Lauter Schwalbenkönige

Vielleicht lag es an dem dunklen Keller, den harten Holzstühlen und Bierbänken, die um das helle Licht der Leinwand platziert waren. An dem Gestank von Zigaretten, Bier und Schweiß, der in der stickigen Luft fest hing und aus uns Zuschauern eine verschworene, von Sauerstoff abgeschnittene Bruderschaft machte. Die Rheinischen Frohnaturen trugen sicherlich auch ihren Teil dazu bei. Sowie die fröhlichen Gemüter, die ebenfalls eine brennende Leidenschaft für den FC zeigten, obwohl sie nicht einmal aus dem Rheinland stammen. Einer von ihnen ist mein Kumpel Marcel, ein Schwabe, der die Geißböcke seit frühester Kindheit tief im seinem Herzen trägt. Gut möglich, dass auch die Schadenfreude eine Rolle spielte: Den so großen und arroganten FC Bayern endlich wieder verlieren zu sehen. Wahrscheinlich ist die Antwort aber viel einfacher: Ich hatte schlichtweg ein paar Kölsch zuviel, geht ja schneller als man denkt.

Ich muss gestehen, im Nachhinein kann ich gar nicht mehr recht erinnern, was mich so faszinierte, als ich Marcel zum ersten Mal in seine FC Köln-Kneipe „Schwalbe“ begleitet hatte. Gezeigt wurde das Spiel gegen den FC Bayern in der Saison 08/09. Etwas hatte mich damals gepackt und das lässt mich bis heute nicht mehr los. Dieses Kneipenspiel war für mich der Anstoß zum Schreiben über Fußball und für dieses Blog. Komischerweise ging der Impuls vom 1. FC Köln und nicht von meinem Verein, dem HSV, aus.

In Gunter Gebauers Buch Poetik des Fußballs bin ich auf eine Erklärung gestoßen, warum Fußballschauen in der Öffentlichkeit so attraktiv ist. Der Kulturwissenschaftler beschreibt zwar die Situation im Stadion, doch meiner Meinung nach gilt Gebauers These auch für die Fußballstammkneipe:
Beim Zuschauen verschmelzen Fan und Spieler zu einem Körper. Die Anhänger leiden mit dem eigenen Team mit, sie fühlen das Foul am eigenen Mann schmerzhaft nach und dürfen – im Gegensatz zu den Akteuren auf dem Platz – ihrer Empörung freien Lauf lassen. Der Kneipengucker ist mitten drin im Spiel, es zuckt in seinen Beinen und er schreit den Bildschirm an mit Anweisungen wie „Spiel ab!“ oder „Schieß!“, weil er glaubt dadurch seiner Mannschaft im entscheidenden Moment helfen und die eigene Nervosität kontrollieren zu können. Bei meinem Besuch in der „Schwalbe“ hat das hervorragend geklappt. Der FC hatte zweizueins gegen die Bayern gewonnen, auch weil die Kölner Fans zahlreiche rheinische Gesänge angestimmt hatten.

Am heutigen 21. Spieltag steige ich wieder einmal hinab in die Höhle des Geißbocks, das Auswärtsspiel des HSV gegen Köln ist auch für mich ein Gastspiel. Diesmal schreie ich verständlicherweise nicht für den FC und bin auch nicht dessen Glücksbringer. Mein Jubel wird allein den Hamburger Toren gelten. Danach bekomme ich vom Wirt sicher Kölsch-Verbot, und mir wird meine Fahrradklingel verstellt. Aber das ist es mir wert.

1 Response to “Lauter Schwalbenkönige”


  1. 1 Marcel Februar 6, 2010 um 1:01 pm

    Sehr schöner Text – eine Hommage an die Schwalbe, den glorreichen FC (und ein wenig an mich 😉 )!

    Na dann bis nachher, sehen wir mal, ob Deine Fahrradklinge verstellt wird?


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s




Sozial

Beliebteste Artikel

Archiv

Hartplatzhelden unterstützen

%d Bloggern gefällt das: