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Ab durch die Hecke, Torres!

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Foto: Dreamworks

Dreschen, hämmern, zimmern, rohren, knallen….Die Fußballsprache ist zwar voller Metaphern, doch für Michael Ballacks fulminantes Tor beim Vorrundenspiel gegen Österreich schien jede Vokabel zu schwach. Deshalb richtete der SZ-Autor sein Augenmerk nicht auf den Überschallflug des Balles, sondern auf die unheimliche Mimik und Körpersprache des Schützen beim Schuss. Er sah den deutschen Kapitän in die Comic-Figur Hulk verwandelt. Hulk ist der Held, der nicht gut mit Stress umgehen kann. Wenn es ihm zuviel wird, sagt er nicht österreichisch „I wer narrisch“, sondern läuft grün an, wächst zum Riesen über sich hinaus und entwickelt in seiner Wut übermenschliche Kräfte – und dann kracht’s wie bei Ballack gegen Österreich.

Auch die Bildzeitung griff in die Comic-Fundgrube: Sie nannte das nicht gerade dynamische Verteidiger-Duo Mertesacker und Metzelder „Schnarch und Schleich“, was an die Slapstickfiguren „Clever und Smart“ erinnert. Metzelder fand diese Parallele charmant, möchte aber lieber „Schleich“ als „Schnarch“ sein.

Die schillerndste Verwandlung vollzog sich an dem Final-Torschützen Fernando Torres, der wegen seines jugendlichen Aussehens in Spanien El Nino (das Kind) genannt wird. Folgerichtigwurde aus ihm „Hammy“, das hyperaktive Eichhörnchen aus dem Animationsfilm „Ab durch die Hecke“. In einer Szene des Films hat das notorisch aufgeputschte Tier zuviel von seinem Lieblingsgetränk „Mach 6“ konsumiert, weshalb ihm die Echtzeit wie eine Zeitlupe vorkommt. Eben so müssen demaufgedrehten Torres beim entscheidenden Tor seine deutschen Gegner erschienen sein: Aus Lahm und Lehmann wurden Laaaaahhhhhm und Leeeeehhhhhmann, die einfach nicht in Fahrt kamen und der Spanier startete ab durch die Hecke zum Siegtreffer.

Was haben wir daraus gelernt? Ein Spiel wird zwar immer noch in 90 Minuten gewonnen, aber in den wichtigen Begegnungen gibt es einzelne Momente, die größer sind als das gewöhnliche Fußballspiel. Da es dem Betrachter in diesen Momenten die Sprache verschlägt, braucht man Vorzeige-Figuren, deren Taten an Wunderkräfte und Slapstickeinlagen von Comic-Helden erinnern.

Diese Erkenntnis, müsste auch in die „akribischste“ Gegner-Analyse des Beraterstabs um Jogi Löw einfließen. Beim nächsten Freundschaftsspiel gegen Belgien heißt es dann für die deutschen Verantwortlichen: Tim und Struppi büffeln.


Dschafar Aladdin Özil

Gruppe C – 3. Spieltag

Ghana – Deutschland 0:1

Es war eine Szene wie aus einem Bewerbungsvideo von Michael Ballack. 1000 Zentner Wut schleuderte der DFB-Kapitän mit seinem brachialen Freistoß in das österreichische Tor. Sein Gesicht wurde so vom Druck des Schusses verzerrt, dass sich niemand gewundert hätte, wenn der Görlitzer noch an Ort und Stelle grün angelaufen wäre. Kurzzeitig war er zu dem Marvel-Comics-Helden Hulk mutiert, um mit dessen übermenschlicher Kraft seine Mission zu erfüllen: das „Viertelfinale“. Dabei standen ihm die tapferen Österreicher im Weg. Bis zu diesem Geschoss. Der Treffer bei der EM 2008 ist Michael Ballacks Denkmal. Es stammt aus der Vorrunde, nicht aus einem großen Finalspiel, was bezeichnend ist für die ungekrönte 13.

Nun hat Mesut Özil mit dem feinen Einszunull gegen Ghana ein eigenes Meisterstück geschaffen. In seinem Gesicht sehen wir nicht die urtümliche Wut des ewigen Zweiten. Seine Mimik verrät vielmehr Klugheit und Verschlagenheit. Die Augenbrauen richten sich zu den Schläfen hin bedrohlich auf wie zwei Königskobras. Darunter liegen die froschigen Augen über der gespitzten Nase. Der Mund ist offen und erinnert an einen Fisch. Özil sieht bei seinem Traumtor dem Bösewicht Dschafar, dem Zauberer aus Walt Disneys Zeichentrickfilm „Aladdin“, zum Verwechseln ähnlich. Der will das Land mithilfe einer Wunderlampe beherrschen, die aber nur ein Mensch aus einer geheimnisvollen Höhle bergen kann, der ein „ungeschliffener Diamant“ ist – und hier kommt der junge Straßendieb Aladdin ins Spiel. Er muss zahlreiche Abenteuer bestehen, um an die ersehnte Wunderlampe zu kommen.

Auch der 21-jährige möchte das Spiel beherrschen und lenken. Er ist ebenfalls auf der Suche nach der Wunderlampe oder besser dem alles entscheidenden Pass, der wie mit einem „Simsalabim!“ verschlossene Abwehrreihen öffnet. Zugleich ist er noch unerfahren und spielt mit der Begeisterung eines Vagabunden – unberechenbar: für den Gegner, aber auch für das eigene Team. In Mesut Özil vereinen sich auf wundersame Weise beide Figuren aus dem Disney-Märchen: der Bösewicht Dschafar und der Straßendieb Aladdin.
Vielleicht schafft er ja schon im Spiel gegen England das Unmögliche: einen Elfmeter, der von der Unterkante der Latte direkt ins gegnerische Tor springt. Er würde damit das englische Trauma gegen deutsche Teams gleich doppelt fortschreiben. Das Talent dazu hätte er – und auch die Frechheit.


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