem Zauberer aus Walt Disneys Zeichentrickfilm „Aladdin“, zum Verwechseln ähnlich. Der will das Land mithilfe einer Wunderlampe beherrschen, die aber nur ein Mensch aus einer geheimnisvollen Höhle bergen kann, der ein „ungeschliffener Diamant“ ist – und hier kommt der junge Straßendieb Aladdin ins Spiel. Er muss zahlreiche Abenteuer bestehen, um an die ersehnte Wunderlampe zu kommen.

Auch der 21-jährige möchte das Spiel beherrschen und lenken. Er ist ebenfalls auf der Suche nach der Wunderlampe oder besser dem alles entscheidenden Pass, der wie mit einem „Simsalabim!“ verschlossene Abwehrreihen öffnet. Zugleich ist er noch unerfahren und spielt mit der Begeisterung eines Vagabunden – unberechenbar: für den Gegner, aber auch für das eigene Team. In Mesut Özil vereinen sich auf wundersame Weise beide Figuren aus dem Disney-Märchen: der Bösewicht Dschafar und der Straßendieb Aladdin.
Vielleicht schafft er ja schon im Spiel gegen England das Unmögliche: einen Elfmeter, der von der Unterkante der Latte direkt ins gegnerische Tor springt. Er würde damit das englische Trauma gegen deutsche Teams gleich doppelt fortschreiben. Das Talent dazu hätte er – und auch die Frechheit.

Die Grenzen der Mitbestimmung

Wir können vor einem Elfmeter keine Mannschaftssitzung einberufen.

Joachim Löw auf die Frage, warum gerade Lukas Podolski den Strafstoß gegen Serbien schoss.

Touché

Gruppe C – 1. Spieltag

Algerien – Slowenien 0:1

Gruppe D – 1. Spieltag

Serbien – Ghana 0:1

Deutschland – Australien 4:0

Im Grunde hat erst mit dem leidenschaftlichen Auftritt der DFB-Elf die WM richtig begonnen. In ihrem Auftaktspiel gegen Australien traf sie die Zuschauer beim Public Viewing oder zuhause vor dem Fernseher mitten ins Herz. Auch der ZDF-Kommentator Béla Réthy, der in seiner Laufbahn schon so manchen deutschen Fehlpass oder Stockfehler hat kommentieren müssen, war berührt. Er suchte nach einem Vergleich, um das, was er auf dem Spielfeld sah, einordnen zu können.
Die deutsche Mannschaft erinnere ihn an das Weltmeister-Team von 1990 mit Andreas Brehme und Pierre Littbarski auf den Außenbahnen. Das seien auch Persönlichkeiten gewesen, die den Ball mit feiner Technik kontrollieren konnten – ähnlich wie Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm, Thomas Müller und Mesut Özil.

Doch der Vergleich hinkt. Die Protagonisten des italienischen Sommers anno 90 – zu denen man neben den bereits Genannten noch Lothar Matthäus und Guido Buchwald hinzufügen muss – bildeten zwar ein Team, das seine Qualitäten hatte und weit entfernt war von dem scheußlichen Rumpelfußball der Rest-90er und beginnenden Nuller-Jahre. Auch sie verfügten über Disziplin, Technik und eine eindrucksvolle Dynamik. Aber sie waren kampferprobte Haudegen, die schon manche Schlacht geschlagen hatten, abgeklärt und cool – und vor allem nicht mehr die Jüngsten.

Das aktuelle Löw-Team wirft dagegen das in die Waagschale, womit wir schon in Oslo Europameister im Singen wurden: die Jugend, das Unverbrauchte und Unvorhersehbare.
Wurde der deutsche Fußball von der ausländischen Presse traditionell mit den Metaphern „Panzer“, „zertrümmern“, „Maschinen“ und „Roboter“ belegt, erinnert das deutsche Spiel aus dem Jahr 2010 an ein filigranes Duell im Florett-Fechten. Der Ball wird in den eigenen Reihen so lange verschoben, bis man an eine freie, verwundbare Stelle des Gegners gelangt, in die man dann blitzartig hineinstoßen kann: Touché!
Diese kontrollierte Kreativität ist so im deutschen Fußball bisher noch nicht aufgetaucht. Und auch die Variabilität, mit der das Team zu überraschen weiß, ist unvergleichlich. Philipp Lahm hat recht: Er spielt in der qualitativ besten und geistreichsten DFB-Elf.
Nur Mario Gomez hat den Zeitgeist verpasst. So tollpatschig wie er über den Platz stolpert, wirkt er wie ein Relikt aus den späten 90ern. Dahin sollte man ihn auch wieder zurückbeamen. Zeitgemäße Stürmer haben wir ja genug.

Der intelligente Designer

Gruppe B – 1. Spieltag

Griechenland – Südkorea 0:2
Argentinien – Nigeria 1:0

Gruppe C – 1. Spieltag

USA – England 1:1

Am ersten Spieltag der Gruppe B konnte man zum ersten Mal Lionel Messi in Aktion bewundern, in der Begegnung der Argentinier gegen Nigeria. Der Auftritt der Nummer 10 war ein sehr unterhaltsames Ereignis.
Immer wenn der Weltfußballer am Ball war, passierte etwas, damit konnte der Zuschauer rechnen. Ein ums andere Mal stach er mit kleinen Nähmaschinenschritten durch die nigerianische Abwehr, schloss entweder selbst ab oder setzte einen Mitspieler in Szene. Hätte man seine Laufwege auf den Rasen gezeichnet, es hätte ein wunderbar chaotisches Schnittmuster ergeben, das einer geheimen, nur dem Argentinier bekannten Ordnung folgte. Auch seine Eckstoßvarianten waren individuell zugeschnitten, instinktiv. Ganz selten wurde der Ball einfach hoch in den Strafraum gebolzt – immer stand eine Idee hinter einer Aktion. Messis finten- und trickreiches Spiel schien nicht nur den Gegner, sondern manchmal auch seine Mitspieler zu überfordern. Lionel Messi, das ist die Haute Couture des Fußballs, der letzte Schrei in Südafrika.
Zu dieser Kunst gehörte vor allem, dass sie ineffektiv war und verschwenderisch mit Chancen umging. Was passiert aber, wenn die Albiceleste auf einen gleichwertigen Gegner trifft und dem Ausnahmespieler die Bewegungsfreiheit genommen wird? Oder wenn Messi einmal einen schlechten Tag erwischt und bei ihm der Faden reißt?

Tshabalala

Gruppe A – 1. Spieltag

Südafrika – Mexiko 1:1
Uruguay – Frankreich 0:0

Wenn in 24 Jahren die WM 2034 in Usbekistan ausgetragen wird, wird man sich höchstwahrscheinlich nicht mehr an den Mann erinnern, mit dem der Aufstieg des zentralasiatischen Landes seinen Anfang genommen hat. Nur noch eingefleischten Fußball-Insidern wird der Schiedsrichter Ravshan Irmatow, der das Eröffnungsspiel dieser WM gepfiffen hat, ein Begriff sein. Ballverrückten also, die zwar die Schuhgröße und das Lieblingseis von Paul Steiner kennen, aber bei der Körbchengröße ihrer Frau passen müssen.

Auch meine Freundin wird den Unparteiischen in Erinnerung behalten, nicht weil er gut aussah oder ein stilvolles Dress anhatte. Sondern weil er ihren Tipp versaut hat. Sie hatte in ihrer WM-Tipprunde auf den Außenseiter Südafrika gesetzt – sie sympathisiert mit allen Exoten in diesem Turnier. Und sie hatte fest darauf vertraut, dass der Heimvorteil und die Vuvuzela-Tröten bei den Mexikanern stärker anschlagen würden als eine Flasche Tequila.

Das Eröffnungsspiel lief zu Beginn tatsächlich gut für den Gastgeber. In der zweiten Halbzeit ging er in Führung durch einen satten Schuss in den Winkel von Stürmer Siphiwe Tshabalala: Schon sein Name ist pure Poesie. In der 70. Minute hatten die Männer vom Kap sogar eine vielversprechende Chance auf das Zweizunull. Doch dem Schiedsrichter ging die Luft aus und er pfiff keinen Elfmeter für Südafrika.
„Der denkt wohl grad an seine Frau.“, empörte sich meine Freundin und ich fand diese Erklärung einleuchtend.

Vier Minuten später muss dann wohl auch die gesamte südafrikanische Abwehr an Frau, Freundin, Geliebte oder Shakira gedacht haben. Die Spieler waren wohl schon mit den Gedanken bei Muttis Pausen-Braai, so frei wie der Mexikaner Rafael Márquez am Fünfmeterraum zum Schuss kam. Einszueins war der Endstand, mein Tipp.


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