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Das Große Germanicum

Die philologische Kompetenz auf der Trainerbank spielt beim HSV derzeit eine große Rolle. Auf den ehemaligen Deutschlehrer Michael Oenning folgte Rodolfo Cardoso, der seinen Trainerschein aufgrund mangelnder Kenntnisse in dieser Sprache nicht erhalten hat. Frank Arnesen, Sportdirektor mit dänischem Akzent, suchte einen Nachfolger. Eine Anforderung war: Er sollte des Deutschen mächtig sein. Arnesen fand in Thorsten Fink einen Mann, der dieses Profil zur vollsten Zufriedenheit erfüllte. Von der Tatsache, dass Fink zuvor einen Verein in der Schweiz trainierte, ließ man sich in Hamburg nicht abschrecken. Die Eidgenossen empfinden das Teutonische in ihrem Herzen als Fremdkörper und sprechen lieber unverständliche Dialekte.

Angst fressen Füße auf

Wer gedacht hat, der noble HSV sei sich zu fein für die schmutzige Bestie des Abstiegskampfs, muss sich seit dem Weggang von Michael Oenning wundern. Mit feuriger Leidenschaft bestritten die Hanseaten die Partien gegen Stuttgart und Schalke. Etwas sparsamer agierte man in Freiburg, dafür umso erfolgreicher. Man konnte drei Punkte aus dem Breisgau entführen, auch wenn sie kein Schleifchen umgebunden hatten.

Gegen Wolfsburg gingen die Rothosen wieder beflügelt zu Werke. Einmal mehr konnte der Traditionsklub in der zweiten Hälfte noch einen Gang höher schalten und das Remis erzwingen. Selbst ein Sieg wäre möglich und verdient gewesen.

Leider wurden Spielfreude und Angriffsdruck in den Reihen der Hamburger oftmals durch den Alten Affen Angst gebremst. Der hatte sich beim Spielaufbau und bei einigen Torabschlüssen an die Füße der HSV-Akteure geklammert, so dass die Stürmer Mladen Petric und Paolo Guerrero in einigen Situationen zu hektisch und zu überhastet den Abschluss suchten und gute Chancen vergaben.

Gegen das Zittern im Fuß hat Neutrainer Thorsten Fink sicherlich probate Gegenmittel. Humor wirkt zum Beispiel immer befreiend. Die Huckepack-Einlage von Fink, der nach dem Tor von Petric auf seinen Sportdirektor Frank Arnesen sprang und ihm später ein herzliches  Bussi auf die Wange drückte, zeigten schon deutlich die stimmungsvolle Atmosphäre, die der Westfale in Hamburg schaffen möchte. Niemand wird sich wundern, wenn beim nächsten Tor der Hanseaten die Trainerbank eine ordentliche Polonaise Blankenese startet oder den Ententanz aufführt.

Auch auf die leisen Töne versteht sich der Übungsleiter, auf den man an der Alster so große Hoffnungen setzt. Schon nach seinem ersten Spiel sei eine deutliche Verbesserung des Rautenklubs offensichtlich, flunkert er im Interview. Man sei einen ganzen Tabellenplatz nach oben  geklettert, was sicher an seiner Aura liege. In solchen Momenten kommt ihm sein Schweizer Hintergrund zugute. Die Eidgenossen gelten nicht gerade als Völkchen, das leicht in Panik und Übermut verfällt.

Ein Sketch des Schweizer Komikers Emil Steinberger aus den 80er Jahren illustriert diese behäbige Grundhaltung recht anschaulich. In einer Polizeistelle geht ein Anruf ein, vor einem Haus sei eine Bombe gefunden worden. Emil in der Rolle des Beamten meint, das sei ja eine Überraschung. Aber im Moment könne kein Polizist vorbeikommen – um halb drei in der Nacht seien schon alle im Bett.

Hoffentlich achtet Thorsten Fink in Zukunft ähnlich beflissen auf die Nachtruhe seiner Schützlinge. Beim Gegentreffer von Mario Mandzukic in der zweiten Minute wirkten einige nämlich nicht ganz ausgeschlafen.

Der Sketch ist hier in einem Auszug zu sehen, ab Sekunde 42.

HSV Guck-in-die-Luft

Es ist das Schicksal des Hans Guck-in-die-Luft, das der HSV seit Ende der Ära Ernst Happel erleidet. Wie bei der Figur aus Dr. Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter ging der Blick des Vereins immer nach oben. Meisterschaft, Champions League, Europa League waren die Kategorien, in denen der Klub dachte. Präsident Bernd Hoffmann, Namensvetter des Brachialpädagogen aus dem 19. Jahrhundert, feuerte die hohen Ambitionen an, indem er das Ziel formulierte, die Hamburger unter die Top Ten Europas zu bringen.

Aber Pustekuchen, der Herr Chef-Kaufmann hatte sich verrechnet. Die überaus erfolgreiche Saison 08/09, in der die Hanseaten um drei Titel mitspielten, wurde im Nachhinein als Misserfolg gewertet, weil schlussendlich doch Werder Bremen in vier Spielen die besseren Nerven, den stärkeren Willen und zudem auch ein kleinbisschen mehr Glück hatte. Hier hätte man den Weg weiter gehen  können, aber es kam zum Bruch mit Trainer Martin Jol und Manager Dietmar Beiersdorfer.

Im Struwwelpeter ist der Hans ins Wasser gefallen und muss die Schadenfreude von drei Fischen über sich ergehen lassen. Auch für den abgestürzten Bundesliga-Dino hat ein Großteil der Presse momentan nur bittere Häme übrig. Die Kritik an Frank Arnesens Chelsea-Einkaufs-Tour und der vermeintlichen Trainerfindungsodyssee ist legitim. Die Sport-Bild übertraf sich aber einmal mehr mit windigen Spekulationen, wer denn nun Übungsleiter bei dem angeschlagenen Traditionsverein werden könnte. Selbst die seriöse Journaille gebärdet sich dem strauchelnden Nordklub gegenüber als famose Kanaille. Sie ist sich nicht zu schade, mit dem Kürzel HSV Kalauer zu betreiben, die selbst für das Repertoire von Mario Barth zu flach wären.

In der Moralgeschichte retten zwei Männer den unglücklichen Hans vor dem Ertrinken und auch an der Alster soll ein dynamisches Duo den Absturz auffangen. Sportdirektor Frank Arnesen holte den smarten Shootingstar vom FCB auf die Hamburger Trainerbank. Thorsten Fink gibt für den Letzten der Bundesliga den FC Basel auf. Und damit die Aussicht auf Spiele gegen Manchester United und Benfica Lissabon in der Champions League, woraufhin der Schweizer Meister prompt zuhause gegen die Portugiesen verlor. Die unmittelbaren Gegner für den Trainer, der sich selbst als „Typ Klopp“ sieht, sind nun Provinzklubs aus dem Süden: Augsburg, Freiburg, Mainz, Kaiserslautern.

Der ehemalige Bayern-Spieler tut gut daran, erst einmal keine mittel- oder langfristigen Ziele auszugeben. Denn er kennt das Mentalitäts-Problem, das der Hans Guck-in-die-Luft mit dem HSV gemein hat:

„Vor die eignen Füße dicht, / Ja, da sah der Bursche nicht.“

Hoffen wir, dass der HSV langsam in Gang kommt. Ein Aufwärtstrend seit dem Sieg in Stuttgart nährt die Hoffnung.

Nehmt Abschied Brüder

Christian Zaschke schreibt im aktuellen SZ-Magazin über die Krokodilstränen scheidender Bundesligastars. In der Kolumne „Das verstehe ich nicht“ fragt er sich, warum die Abschiede von Nuri Sahin, Manuel Neuer und Holger Stanislawski so sentimental waren. Alle drei haben sich doch für einen viel besseren Club entschieden.

Hätten sich die Akteure lieber ein Beispiel am HSV genommen. Hier sagte Trainer Armin Veh am Tag nach der Nullzusechs-Schlappe gegen Bayern Servus. Nicht leise sondern mit einem schallenden Lachen. Er wirkte wie ein Pennäler, der frisch aus dem Mathe-Abi gekommen ist und schnurstracks die Raucherecke aufsucht. Auch eine Art zu gehen.

Finale im Fohlenzimmer

Das konnte kein Zufall sein. Ausgerechnet am Wochenende des Bundesliga-Saisonfinales kamen meine Eltern aus dem Schwabenland nach Berlin zu Besuch. Es bedurfte nicht allzu großer Überredungskunst, meinen Vater am Entscheidungstag in eine Fankneipe zu bewegen. Meine Mutter hatte zum Zeichen des teilnahmslosen Einverständnisses den Daumen hochgereckt und auch von meiner Angebeteten kam kein Einwand gegen den vorgezogenen Herrentag.

Der Herr Papa zeigte sich an der obligatorischen Reichstag-Brandenburger-Tor-Unter-den-Linden-Tour ohnehin nicht sonderlich interessiert. Außerdem kann er schon auf eine stattliche Reihe von Kneipengängen mit seinem Sohn zurückblicken, die sich meist recht vergnüglich gestaltet hatten. Diese Serie sollte sich nun in Berlin fortsetzen – bei kühlem Bier und leidenschaftlichem Fußball.

Wir kehrten aber nicht, wie man vielleicht vermuten mag, in das HSV-Lokal nahe der Schönhauser Allee ein. Es verschlug uns an einen Ort, wo mehr Spannung zu erwarten war: das Hops & Barley im Friedrichshain, eine Gladbach-Kneipe. Hier ging es um den nackten Existenzkampf, den Verbleib in der 1. Liga, wohingegen Hamburg nur um einen Platz im trüben Mittelfeld der Tabelle spielte. Einmal mehr begab ich mich auf fremdes Terrain. Nach meinen Ausflügen in das FC Köln Klubheim war nun die Höhle der Fohlen an der Reihe.

Die Räumlichkeit schien wie für meinen Vater, einen ehemaligen Borussen-Fan, hergerichtet. An den Wänden waren liebevoll schwarz-weiß-grüne Fahnen und Tücher drapiert. Vor die Leinwand hatte man Mini-Bierbänke und ausgemusterte Sofas gruppiert. Das relativ kleine Vereinsheim machte – im Gegensatz zu der rauen, stickigen Geißbockhöhle – mehr den Eindruck eines gemütlichen Hinterzimmers, perfekt also für einen gesetzten Mann jenseits der 40.

Die deutsche Heimeligkeit wurde optisch zwar durch die Hohe Tatoo-Dichte gestört, mit Hautmalereien wird man wohl auch diesen Sommer in den hippen Bezirken Berlins bombadiert. Aber die Kneipe steht schließlich dafür, dass sie kein Bier für Nazis ausschenkt.

Das selbstgebraute, leckere Gerstengetränk floss also in politisch korrekter Atmosphäre wie Balsam die Kehlen hinunter. Mein Vater genoss das Dunkle, ich genehmigte mir das Helle und langsam verspürte ich ein Gefühl zunehmender Zufriedenheit. Die Welt war im Grunde ganz in Ordnung, obwohl sich die Saison für den HSV als eine einzige Katastrophe herausgestellt hatte. Auch am letzten Spieltag brachte mein Verein nichts Vernünftiges zustande, aber weshalb hätte es auch eine Wende geben sollen?

Die aktuellen Gladbach-Stars spielten in der ersten Hälfte die Hamburger schwindlig. Marco Reus dribbelte und Dante wuchtete die Bälle aus der Abwehr. Doch mein Vater schwelgte in der Erinnerung an die 70er Jahre. Die Bökelberg-Legenden Allan Simonsen und Horst Köppel, den sie in seiner Stuttgart Zeit nur „’s Horschtle“ nannten, hatten es ihm besonders angetan. Die Verkaufspolitik von Präsident Helmut Grashoff in den 80er Jahren habe den Verein jedoch kaputt gemacht und ihm den Spaß am VfL vergällt.

Da waren wir wieder beim Lieblingsthema meines Vaters angekommen: Baden-Württemberg. Es gab wohl niemanden im Hops & Barley, der baden-württembergischer war als er. Im Gespräch mit einem Borussen-Fan wurde er gefragt, für welchen Verein denn sein Herz schlage. Endlich hatte er die Gelegenheit, sich zu dem Land im Südwesten zu bekennen. In der ersten Liga unterstütze er Stuttgart, Hoffenheim und Freiburg – Hauptsache die Mannschaft komme aus dem Ländle. Aber eigentlich sei er Anhänger des Karlsruher SC. Diese Antwort brachte seinen Gesprächspartner zum Schmunzeln. Es sei praktisch, viele Klubs zu unterstützen, sagte er – denn einer gewinnt ja immer.

Mit seinem Faible für den KSC überwindet er sogar ideologische Grenzen in der Spätzle-Region. Eigentlich ist es nämlich undenkbar, dass ein Württemberger einen Badener – oder „Gelbfüßler“ – unterstützt, umgekehrt verhält es sich genauso. Man wünscht dem „Schwabenseckel“ nichts Gutes und pflegt lieber eine Rivalität, die mit Hohn und Spott für den Gegenüber gewürzt ist.

Solche Animositäten sind meinem Vater fremd. Neben der gezeigten Partie interessierte er sich ganz besonders für ein Spiel, in dem es nach dem Sieg von Leverkusen nur noch um die goldene Maultasche ging. Trotzdem wollte der Lokalpatriot in Person unbedingt, dass der VfB Stuttgart gegen die Bayern gewinnt – ein Wunsch, der sich nicht erfüllen sollte. Im Gegensatz dazu hatten die Gladbacher nur noch Ohren für die Zwischenstände der direkten Konkurrenten Frankfurt und Wolfsburg. Am Ende wurde alles Hoffen und Bangen zur Häfte erfüllt. Der Traditionsklub stieg zwar nicht ab, muss aber gegen den VfL Bochum in die Relegation. Auf Borussen-Seite zeigte man sich mit diesem Ausgang eher zufrieden.

Das Spiel bildete übrigens in Kurzversion die gesamte HSV-Saison ab. Die erste Halbzeit hatten die Hanseaten einfach verschlafen und wurden von aggressiv draufgehenden Gladbachern im eigenen Stadion in die Defensive gedrängt. Nach dem Seitenwechsel wachten die Hamburger langsam auf, verpassten es aber, den Gegner mit dem zweiten Tor zu besiegen. Unter dem Strich kam ein Unentschieden heraus, das unbefriedigend war. Es gab also kein versöhnliches Ende an der Elbe.

Zuhause zeigte ich stolz Handy-Fotos von der Fankneipe, auf denen meine bessere Hälfte eine überraschende Entdeckung machte: „Die Wand ist ja in derselben Farbe gestrichen wie unser Schlafzimmer.“
Da soll noch einer sagen, Fußball sei das Einzige, was zählt.


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